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Caritas Duderstadt: Bertil Holst geht in Ruhestand

Berater mit Herz und Sachverstand Caritas Duderstadt: Bertil Holst geht in Ruhestand

1981. Ganz Deutschland spricht über das Filmdrama „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Der Streifen erzählt die Geschichte der drogenabhängigen Jugendlichen Christiane Felscherinow nach einem drei Jahre zuvor erschienenen Buch. Christiane F. lebt in Berlin. In einer Diskothek beginnt sie, Drogen zu nehmen.

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Untrennbar mit dem Caritas-Verband verbunden: Bertil Holst, Geschäftsführer und Gesicht der Einrichtung, geht in Ruhestand.

Quelle: Schauenberg

Duderstadt. Erst LSD und Cannabis, dann Heroin. Der Absturz beginnt. Mit der Buchveröffentlichung und dem Film gerät das Problem „Sucht“ plötzlich auch ins Bewusstsein der Menschen, die nicht in sozialen Brennpunkten leben. Auch in Duderstadt.

Hier ist es der Sozialpädagoge Bertil Holst, der mit dem Aufbau einer Suchtberatungsstelle den Grundstein legt für einen neuen Umgang mit der Krankheit Sucht. „Ich fand es hochspannend, mich dieser Aufgabe stellen zu dürfen“, schildert er rückblickend seine Reaktion auf das Angebot der damaligen Caritas-Geschäftsführung, ein völlig unbestelltes Feld zu beackern.

Heute feiert Holst seinen Abschied. Er geht am Ende der Woche in Ruhestand.

In seiner vorherigen Wirkungsstätte Wuppertal hatte Holst von 1971 bis 1976 mit Jugendlichen in einem Heim gearbeitet, die letzten drei Jahre als Leiter. Dann war er in einem sozialen Brennpunkt tätig: Obdachlosigkeit, Alkoholmissbrauch, Drogensucht – das alles lernte Holst kennen.

Neue Strukturen aufbauen

Als er 1979 seine Tätigkeit im Göttinger Caritas-Verband aufnahm, um mit psychisch Kranken zu arbeiten, gab es in der Kreisstadt noch keine Suchtberatungsstelle. Für Holst bedeutete dies: Neue Strukturen aufbauen, Netzwerke schaffen, Öffentlichkeitsarbeit leisten und präventiv tätig werden.

Und all das in einer Zeit, in der der Umgang mit Sucht in erster Linie aus systematischem Totschweigen bestand – bis Christiane F. kam und die Psychiatrie eine Revolution erfuhr: „Plötzlich gab es die Sozialpsychiatrie.“ Das Land Niedersachsen entwickelte Richtlinien für Beratungsstellen, Land und Kreis stellten Mittel zur Verfügung.

In der Bevölkerung war davon zunächst nichts zu bemerken. „Sucht wurde nicht als Krankheit gesehen.“ Außerdem habe es an Sensibilität für das Thema gemangelt: „Aufklärungsarbeit war zu der Zeit ganz wichtig.“ Obwohl er zwei Jahre lang als Einzelkämpfer unterwegs war, nahm sich Holst viel Zeit für die Öffentlichkeitsarbeit.

Dabei ging er in die Offensive: Der gebürtige Hannoveraner traf Menschen in Kneipen. „Ich bin in Gaststätten gekommen und alle hatten ein Bier vor sich stehen.“

Suchtkranke ums Haus geschlichen

Er kümmerte sich um eine Zusammenarbeit mit dem Duderstädter Krankenhaus, schulte niedergelassene Ärzte. „Therapie, Beratung und Begleitung waren damals für viele noch Neuland.“ Mit dem Kreuzbund gründete er eine Selbsthilfegruppe für Betroffene mit und besuchte Schulen, um dort zu referieren. Und er traf Suchtkranke: „Ich habe sehr viel Leid und Not gesehen“, sagt er zurückblickend.

Viele hätten sich anfangs nicht einmal in das Caritasgebäude hinein getraut – aus Angst, an der Tür gesehen und als Süchtiger stigmatisiert zu werden. Stattdessen hätten sie ihn zuhause besucht. An viele ehemalige Klienten und Patienten denke er gern zurück. Rund 120 waren es pro Jahr.

Sicher habe es Rückschläge gegeben, „doch die gehören im Leben dazu“. Er habe sich immer wieder ertappt, persönlich enttäuscht zu sein, wenn jemand einen Rückfall erlitten habe. Dafür aber konnte er sich auch immer mitfreuen, wenn ein Klient nach Abschluss der Begleitung sauber blieb. „In diesem Beruf braucht man eine gewisse Distanz, erklärt er. Aber ohne Herz geht es auch nicht.“

Holst brauchte nicht lange, um mit Menschen warm zu werden. Das gilt auch für sein Privatleben. Zunächst lebte er mit seiner Familie in Brochthausen. „Da wurde ich schnell heimisch“, sagt er und lächelt. Später seien er, seine ebenfalls im sozialpädagogischen Bereich tätige Frau und die drei Kinder nach Duderstadt gezogen – wo sie auch heute noch leben.

Abstinente Alkoholiker als Helfer

Mit der Zeit vergrößerte sich das Team, mit dem Holst in der bis heute einzigen Suchtberatungsstelle im Altkreis Duderstadt arbeitete. Von 1983 an bestand das Team aus vier Personen, darunter auch abstinente Alkoholiker, die als Suchterkranktenhelfer für die ehrenamtliche Arbeit geschult waren.

Auch das Wissen in der Bevölkerung zum Thema Abhängigkeit sei stetig angewachsen. Doch in den Zahlen schlage sich das nicht nieder. Hatten es die Berater zunächst überwiegend mit alkoholkranken Menschen zu tun, kämen jetzt Menschen mit Spielsucht, Essstörungen oder Mediensucht.

Mit der Beratung hat Holst heute nicht mehr viel zu tun, „obwohl mir das immer sehr viel Spaß gemacht hat“. Aber seit er 1994 Geschäftsführung und Vorstand des Caritasverbandes für die Stadt und den Landkreis Göttingen übernommen hat, fehle die Zeit.

Beratungen bot er nur noch zwei Jahre lang an, auch die Kurse in Autogenem Training, die er gab, wurden weniger. „Angefangen habe ich, da hatten wir 100 Mitarbeiter“, erklärt er. Heute sind es 250 – und mit jedem wuchs die Personalverantwortung bei Holst.

„Die Krönung ist das Lorenz-Werthmann-Haus“

Auch als Geschäftsführer hat Holst wieder Pionierarbeit geleistet, im Bereich der Beratungsdienste und beim Aufbau der sieben Sozialstationen. „Die Krönung ist aber das Lorenz-Werthmann-Haus“, sagt er, offensichtlich stolz auf das, was er und seine Mitarbeiter in den vergangenen fünf Jahren dort aufgebaut haben.

Einer Aufgabe hätte sich Holst gern noch gestellt: Im Januar 2015 soll in der Göttinger Gemeinde St. Godehard ein Familienzentrum eröffnet werden. „Jetzt gehe ich mitten in den Vorbereitungen“, sagt Holst. Den Beruf hinter sich zu lassen, falle ihm nicht leicht. „Aber ich weiß, dass dank der tollen Mitarbeiter der Laden weiter laufen wird“, sagt er.

Seine Zeit wolle er jetzt in erster Linie ruhiger verbringen, erst einmal in den Urlaub fahren. Dann werde er sich seinem Hobby, seiner Modelleisenbahn, widmen. „Und dann suche ich mir vielleicht eine ehrenamtliche Aufgabe.“

Holst feiert seinen Abschied am Donnerstag, 9. Oktober, um 16 Uhr in der St.-Cyriakus-Kirche.

Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es einen Empfang im Pfarrheim.

 
Bertil Holst
Stationen im Caritasleben
  • 1995 Caritas-Verband wird selbstständiger Verein
  • 1997 Gründung des Internationalen Gartens in Duderstadt
  • 1998 Einrichtung des Fairkauf-Ladens am Schützenring
  • 1998 Gründung des Freiwilligenzentrums
  • 1999 Mittagstisch für Senioren
  • 1999 Erweiterung des Caritas-Gebäudes
  • 2003 Erweiterung der Sozialstation in Göttingen
  • 2009 Einweihung Lorenz-Werthmann-Haus
  • 2011 Eröffnung der ersten Eichsfelder Tagespflegeeinrichtung
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