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Caritas-Mitarbeiter hilft DDR-Rentnern bei der Reise in den Westen

Bahnhofsmission ohne Bahnhof Caritas-Mitarbeiter hilft DDR-Rentnern bei der Reise in den Westen

„Wir haben schon menschliche Dramen erlebt“, erinnert sich Heribert Reinhardt an die Duderstädter Bahnhofsmission, in der er zwischen 1980 und 1990 als Sozialarbeiter tätig war. Mitglieder des Caritasverbandes hatten nach der Öffnung des Kleinen Grenzverkehrs am DDR-Grenzübergang Duderstadt-Worbis beobachtet, dass immer mehr Menschen Hilfe brauchten.

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Im Caritas-Zentrum arbeitete vor dem Mauerfall eine Bahnhofsmission außerhalb des Bahnhofs.

Quelle: Thiele

Duderstadt. Aus der DDR durften seit 1973 ausschließlich Renter ausreisen, also Frauen ab 60, Männer ab 65 Jahren.

„Die Leute kamen für einen Tag in den Westen und hatten hier große Schwierigkeiten, sich zu orientieren“, erzählt Reinhard.

In der DDR gab es weder Landkarten noch Fahrpläne vom Westen. Wer als DDR-Rentner seine Verwandtschaft in der BRD besuchen wollte, wusste – in Duderstadt angekommen – nicht, wohin er sich wenden sollte. „Die Probleme begannen bei der Suche nach einer Toilette und endeten bei der Frage nach Busverbindungen und Einkaufsmöglichkeiten“, sagt Reinhardt.

Seit den 1970er Jahren  war die Zahl der Besucher aus der DDR rapide angestiegen. So beschloss die Caritas, eine Bahnhofsmission zu gründen, um für die Menschen erste Anlaufstelle zu sein und Orientierungshilfe geben zu können.

Durch Mundpropaganda

Der Knackpunkt war allerdings: In Duderstadt war bereits im Mai 1974 der Zugverkehr eingestellt worden. Eine Bahnhofsmission ohne Bahnhof hatte es bis dato nicht gegeben. Doch die Nähe Duderstadts zum DDR-Grenzübergang und die Besonderheit der Reisenden, die Hilfe brauchten, machte eine solche dennoch nötig. Also wurde die Duderstädter Bahnhofsmission im Caritaszentrum am Schützenring eingerichtet.

„In den westlichen Zeitungen wurde darüber berichtet. Die lasen auch die DDR-Rentner, wenn sie in den Westen kamen. Allein durch Mundpropaganda gab es schnell einen großen Zulauf. Die meist ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeiter betreuten an manchen Tagen bis zu 200 Menschen aus der DDR“, erinnert sich Reinhardt.

Manche Hilfesuchenden wollten bloß Kleingeld wechseln, um mit der Verwandtschaft zu telefonieren, andere suchten nach Busverbindungen in die umliegenden Ortschaften, manche brauchten nur etwas zu essen und zu trinken. Eine Kleiderkammer wurde eingerichtet, um die Leute mit dem Nötigsten zu versorgen.

Manche Familien sind zerissen worden

Reinhardt erinnert sich auch an besondere Fälle: „Manche Familien sind zerissen worden, weil die Angehörigen von DDR-Flüchtlingen keine Ausreisegenehmigung bekamen“, erzählt der Duderstädter. Eine Frau sei durch Contergan geschädigt worden. Das habe es eigentlich nicht in der DDR gegeben, aber das Beruhigungsmittel wurde von Verwandten aus dem Westen eingeschmuggelt.

Da sei noch nicht bekannt gewesen, welche Fehlbildungen beim ungeborenen Kind möglich sind, wenn die Mutter Contergan in der Schwangerschaft einnimmt, berichtet Reinhardt.

Eine erfolgreich beantragte Rente im Westen für die Contergan geschädigte Frau sei der letzte Fall für ihn in der Bahnhofsmission gewesen. 1990 hat die Anlaufstelle ihre Pforten geschlossen.

„Nach dem Mauerfall und spätenstens nach der Einführung der D-Mark im Juni 1990 war klar, dass die Bahnhofsmission ohne Bahnhof überflüssig geworden war. Es gab Landkarten und Busfahrpläne zur Orientierung, es gab die Einheitswährung, jeder konnte sich zurecht finden“, nennt Reihardt Gründe für das Schließen der Bahnhofsmission, die zehn Jahre lang im Eichsfeld für tausende DDR-Bürger eine wichtige Institution gewesen ist.

Ökumenisches Netzwerk

Die erste Bahnhofsmission wurde 1894 in Berlin gegründet. Christlich engagierte Ehrenamtliche machten es sich zur Aufgabe, Reisenden – überwiegend Frauen –  Schutz zu bieten.

Bereits 1898 warben evangelische und katholische Bahnhofsmissionen gemeinsam auf Plakaten in der Eisenbahn. 1910 wurde die „Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland“ (KKBM) gegründet und gilt als eine der ältesten ökumenischen Strukturen auf dem Gebiet der offenen Sozialarbeit.

Heute sind in Deutschland etwa 100 Bahnhofsmissionen in einem historisch gewachsenen Netz verknüpft, die von den Wohlfahrtsverbänden der evangelischen und katholischen Kirche getragen werden. Dazu gehören auch die Caritas und die Diakonie. In den Bahnhofsmissionen arbeiten hauptsächlich Ehrenamtliche, Zivildienstleistende oder Freiwiligendienstler.

Die Mitarbeiter helfen Reisenden die krank oder behindert sind, unterstützen in Notlagen wie bei Erschöpfung, Schlafplatzsuche oder begleiten mit dem Programm Kids on Tour alleinreisende Kinder. Die Bahnhofsmissionen werden durch das Familienministerium  des Bundes gefördert.

Von Claudia Nachtwey

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