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Der gebeutelte Jahrgang

Turbo-Abi Der gebeutelte Jahrgang

Wem nützen eigentlich Schulreformen? „Uns jedenfalls nicht!“ wissen die Schülerinnen des Jahrgangs, der nach der zehnten Klasse plötzlich in der zwölften war. Nach der bundesweiten Einführung des achtstufigen Gymnasiums (G8) sind zwar auch die Lehrer und die Schulleitung des Eichsfeld Gymnasiums Duderstadt (EGD) bemüht, die Schüler so gut wie möglich durch die Zeiten der Reformen zu manövrieren, doch was von der Politik kurzerhand beschlossen wurde, weist in der Praxis einige Mängel auf.

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Lassen sich von den zahlreichen Reformen nicht unterkriegen: Schülerinnen des 12. Jahrgangs am Eichsfeld Gymnasium.

Quelle: Blank

So brachte die Umstellung vom neunstufigen Gymnasium (G9) auf G8 das Problem mit sich, dass schließlich zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen würden. Das ist am EGD 2011 der Fall. Nach den Sommerferien 2009 musste die ehemalige zehnte Klasse ein Jahr überspringen und befand sich dann mit dem ehemaligen elften Jahrgang in der zwölften Jahrgangsstufe. Gemeinsam bereitet man sich jetzt auf das Abi 2011 vor. „Problematisch ist, dass wir für die Prüfungen den gleichen Stoff können müssen wie die älteren Schüler“, sagt Mareike Gatzemeier. „In einigen Fächern merken wir ganz schön, dass uns ein Jahr fehlt, die anderen haben ein viel tieferes Hintergrundwissen“, bestätigt Viktoria von Berg. „Da die regulären Zwölfer meist bessere Noten in den Klausuren schreiben, ist der Notenspiegel oft gar nicht so schlecht. Da fällt es kaum auf, dass in unserem Jahrgang viele mit den hohen Ansprüchen überfordert sind, die wir eigentlich erst nächstes Jahr erfüllen müssten,“ hat Annabell Brodmann festgestellt. Zwar müssen die Schüler nach wie vor 265 Wochenstunden bis zum Abitur belegt haben, aber jetzt hat man nur noch acht Jahre dafür Zeit und die Schultage werden lang.

„Wir müssen viel Stoff aufholen, um bei den regulären Zwölften mitzuhalten. Aber bei so vollen Tagen weiß man abends manchmal nicht mehr, was man gelernt hat und muss nacharbeiten“, beschreibt Franziska Otte den Schulalltag. So habe die Zahl der Unterkurse – also der Kurse, die mit unter fünf Punkten benotet werden – in ihrem Jahrgang drastisch zugenommen. Wer mehr als drei Unterkurse auf dem Zeugnis habe, werde nicht zum Abitur zugelassen, so die Mädchen.

Auch Viktoria Wandt ist verunsichert: „Es ist schwierig, einen ebenso guten Abschluss zu machen wie die Älteren. Mit einem schlechten Notendurchschnitt sind wir in unserem Jahrgang bei der Vergabe der Studienplätze und bei der Jobsuche benachteiligt.“
Noch bis zum Jahr 2013 werden zusammengefügte Abiturjahrgänge auf die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt strömen. Dann erst ist die Umstellung von G9 auf G8 bundesweit abgeschlossen. Bei doppelter Auswahl an Ausbildungswilligen werden die Ausbildungs- und Studienplätze eng. Deshalb, so sind sich die Schülerinnen einig, sei der Druck besonders hoch, einen guten Abschluss zu machen.

Die meisten haben ihre Hobbys schon aufgegeben, nur Viktoria macht noch Leichtathletik, und Franziska hat sich ihr Badminton bewahrt, allerdings erst abends ab halb neun. „Vorher bin ich gar nicht fertig mit Hausaufgaben“, sagt die Fahrschülerin.
Viele Schüler sind auch noch auf den Bus angewiesen, so auch Mareike. „Mehr Zeit würde übrig bleiben, wenn man nach den Nachmittagsstunden nicht so lange auf den Bus warten müsste“, sagt sie.

Der Überspringer-Jahrgang ist gebeutelt, was Reformen anbelangt. Nach der Grundschule wurde man auf die Orientierungsstufe (OS) eingestellt. Diese ursprünglich zweijährig vorgesehene Orientierungsphase wurde 2003 abgeschafft, so dass man nach einem Jahr in der neuen Klasse wieder eine Wahl treffen musste. 2005 wurde die neue Rechtschreibreform eingeführt. Was gestern richtig war, wurde jetzt zum Fehler. 2008 wurde die „Profiloberstufe“ mit drei statt zwei Leistungskursen und fünf statt vier Prüfungsfächern eingeführt, was auch in der Mittelstufe eine neue Planung erforderte. Dazu gibt es seit 2006 im übervollen Stunden- und verkürzten Zeitplan das Seminarfach, das auf die Arbeitsweisen an der Uni vorbereiten soll. Und nun G8.

Auch die Lehrer haben durch Umstellungen und Fachlehrermangel mehr Arbeit, müssen beinahe im Jahrestakt den Schülern neue Voraussetzungen für die Zulassung zum Abitur erklären und sollen sie außerdem souverän und kompetent begleiten. „Manche Lehrer haben keine Motivation mehr. Da sitzt man in der Stunde und fragt sich, ob dem Lehrer nicht klar ist, was wir alles schaffen müssen und warum er nicht mit dem Unterricht anfängt statt irgendwas zu erzählen“, sagt Celina Werner. Den Mädchen sei aufgefallen, dass auch demotivierte Lehrer plötzlich guten Unterricht machen würden, wenn eine Schulinspektion anliege, doch danach laufe alles wieder im alten Trott. Manche Lehrer hätten auch gute Arbeitsmethoden, die würden zum Beispiel den Stoff der letzten Stunde zu Beginn der nächsten Stunde nochmal kurz zusammenfassen. „Da kommt man schneller rein und braucht für die Klausuren weniger Vorbereitung“, erklärt Viktoria Wandt.

Doch trotz Prüfungsängsten, Stress und Unsicherheit fühlen sich die Mädchen wohl in der Schule. „Als die beiden Jahrgänge zusammengefügt wurden, fragten wir uns wie die Gemeinschaft mit den regulären Zwölften werden wird. Aber das ist toll, wir sind alle zusammengewachsen, man hilft sich gegenseitig“, beschreibt Alina Papen das gute Schulklima. „Auf jeden Fall wird man die Zeit hier mit den ganzen Freunden vermissen“, sind sich die Schülerinnen einig.

Aber die Schülerinnen sind nicht nur unzufrieden mit den Reformen, sie haben auch klare Vorstellungen, wie das Schulsystem aussehen sollte: Die Lehrpläne müssten abgespeckt werden – veralteter Stoff solle gestrichen werden. Außerdem solle es auch bei Lehrern unangemeldete Leistungskontrollen geben, deren Qualifikation verbessert und die gesamte Organisation vereinfacht werden. In verantwortlichen Positionen sollten öfters jüngere Politiker sitzen, die sich noch vorstellen könnten wie der Schulalltag heute aussieht, statt in „Pisa-Panik“ vom Schreibtisch aus zu entscheiden. Nötige Änderungen sollten in Zukunft sorgfältiger geplant sein und mehr Zeit bei der Umsetzung haben.

Es scheint, als hätten die zahlreichen Reformen der letzten Jahre zumindest einen Nutzen: eine Generation von ehrgeizigen, belastungsfähigen und enorm flexiblen jungen Menschen wird in die Arbeitswelt entlassen – wenn sie zuvor all das ausgehalten haben, was man ihnen während der Schulzeit zumutet.

Von Claudia Nachtwey

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