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„Echte Deutsche mieten“

Interview mit Autor Steffen Möller „Echte Deutsche mieten“

Im Studium hat sich der Kabarettist Steffen Möller in das „unbekannteste deutsche Nachbarland“ verliebt – in Polen. Zum 20-jährigen Bestehen des Deutsch-Polnischen Freundeskreises Duderstadt führt er seine Live-Show auf. Vorab verriet er, was „echte Polen“ von „echten Deutschen“ unterscheidet – und wieso Warschau unterschätzt wird.

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Steffen Möller

Quelle: r

Duderstadt. Tageblatt : Herr Möller, wo sind Sie gerade – in Deutschland oder Polen?

Steffen Möller: In Berlin. Ich habe 14 Jahre nonstop in Polen gelebt, jetzt pendele ich permanent. Ich habe eine Wohnung in Warschau gekauft und eine Wohnung in Berlin gemietet. Als fast echter Pole kaufe ich, als waschechter Deutsche miete ich (lacht).

Termin

Am Freitag, 11, November, kommt Steffen Möller mit seiner Live-Show nach Duderstadt, in die Aula der St. Ursula Schule, Christian-Blank-Straße 22. Ab 19 Uhr bietet er eine zweistündige Wort-Ton-Bild-Tour durch Warschau an. Restkarten gibt es in der Tourist-Info im Duderstädter Rathaus oder unter Telefon 0 55 27 / 64 98.

Tageblatt : Ist Pendeln nicht anstrengend?
Möller : Überhaupt nicht, ich lebe gern drei bis vier Tage in Berlin, dann wieder in Warschau. Ich fühle mich in beiden Ländern als Gastarbeiter.
Sie haben sich als Autor auf Polen-Bücher spezialisiert. Was kommt als nächstes?
Ich habe bisher drei Bücher zu Polen geschrieben, aber das Land ist groß, und sicher wird noch einiges kommen. Als nächstes will ich mich mit den unzähligen deutsch-polnischen Partnerschaften auseinandersetzen.
Tageblatt : Sie bezeichnen Warschau als unbekannte, unterschätzte Stadt. Wie kommt das?
Möller : Warschau ist die Hauptstadt des unbekanntesten deutschen Nachbarlandes. 70 Prozent der Deutschen waren noch nie in Polen oder höchstens mal auf dem Polenmarkt bei Frankfurt/Oder.
Tageblatt : Woran liegt das?
Möller : Warschau ruft schlechte Assoziationen mit dem Zweiten Weltkrieg hervor. Aber die negative Geschichte könnte ja auch ein Ansporn dafür sein, sich mit der Stadt auseinanderzusetzen. Zum Glück hat Warschau aber auch eine moderne Seite, die nichts mit dem Krieg zu tun hat.
Tageblatt : Wie sieht die aus?
Möller : Die Stadt ist sehr grün, es gibt viele tolle Museen – zum Beispiel das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden, das nicht nur den Holocaust behandelt. Waren Sie schon mal in Polen?
Tageblatt : Ja, in Breslau.
Möller : Oh, jetzt sind Sie schon in ein Fettnäpfchen getreten. „Breslau“ statt „Wroclaw“ zu sagen ist nicht so opportun. Viele Polen denken dann, man wolle betonen, dass die Stadt mal deutsch war.
Tageblatt : Gut zu wissen. Wie kamen Sie denn überhaupt zu der Faszination für Polen und Warschau?
Möller : Das war Zufall. Ich habe im Studium einen Sprachkurs in Krakau gemacht und mich sofort verliebt. Trotzdem habe ich beschlossen, nach Warschau zu ziehen.
Tageblatt : Warum nicht nach Krakau?
Möller : Da müssen Sie in die Show kommen. Da geht es um die ewige Rivalität zwischen den beiden wichtigsten polnischen Städten. Soviel vorab: Krakau ist die schönste Stadt Polens, Warschau aber die interessanteste.

Zur Person

Steffen Möller, 1969 in Wuppertal geboren, lebte seit 1994 für 14 Jahre in Warschau. Mittlerweile pendelt der Autor, Kabarettist und Schauspieler zwischen der polnischen Hauptstadt und Berlin. In Polen erfreut Möller sich großer Beliebtheit: Er moderierte unter anderem die polnische Version von „Wetten, dass..?“ und spielte in einer Telenovela mit. Für sein Wirken um die deutsch-polnische Verständigung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2015 erhielt er außerdem den Richard-von-Weizsäcker-Preis der Deutschen Nationalstiftung. Im selben Jahr hat er auch sein drittes Polen-Buch veröffentlicht: „Viva Warszawa - Polen für Fortgeschrittene“.

Tageblatt : Was erwartet die Duderstädter noch in der Show?
Möller : Es wird zu 90 Prozent eine Live-Show, zu 10 Prozent eine Lesung. Außerdem werden die Zuschauer den wichtigsten polnischen Tanz kennenlernen. Ich verrate nur so viel: Es ist nicht die Polka. Übrigens wird es auch ein paar Anspielungen auf die politische Situation im Land geben.
Tageblatt : Beschäftigen Sie sich viel damit?
Möller : Natürlich, aber als Ausländer fasse ich das Thema nur mit Samthandschuhen an. Wer sich zu stark einmischt, ruft bei der Gegenseite nur Trotz hervor. Die polnische Gesellschaft ist im Moment tief gespalten, etwa so wie wir in der Flüchtlingsfrage.

Interview: Hannah Scheiwe

Karten

Für die Veranstaltung des Deutsch-Polnischen Freundeskreises Duderstadt (DPF) am Freitag, 11. November, in der Aula der St.-Ursula Schule in Duderstadt gibt es noch Restkarten in der Tourist-Info im Rathaus. Kartenwünsche können auch unter Telefon 05527/6498 angemeldet werden.  ne

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