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Erbfeind, Sommermärchen und Lisa Plenske

Gastschüler in Duderstadt Erbfeind, Sommermärchen und Lisa Plenske

Dass ein französischer Schüler ein Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt, war vor wenigen Jahren undenkbar – heute geht das“, sagt Margrit Nolte-Rietveld.

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Kennenlern-Programm mit Sport und Spielen: Deutsche und französische Schüler fassen Vertrauen.

Quelle: Thiele

Am Eichsfeldgymnasium Duderstadt (EGD) unterrichtet sie Französisch und organisiert seit 1986 den Schüleraustausch zwischen Duderstadt und seiner französischen Partnerstadt Combs-la-Ville. Vom 8. bis zum 15. September waren wieder 23 junge Franzosen zu Gast in deutschen Familien, besuchten den Unterricht am EGD und absolvierten ein abwechslungsreiches Programm, um sich ein Bild von der deutschen Kultur, Lebensweise und Geschichte zu machen. Die Geschichte ist allerdings der Knackpunkt in der Beziehung Deutschland – Frankreich. Jahrhundertelang verband die beiden Nachbarländer eine „Erbfeindschaft“, die ihren Ursprung schon vor den Napoleonischen Kriegen hatte, dann weiter geschürt wurde durch den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und ihren traurigen Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg fand. So war der „Freundschaftsvertrag“, den Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle 1963 unterzeichneten, geradezu spektakulär. Ein Hauptanliegen des Vertrags war der Jugendaustausch. „Durch die Kontakte zwischen deutschen und französischen Familien werden Vorurteile abgebaut“, nennt Nolte-Rietveld eines der Ziele, die heute ebenso aktuell sind wie damals.

Dass die alte Feindschaft endlich überwunden scheint, beweisen nicht nur deutsche Trikots bei französischen Schülern – und deutsche Touristen an französischen Stränden. „Die Deutschen sind nett, und es ist schön hier“, sagt Elodie Trinqué, die bereits zum zweiten Mal in Deutschland ist und Deutsch am Collège Les Cités Unies in Combs-la-Ville lernt. „Sehr schön“, bestätigt ihr Schulkamerad Ronan Leysour de Rohello lächelnd. Zwar stehen sie im Nieselregen auf Gut Herbigshagen, aber sie loben die Eichsfelder Landschaft mit ihren Laubwäldern und „kleinen Bergen“. Die Mitarbeiter der Heinz-Sielmann-Stiftung haben das Programm für die Schüler kurzfristig dem Wetter angepasst – statt Kletterpfad steht Filzen auf dem Programm. Auch die deutschen Gastgeber-Schüler sind mit dabei. In den vergangenen Tagen ist das Vertrauen gewachsen, man albert miteinander herum, und die allgemeine Stimmung ist prächtig. Deutsch oder Französisch als Fremdsprache kannten die meisten Schüler beider Länder bisher nur aus dem Unterricht. Jetzt sind sie darauf angewiesen, sich mit den Gleichaltrigen aus dem Nachbarland zu verständigen. Notfalls geht es auch mal englisch weiter – oder mit den Händen.

Um die ersten Hemmungen zwischen deutschen und französischen Schülern abzubauen, hatten Margrit Nolte-Rietveld und ihre Kollegin Helgard Doschiri ein Kennenlern-Programm mit Sport und Spielen ausgearbeitet. Außerdem besuchten Schüler und Lehrer den Zoo in Hannover. Und das dunkle Stück deutscher Geschichte wurde präsent bei der Besichtigung des KZ Mittelbau Dora bei Nordhausen.

„Das war sehr traurig“, beschreibt die junge Französin Maud Leseigneur ihre Gefühle und die ihrer Mitschüler. Ihre Lehrerin Caroline Peillier, die auch Geschichte unterrichtet, ergänzt: „Die Schüler wissen schon, was damals passiert ist. Aber sie unterscheiden zwischen historischem und modernem Deutschland.“ Peillier betont, wie wichtig es sei, dass die Schüler als Gegensatz zur Geschichte die heutigen deutschen Familien kennenlernten. So würde das Bild, das sie von den Deutschen bekämen, nicht einseitig geprägt.

Dass die Schüleraustauschprogramme Früchte tragen, hat Margrit Nolte-Rietveld in all den Jahren feststellen können: „Früher gab es manchmal merkwürdige Parolen von den französischen Schülern zu hören“, erinnert sie sich. Dazu hätten unter anderem die amerikanischen Filme beigetragen, in denen die Deutschen oft als Nazis dargestellt würden, aber auch die Erzählungen der Großeltern. Dass diese Parolen fast verschwunden sind, sei neben den intensiven Austauschprogrammen auch Bands wie Tokio Hotel, dem Deutschen Fußball-Sommermärchen von 2006 oder der in Frankreich ebenfalls beliebten Fernseh-Serie „Verliebt in Berlin“ mit der chaotischen Hauptperson Lisa Plenske zu verdanken. „Jetzt, nach vier Generationen, verliert sich auf beiden Seiten die Furcht vor dem mächtigen Nachbarn“, erkennt die engagierte Lehrerin. Im März 2011 werden sich die deutschen und französischen Schüler wiedersehen, dann werden die Duderstädter nach Combs-la-Ville reisen und die französische Lebensart kennenlernen.

Von Claudia Nachtwey

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