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Fahrtüchtig? Kein Problem für fitte Senioren

Risiken im Straßenverkehr Fahrtüchtig? Kein Problem für fitte Senioren

Mobilität ist unentbehrlich für Beruf und Alltag. Mit zunehmendem Alter wird die meist selbstverständlich erscheinende Möglichkeit zur motorisierten Fortbewegung oft noch wichtiger.

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Straße fest im Blick: Franz Landschulz aus Mingerode muss und will auch mit 77 Jahren nicht auf das Autofahren verzichten.

Quelle: OT

Den wöchentlichen Großeinkauf inklusive schwerer Getränkekisten erledigen ohne ein Auto? Arztbesuche? Behördengänge? Im gleichen Maße wie das Alter der Autofahrer nimmt aber auch die Debatte um deren uneingeschränkte Fahrtauglichkeit zu. Wie alt ist zu alt, um noch ein sicherer Teilnehmer am Straßenverkehr zu sein?

Laut Statistischem Bundesamt hat bei Männern und Frauen über 65 das Risiko, durch einen Unfall im Straßenverkehr zu sterben, im Jahr 2009 zugenommen – um 3,6 Prozent gegenüber 2008. Hinweise, dass die Senioren hinter dem Steuer selbst die Ursache dafür sind, gibt es jedoch nicht. Das Tageblatt hat verschiedene Experten befragt.

„Fahrtüchtigkeit ist nicht an das Alter, sondern an die physiologische Leistungsfähigkeit gebunden“, meint Wolfgang Hahm, ärztlicher Direktor des St. Martini Krankenhauses Duderstadt. „Es gibt Leute, die auch im hohen Alter noch sicher fahren können, aber auch junge Senioren, die aufgrund von Medikation oder orthopädischen Einschränkungen nicht mehr fahren sollten“, so Hahm.

Angesichts einer großen Zahl verordneter Psychopharmaka pro Jahr und der Tatsache, dass auch die Einnahme harmlos erscheinender Kopfschmerz- oder Blutdrucktabletten zu Reaktionsverzögerungen führe, fordert Hahm einen verpflichtenden „Gesundheits-Tüv“ im Rahmen der normalen Vorsorge ab einem Alter von 55 Jahren.

Probleme sieht er dabei allerdings in der Zusammenarbeit mit den Behörden: „Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht darf ich dem Ordnungsamt nicht melden, wenn jemand nicht mehr fahren darf. Wir haben aber schon die Regelung, dass man sich als Fahrzeugführer der Klasse C ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle 24 Monate untersuchen lassen muss, führt Hahm weiter aus: „Wieso sollte man das nicht auch auf andere Klassen ausweiten?“
„Die meisten Unfälle, an denen Senioren beteiligt sind, passieren eher mit Älteren als Fahrradfahrer und Fußgänger“, gibt Christine Rettig, Sprecherin des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, zu bedenken. „Es gibt bei älteren Verkehrsteilnehmern keine Unfallhäufigkeit oder größere Schwere der Unfälle im Vergleich zu anderen Altersklassen.“ In dem Medien tauchten zwar immer spektakuläre Fälle auf, wo Bremse und Gas verwechselt werde, „aber das ist tatsächlich eher selten der Fall“, so die Verkehrsexpertin.

Der ADAC spreche sich, so Rettig, auch gegen eine gesetzlich erzwungene Überprüfung und für freiwillige Selbstkontrolle aus. „Es ist so, dass die Älteren nur noch kürzere Strecken fahren, die ihnen auch bekannt sind. Gerade im ländlichen Raum, wo sich die öffentlichen Verkehrsmittel zurückziehen, ist ein Auto manchmal der einzige Halt für ein normales, selbstständiges Leben.“

Dem stimmt auch Herman Niesen von der Duderstädter Polizei zu: „Einen Unfall, bei dem Fahruntüchtigkeit aus Altersgründen die Ursache war, habe ich persönlich noch nicht erlebt“, stellt Niesen fest. Da es auch keine gesetzlichen Regelungen für die Überprüfung der Fahrfitness von Senioren gebe, plädiere er für freiwillige Selbstkontrolle.

Der Verzicht auf den Führerschein aus freien Stücken gibt es jedoch kaum. Christel Wemheuer (Grüne), Verkehrsdezernentin des Landkreises Göttingen, beziffert die Zahl zurückgegebener Führerscheine aus Seniorenhänden als „extrem minimal“: „Diese freiwillige Rückgabe ist äußerst selten, durchschnittlich könnte man sagen eine Person pro Jahr.“

Sollte der Hausarzt zur Rückgabe der Fahrlizenz raten, so würden vier von fünf Senioren diesem Vorschlag Folge leisten, ist hingegen das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Verkehrswacht Niedersachsen. Dazu wurden im Frühjahr 2010 1500 Autofahrer aller Altersgruppen befragt. Einem verbindlichen Gesundheitstest ab einer gewissen Altersgrenze stimmten jedoch nur 39 Prozent der Senioren zu. Freiwillig testen lassen wollten sich über 90 Prozent.

„Ein Gesundheitscheck inklusive Seh- und Reaktionstest müsste von den Führerscheinstellen angeregt werden“, meint Ernst Arend, Fahrschullehrer aus Rüdershausen. Das sei Aufgabe der Verwaltung, auf Freiwilligkeit will er sich nicht verlassen. Arend macht aber auch deutlich: „Fahrtüchtigkeit ist nicht vom Alter abhängig. Bei mir hat auch schon eine 63-Jährige mit Bravour ihre Motorradführerscheinprüfung bestanden.“

Andererseits würden viele Senioren im hohen Alter aus finanziellen Gründen aufgrund ihrer schmalen Renten das Auto abmelden und das Geld lieber für Krankentransporte ausgeben. Diejenigen, die noch aktiv auf der Straße unterwegs seien, engagierten sich aber auch für sicheres Fahren, so Arend: „Ich halte im Rahmen der Altennachmittage vom Kolpingverein Rüdershausen und dem Gewerkschaftsbund fast jedes Jahr Vorträge über Neuerungen in der Straßenverkehrsordnung. Da gibt es immer eine sehr gute Resonanz. Die Leute sind interessiert, dankbar und fragen nach.“

Von Anna Kleimann

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