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Familie als Schutzraum reicht nicht aus

Symposium der Maffay-Stiftung Familie als Schutzraum reicht nicht aus

Zur Kinderhauptstadt Deutschlands hat Peter Maffay am Dienstag Duderstadt erklärt. Im Rathaus fand das Symposium „Begegnungen – Schutzräume für Kinder“ statt. 230 Gäste diskutierten neun Stunden lang über die Situation und die Rechte von Kindern. Gastgeber waren die Peter-Maffay-Stiftung und Hans Georg Näder.

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An Medienrummel gewöhnt: Prominente bei Podiumsdiskussionen im historischen Duderstädter Rathaus. 

Quelle: Iris Blank

Duderstadt. Die Familie sei ein Schutzraum. „Aber was tun Kinder, wenn die Familie nicht mehr in Takt ist?“ Die Eingangsfrage beantwortete Peter Maffay zu Beginn des Symposiums selbst. Es müssten möglichst viele ergänzende Schutzräume geschaffen werden. Wer an welcher Stelle wie benachteiligten Kindern helfen kann, darum ging es in Vorträgen und Diskussionsrunden im Rathaus.

Das dicht gestaffelte Programm wurde von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) eröffnet. Er erklärte, der Staat sei – bei Bildung, bei der Gesundheitsvorsorge – in der Verantwortung. „Hier ist Nachholbedarf, gerade bei Kindern“, kündigte er eine Debatte im Bundestag über Vorsorgeuntersuchungen an. Die Verantwortung der Konzerne war das Thema von Bernd Osterloh , Betriebsratsvorsitzender von VW. „Eigentum verpflichtet“, zitierte er das Grundgesetz und erklärte, Kinderarmut sei auch in Deutschland ein Thema: „Allein in Wolfsburg leben 3000 Kinder von Hartz IV.“ Er erläuterte, wie die VW-Mitarbeiter und der Konzern mit Hilfsprojekten Kinder unterstützen.

Das Symposium der Peter-Maffay-Stiftung ist am Dienstagmorgen im historischen Rathaus Duderstadt eröffnet worden. Bettina Wulff sprach über "Chancen für Kinder". © Iris Blank

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Was Einzelpersonen zum Engagement für Kinder motiviert, wurde in einem Dialog zwischen Maffay und Bettina Wulff deutlich. Die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff erklärte, sie habe auf ihren Reisen viel Benachteiligung gesehen, aber auch viele Projekte Prominenter kennen gelernt. Für sie als Mutter war es schnell klar, dass sie sich für Kinder engagieren wolle. „Das ist nicht Beruf, das ist nicht Verpflichtung, das ist Leidenschaft“, so Wulff. Das griff Maffay auf: „Leidenschaft – das ist ein wunderbarer Motor.“ Sein erstes Projekt sei ein Kinderspielplatz gewesen, „nichts Großartiges, aber ein Anfang“. Daraus seien weitere Projekte entstanden, die für ihn nicht Aufwand, sondern Kraftspender seien.

Auch die Religion als Schutzraum spielte eine Rolle beim Symposium. Da Charlotte Knobloch als jüdische Repräsentantin verhindert war, wurde Aiman Mazyek , Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, auf dem Podium von der ehemaligen evangelischen Bischöfin Margot Käßmann und dem katholisch-palästinensischen Pfarrer Firas Aridah aus Ramallah flankiert. Einig war man sich, voneinander zu lernen, Differenzen und Andersartigkeit zu respektieren, Kindern keine Feindbilder zu vermitteln. „Religionen sind anfällig für absoluten Wahrheitsanspruch“, räumte Käßmann ein: „Bei Vermischung mit politischen Konflikten wird das sehr problematisch.“ „Das Problem liegt bei den Regierungen, nicht den Menschen“, kommentierte der über Checkpoints und Unterdrückung klagende Aridah den Nahostkonflikt, Mazyek den Islamunterricht in Deutschland („Ein erster wichtiger Schritt“) und das Kopftuch („Eine offene Gesellschaft hat keine Verbotsdiskussion nötig“).

Auch die Religion als Schutzraum spielte eine Rolle beim Symposium in Duderstadt. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, diskutierte mit der ehemaligen evangelischen Bischöfin Margot Käßmann und dem katholisch-palästinensischen Pfarrer Firas Aridah aus Ramallah.

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Immer wieder ging es aber auch um das Erziehungsthema. Das müsse so relevant behandelt werden wie die Euro-Krise, meinte Käßmann: „Stabile Persönlichkeiten brauchen Kontakt und Vertrauen statt Verwahrlosung vor dem Fernseher.“ Religiöse Werte hätten sich bewährt, meinte Mazyek: „Das demografische Problem kann nicht nur ökonomisch aufgefangen werden.“ Als Stichworte für die religiöse Aufgabe gegenüber Kindern nannte Käßmann die Weitergabe des Glaubens, Herzensbildung, Hereinwachsen in Traditionen, Gewaltfreiheit, Respekt, Frieden und Gerechtigkeit. Kinder müssten als Subjekte und nicht als Objekte wahrgenommen werden, Jugendlichen Perspektiven geschaffen werden. Diplomatisch beantwortete Käßmann die Frage nach ihrem Lieblingslied von Maffay: „Ich mag sie alle.“

 Kinder werden stark, wenn man sie ernst nimmt, das war die Grundthese einer Diskussionsrunde mit Vertretern aus Musik, Medien und Politik. Da sei noch einiges zu tun, meinte Liedermacher Rolf Zuckowski . „Deutschland ist ein kinderentwöhntes Land. Sie werden in manchen Bereichen als störend empfunden.“ Stattdessen müsse man sie annehmen, mit ihnen leben. Er habe gemerkt, dass mit Musik viel zu erreichen sei, sagte der bekannteste Komponist von Kinderliedern, die er teils auf Antwort auf eine Frage in der Runde sang.

Über "Prominente und ihre soziale Verantwortung" diskutierten José Carreras, Peter Maffay, Wolfgang Niedecken und Julia Neigel beim Symposium der Peter-Maffay-Stiftung in Duderstadt.

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„Kinder bekommen ja vieles mit“, sie müssten vor Realitäten nicht geschützt werden, erklärte Barbara Biermann , beim ZDF für Kindersendungen verantwortlich.  So wie Kinder alles ernst nähmen, müssten sie auch ernst genommen werden, bestätigte Pete Dwojak , Moderator von Kindersendungen bei ARD und dem Kinderkanal Kika. Niedersachsens Familienministerin Aygül Özkan (CDU)  erklärte, es sei Aufgabe des Staates, Familien in die Lage zu versetzen, Kinder zu verstehen und ernst zunehmen. Niedersachsen versuche das mit der Ausbildung von Familienhebammen, der Fortbildung von Lehrern und Eltern. „Wir wollen Chancengleichheit“, erklärte Özkan.

Niedersachsens Familienministerin Aygül Özkan, Musiker Rolf Zuckowski, Schauspieler Pete Dwojak, ZDF-Redakteurin Barbara Biermann, Bundesminister Dirk Niebel, Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und Journalistin Maria von Welser diskutierten am Nachmittag beim Symposium "Schutzräume für Kinder".

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In einer weiteren Diskussionsrunde saß Eliza Olmert , die Frau des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten, neben der mit dem Tod bedrohten iranischen Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi .  Letztere gab ebenso wie die stellvertretende deutsche Unicef-Vorsitzende Maria von Welser erschreckende Einblicke in den Alltag von Frauen und Kindern in islamischen Ländern. Weber zeigte sich erschüttert und schockiert über die Situation in Afghanistan vor dem Truppenabzug, berichtete über Mangelernährung, Kinder- und Müttersterblichkeit sowie panische Angst vor dem wieder erstarkenden Terror der Talliban.

Ebensowenig Checkpoints wie Selbstmordbomber wünscht sich Olmert. Sie sprach über ihr Projekt New Beginning für unterpriviligierte Familien, Ebadi über die internationale Konvention für Kinderrechte und ihren Kampf für die Heraufsetzung des Strafmündigkeitsalters im Iran (neun Jahre bei Mädchen und 15 Jahre bei Jungen). Islamische Vorschriften würden oft zum Nachteil von Kindern ausgelegt, führten zu Eheschließungen und Hinrichtungen Minderjähriger.

Welser forderte die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. In Deutschland sei man mehr für Tiere als für Kinder unterwegs, beklagte die ehemalige Moderatorin des Frauenjournals Mona Lisa.

Jugendliche und der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hielten die Schlussworte beim Symposium der Peter-Maffay-Stiftung in Duderstadt.

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Liebe und Bauchgefühl
Noch gerührt vom Geburtstagsständchen verabschiedete Hans Georg Näder (links) die Gäste im Rathaus mit einem Bekenntnis  zum sozialen Engagement. „Alle, die wir Kraft haben – egal, wo wir herkommen, welche Religion wir haben und was wir können – können unaufgeregt und uneitel Dinge bewegen und friedlich für Bewegung sorgen“, sagte Näder: „Was wir tun, tun wir nicht, um eine Krone aufgesetzt zu bekommen, sondern mit Herz, Liebe, Bauchgefühl und Empathie.“

Von Ulrich Lottmann und Kuno Mahnkopf

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Kinder werden stark, wenn man sie ernst nimmt, war die Grundthese einer Diskussionsrunde beim Symposium im Duderstädter Rathaus mit Vertretern aus Musik, Medien und Politik. Da sei noch einiges zu tun, meinte Liedermacher Rolf Zuckowski. „Deutschland ist ein kinderentwöhntes Land. Sie werden in manchen Bereichen als störend empfunden.“

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