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Film „Die Familie“ über Angehörige der Mauertoten im Grenzlandmuseum

„Einmal tot, ist aus“ Film „Die Familie“ über Angehörige der Mauertoten im Grenzlandmuseum

Es sind Schwarz-Weiß-Fotografien, die einem gleich zum Einstieg des Films den kalten Schauer über den Rücken laufen lassen. Sie zeigen Berliner Mauertote. Dazu werden Texte vorgelesen. „19 Jahre, erschossen. 35 Jahre, ertrunken.“ Ihre Geschichten sind tragisch, aber sie sind mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall bekannt. „Die Geschichten des Leids der Angehörigen werden dagegen vergessen“, sagt Regisseur Stefan Weinert.

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Stefan Weinert

Quelle: EF

Teistungen. Er will den Familien eine Stimme geben, daran erinnern. Deshalb ist er aus Berlin hierher gekommen, ins Grenzlandmuseum Teistungen, um seinen eindrucksvollen Film „Die Familie“ zu präsentieren.

Es ist ein Werk, das gebrochene Menschen mit offenen Fragen auf der Suche nach Gerechtigkeit porträtiert. Da ist Heiko, der Lkw-Fahrer, dessen Vater bei einem Wendemanöver nahe der Grenze von seinem Motorrad geschossen wird – als er sich bereits wieder vom Grenzzaun entfernte. Heiko war damals ein Jahr alt. Gemeinsam mit Weinert besucht er den Todesschützen, bekommt anstelle von Antworten jedoch nur Ausreden, meint Weinert.

Mit der Kamera hält der Regisseur gnadenlos die gezeichneten Gesichter der Opferangehörigen fest. Elke ist tief traumatisiert. Ihr Mann Rainer, ein Lizenz-Motorradfahrer, ertrank 1986 beim Fluchtversuch. Bis heute hat sie seinen Verlust nicht annähernd überwunden, zweifelt an der offiziellen Todesursache „vermutlich Ertrinken“. In manchen Szenen scheint es, als würde nie wieder ein Funken Glück in ihr Leben zurückkehren. Niederschmetternd. „Ein derartiges Trauma wird bis in die fünfte Generation weitergegeben“, erklärt Weinert.

Dass sich Familienmitglieder der Mauertoten öffnen, ist äußerst selten. Nicht einmal zehn der 138 Berliner Getöteten wollten vor Weinerts Kamera. „Über solche Schicksale wird in der Familie, ähnlich wie über den zweiten Weltkrieg, oft geschwiegen. Schweigt man, dann hat es die Geschichten dieser Menschen aber nie gegeben“, betont der 50-Jährige.

Und so setzt er nicht nur dem brutal niedergeschossenen Michael Bittner („Das Schwein ist erwischt worden“, sagten die Grenzer bei seiner Erschießung) und dem 18-jährigen Dietmar ein Mahnmal, sondern auch deren Müttern. Wie sie die Verhöre der Stasi mehrere Tage nach dem Tod ihrer Söhne über sich ergehen lassen mussten, damit keine Information in den Westen dringt, nennt der Berliner „pervers“. Ebenso, dass die Unverletzlichkeit der Grenzen in der DDR wichtiger war als die Unverletzlichkeit des Menschen.

Bis heute weiß Irmgard Bittner, Mutter von Michael, nicht, wo die Urne ihres Sohnes begraben ist. Er sei unmittelbar nach seinem Tod verbrannt worden, wurde ihr gesagt. Auf die Beerdigung haben die Verwandten keinerlei Einfluss gehabt. „Freunden wurde gesagt, sie sollen besser fernbleiben, sonst drohen Konsequenzen“, berichtet Elke.

Die Protagonisten wirken am Filmende befreiter. Aber der Verlust bleibt, denn, so sagt Irmgard Bittner: „Einmal tot, ist aus.“

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©Richter