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Freie Sicht bei Tempo 110: Traum vom Fliegen

Eichsfeld aus der Luft Freie Sicht bei Tempo 110: Traum vom Fliegen

"Delta, Mike, India, Oscar, Lima, erbitte Startinformationen für VFR für lokalen Fotoflug”, spricht Pilot Michael Ullrich ruhig in sein Kehlkopfmikrofon. Was für Nichtflieger unverständlich klingt, ist für den erfahrenen Piloten mit über 8000 Flugstunden Routine.

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Faszinierendes Schattenspiel: Strommast mit grünem Teppich mitten auf einem Eichsfelder Feld.

Quelle: Mischke

Ullrich erfragt beim Tower des kleinen Northeimer Flugplatzes die Sichtflugbedingungen (Visual Flight Rules) für unser Fluggerät, einen Gyrokopter (Tragschrauber) mit der Kennung – ähnlich einem Autokennzeichen – D-MIOL. Und die sind hervorragend: Ein nahezu wolkenloser, sonniger Spätsommertag bei rund 20 Grad Celsius Lufttemperatur.

Vor dem Start das übliche Prozedere, denn schon häufig bin ich mit Ullrich, Inhaber der Skyline GmbH, zu Fotoflügen gestartet. Nach dem Auftanken des Tragschraubers, er fliegt mit bleifreiem Super-Benzin, und letzten Checks der Maschine, zwänge ich mich auf die schmale Sitzschale hinter dem Piloten. Beide sitzen wir im Freien. Der Gyrokopter ist unverglast, und nur zwei kleine Kunststoffscheiben schützen die Insassen vor dem Fahrt-, in diesem Falle Flugwind, der uns später ins Gesicht blasen wird.

Aus Erfahrung klug, trage ich die warme, winddichte Outdoorjacke. Eng geht es zu, und aus Gründen der besseren Beweglichkeit verzichte ich auf die beiden Hosenträgergurte, nutze nur den Beckengurt. Zwei Kameras mit Zoom-Objektiven unterschiedlicher Brennweiten hängen überkreuz um meinen Hals. Jetzt noch den Helm über den Kopf gestülpt, der nicht nur schützt, sondern, mit Kopfhörern und Kehlkopfmikro ausgestattet, die Kommunikation mit dem Piloten vor mir sicherstellt.

Startfreigabe erteilt, wir rollen mit rund 70 Stundenkilometern über die Graspiste. Nach kaum 50 Metern verlassen die Räder den Boden, wir heben ab. In wenigen Minuten erreichen wir unsere Flughöhe von rund 200 Metern. Dabei kann unser Fluggerät auch höher hinaus: „Die maximale Flughöhe beträgt 3000 bis 4000 Meter“, weiß Ullrich. Erstaunlich leise ist es, obwohl, kaum einen Meter hinter mir, die dreiflügelige Luftschraube am 100 PS starken Motor mit 2800 Umdrehungen pro Minute rotiert. Liegt aber vielleicht auch an den Kopfhörern, die meine Ohren bedecken. Über uns dreht sich der Rotor. Allerdings nicht, wie ich vor Jahren bei meinem ersten Gyrokopter-Flug vermutet hatte, motorgetrieben, sondern allein vom Flugwind bewegt.

Ullrich erklärte mir seinerzeit das Prinzip der Autorotation am Beispiel des Ahornsamens. Die Luft streicht von unten durch den Rotor, versetzt ihn in Drehung und erzeugt so den Auftrieb. Selbst bei einem Motorausfall verliere der Tragschrauber nur langsam an Höhe und könne sicher gelandet werden, erklärt der erfahrene Berufspilot und Ausbilder. Der Kreiseleffekt des Rotors (gyro, englisch für Kreisel) ermögliche dem Tragschrauber auch bei ungünstiger Witterung eine sehr ruhige und stabile Luftlage und eine geringe Anfälligkeit für Turbulenzen. Genau das ist es, was der Fotograf für Luftaufnahmen benötigt: freie, nicht durch spiegelnde Scheiben beeinträchtigte Sicht, möglichst wenig Vibrationen und eine schnelle, sichere Manövrierbarkeit.

Unter uns die Katlenburg – ein aus der Luft herrlich anzusehendes Ensemble – nähern wir uns mit rund 110 Stundenkilometern dem Eichsfeld. Aus Zeitgründen fliegen wir heute nur neun Orte an. Wir umkreisen Bilshausen, Ullrich fliegt wunschgemäß von Südosten an, die Sonne für plastische Aufnahmen im Rücken. Ich suche mir geeignete Motive, hole Ausschnitte mit dem Tele heran, darf aber auch die Totale nicht vergessen, die möglichst den ganzen Ort zeigen soll, eine Vorgabe der Chefredaktion. Zwischen den Kameragurten ringelt sich das Spiralkabel der Sprechanlage. Bloß nicht darin verfangen. Weiter geht es nach Renshausen, eine schnuckelige Idylle, umgeben und durchzogen von viel Grün. Wir überfliegen die B 27 am Krebecker Kreuz, Traktoren mit Hängern transportieren Biomasse zur benachbarten Bioenergieanlage.

Vor uns der blau-grau schimmernde Seeburger See, eingebettet in die bunte Landschaft: Von hier oben begreife ich, warum er den Beinamen „Auge des Eichsfelds“ trägt. Germershausen liegt unter uns, die Wallfahrtskirche „Maria in der Wiese“ bietet aus der Vogelperspektive, einen fast märchenhaften Anblick. Gerblingerode, Fuhrbach, Brochthausen, Langenhagen, Breitenberg und Hilkerode sind heute unsere weiteren Stationen. Gar nicht so leicht, sich aus 200 Metern Höhe zu orientieren, schließlich habe ich keine Landkarte vor mir. Ständig suche ich nach hilfreichen Landmarken wie Sielmann-Kapelle, Pferdeberg-Turm oder den Ortskirchen, die ich ja vom Boden aus schon häufig abgelichtet habe.

Wechselweise fotografiere ich mit beiden Kameras mal rechts, mal links. Ullrich, als erfahrener Fotoflieger, weiß oft ohne Ansage was ich brauche. „Ich geh’ mal ein bisschen höher“, ahnt er meinen Wunsch, denn mancher Ort entpuppt sich aus der Luft flächenmäßig größer als erwartet. Rhumspringe beispielsweise hatte mich bei unserem letzten Flug in punkto Größe wirklich überrascht.

Ullrich schaut auf die Uhr: „Wir müssen zurück“, stellt er fest, da er weitere Termine hat und mich, ob des guten Wetters, kurzfristig eingeschoben hat. „Klar“, antworte ich, „ich hab’ alles, was ich brauche“, und in steiler Linkskurve drehen wir zügig nach Westen ab. „Schau’ mal, die Störche“, deutet mein aufmerksamer Pilot nach unten. „Wow“, denke ich und entdecke noch Bussarde, die ihre Kreise in der Thermik ziehen. Zu klein zum fotografieren, lasse ich die Kamera sinken und genieße nur noch. Als wir aufsetzen frage ich mich: „Darf man einen Bussard beneiden?“ Ja, man darf, und da war er wieder – der Traum vom Fliegen.

Von Christoph Mischke

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