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Gewalt in der Pflege: Fortbildung soll Mitarbeiter sensibilisieren

Alternativen zur Fixierung vorgestellt Gewalt in der Pflege: Fortbildung soll Mitarbeiter sensibilisieren

„Ich denke, sie wissen, wovon ich spreche.“ Der Satz, den Gisela Ruwe vor rund 100 fast ausschließlich weiblichen Pflegekräften fallen ließ,  spricht Bände. Die Leiterin der Krankenpflegeschule des Göttinger Klinikums hat am Tag der Pflege – eine jährliche Fortbildungsveranstaltung des katholischen Pflegeverbundes St. Martini, Caritas und Malteser – über ein komplexes „Tabuthema“ mit magerer Datenlage gesprochen.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Duderstadt. Gewalt in der Pflege durch Angehörige, Fachkräfte und die Patienten selbst. „Früher war das kein Thema, heute wird es skandalisiert oder bagatellisiert“, sagte Ruwe: „Beides führt nicht weiter.“

Psychische und physische Gewalt sei mit dem Berufsbild, dessen öffentliche Wahrnehmung zwischen Grusel und Bewunderung schwanke, schwer vereinbar, im Arbeitsalltag aber an der Tagesordnung, die Grenzen fließend, die Dunkelziffer groß. Die Palette reicht von respektlosen Äußerungen über Bewegungseinschränkung, das Einflößen von Nahrung und Medikamentenmissbrauch bis zu Gewalttaten. Als Ursache steht bei den Klienten das Krankheitsbild im Vordergrund, bei Pflegekräften Zeitdruck, bei Angehörigen Überlastung, die persönliche Situation und Reaktionen auf aggressive Pflegepersonen. Die Körpernähe bei der Pflege verschärft oftmals die Situation. Nicht nur bei Patienten, die aufgrund einer Frontallappendemenz hypersexuelles Verhalten zeigen, fällt es bisweilen schwer, sachlich zu bleiben.

Angemessenes Handeln ist häufig eine Gratwanderung – zwischen Sicherstellung des Flüssigkeitsbedarfs und Zwang zum Trinken, zwischen Fixierung und Verhinderung von Stürzen. Bettgitter sind nur in Heimen genehmigungspflichtig, viele Angehörige befürworten Fixierungen aus Angst vor Verletzungen, Pflegekräfte sind durch das Haftungsrecht verunsichert. Wie man Patienten vor sich selbst schützen kann, ohne Gewalt anzuwenden, zeigt die Initiative „Werdenfelser Weg“, die Richter Michael Pietzek vorstellte. Dabei handelt es sich um einen Ansatz zur Vermeidung von Fixierungen im Rahmen des geltenden Betreuungsrechts. Verfahrenspfleger wägen Einzelfälle ab und regen Alternativen an. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat dieser Weg zu einer erheblichen Reduzierung von Fixierungsmaßnahmen geführt. Die Alternativen reichen von Sensormatten bis zu Stoppersocken, von Niederflurbetten bis zu Bauchgurten, die selbst zu öffnen sind. Auch Ruwe rät zu kreativen Ideen, um Probleme zu meistern. Schon eine Tür mit Bücherregal-Tapete oder eine fiktive Bushaltestelle vor dem Seniorenheim könnten dazu beitragen, dass mobile Demenzkranke Einrichtungen nicht verlassen. Pflegekräfte sollten intervenieren, wenn Kollegen ausgebrannt sind,  und sich nicht von jeder Forderung unter Druck setzen lassen. „Wir müssen die Ursachen von Gewalt analysieren, damit es nicht zur Eskalation kommt, die Mitarbeiter sensibilisieren und ihnen Handlungsorientierung geben“, betont Caritas-Sozialstationsleiter Gerd Hegerkamp.

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©Richter