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„Grenzenlos“: Auf der Suche nach Freiheit

Niedersächsische Musiktage „Grenzenlos“: Auf der Suche nach Freiheit

Wie klingt Freiheit? Zum Auftakt der 26. Niedersächsischen Musiktage im Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen konnten die Gäste zunächst vor allem erfahren, wie Freiheit nicht klingt.

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Performance im Grenzlandmuseum: Abhörgeräte auf der Glasscheibe und flüsternde Stimmen als Klangkulisse wirken bedrohlich.

Quelle: Schneemann

Teistungen. Auf dem Parkplatz vor dem Museum begann die Schikane: „Bitte nochmal einparken. Sie müssen das Auto dichter stellen“, motzten Schüler des Eichsfeld-Gymnasiums Duderstadt (EGD), die hier als Ordner abgestellt waren.

Fragen waren unerwünscht und wurden nicht beantwortet. „Nächster!“ war die strenge Aufforderung, an den Tisch zu kommen, um sich eine Karte als Einlass für die Veranstaltung abzuholen. Wer dabei nicht bereitwillig Auskunft über seinen Geburtsort gab, stand sofort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: „Verweigert!“, brüllte die Stimme des Ordners. Spätestens hier wurde den 220 Teilnehmern an der Eröffnungsveranstaltung der Musiktage klar: Schikane, Bevormundung und Gängelei gehörten zum Konzept.

Klangkünstler Rochus Aust suchte für sein Projekt „Grenzenlos“ Jugendliche zur Unterstützung. Über Ben Thustek, Lehrer am EGD und pädagogischer Leiter des Grenzlandmuseums, meldeten sich Schüler aus den Jahrgängen sieben bis zwölf und erarbeiteten in Workshops das Thema Freiheit, das in diesem Jahr Motto der Niedersächsischen Musiktage ist. Diese werden jährlich von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung initiiert.

In Gruppen wurden die Besucher von ihren Ordnern durch das Museum kommandiert. „Gehen Sie ins Kino!“, hieß es, doch in dem engen Raum tauchen Bilder allenfalls in der Vorstellung der Teilnehmer auf: Eine leere Leinwand, dafür klangliches Wirrwarr und Wortfetzen aus Nachrichtensendungen.

Zu einem Vortrag sollten sich die Menschen vor eine Glaswand setzen, die mit Abhörgeräten bestückt war. Doch statt einer Rede gab es eine Performance: Ein Jugendlicher fing die flüsternden Stimmen aus den Mikrofonen mit einer Trompete ein, eine Schülerin schob sich durch die irritierende Geräuschkulisse. Klang kann bedrohlich sein, wenn nicht klar wird, wer oder was sich dahinter verbirgt. Und er kann nervtötend sein, wie es die Besucher im Mühlenturm des Museums erfuhren.

Hier wurden alle mit Ohr-stöpseln ausgestattet, damit die laut aufgedrehten Pop-Songs erträglich wurden, die alle  durcheinander aus riesigen Boxen hämmerten. Trotzdem war nach einer Weile in diesem Lärm eine Abstumpfung des Ohres und des Geistes zu spüren.

Kontroverse Diskussionen über die Aktionen waren gewollt. Und die gab es. In den Gruppen entstanden schnell Kontakte zwischen zuvor fremden Menschen. Irene Daniel aus Hannover stellte fest: „Dieser barsche Tonfall erinnert mich an die Einreise in die ehemalige DDR. Das ist beklemmend.“ Andere erzählten ihre Geschichten.

Zu wenig Freiheit kann spontane Solidarität hervorrufen. Urteile wie „verballhornt“ wurden ebenso laut wie: „Das wirft Fragen auf, die wir uns vorher nicht gestellt haben“. Oder: „Verblüffend, wie eingeschränkte Freiheit auf die eigene Persönlichkeit wirkt.“ Ein Gast aus Berlin sagte: „Das Projekt ist toll und überraschend. Man wird mit Themen konfrontiert, mit denen man nicht gerechnet hat.“

Per Megaphon wurden die Gruppen schließlich von Rochus Aust den steilen Weg hinauf zum Wachturm auf dem Pferdeberg geleitet. „Bitte blicken Sie nach links und denken Sie an ihren Großvater“ – so und ähnlich lauteten dabei die Kommandos.

Vor dem Turm blähte sich ein regenbogenfarbener Heißluftballon auf. Die Menschenmenge verteilte sich auf der Wiese und wurde still, als sich der Ballon mit seinem winkenden Fahrer erhob und in den Himmel stieg. Dann stimmte eine kleine Gruppe das Lied „Wenn ich ein Vöglein wär“ an, sang hinein in den leisen Wind auf dem Pferdeberg, und immer mehr Stimmen kamen dazu. So klingt Freiheit.

Von Claudia Nachtwey

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