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Gruppe von Eichsfeldern kann die Nacht der Grenzöffnung nicht vergessen

Einmal Westen und zurück Gruppe von Eichsfeldern kann die Nacht der Grenzöffnung nicht vergessen

Die Nacht der Nächte. Menschen, die die Grenzöffnung miterlebt haben, werden sie nie vergessen. „Jede Sekunde bleibt in Erinnerung“, sagt Mathilde Klaus (61) aus Birkungen im Obereichsfeld. Sie gehört zu einer Gruppe von sieben Menschen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 einen Ausflug über die innerdeutsche Grenze ins Untereichsfeld wagten.

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Benno Klaus, Gerd Klaus, Schwester Lioba, Bettina und Wolfgang Hellrung, Wolfgang und Gertrud Kohlitsch, Mathilde Klaus, Heinz Hobrecht (v.l.)

Quelle: Richter

Eichsfeld. Die Fahrt mit einem Trabi und einem Lada nach Gieboldehausen und die dort folgende Begegnung mit der Ordensfrau Lioba zählt für den Freundeskreis zu den schönsten Erlebnissen im Leben.

Von „Schicksalsgemeinschaft“ spricht Wolfgang Kohlitsch. Auch der 59-jährige Gernröder und seine Ehefrau Gertrud (55) zählen zum Kreis derer, die die  „Wahnsinnsnacht“ damals miterlebt haben. Als  „Republikflüchtige“ bezeichnen sich ein wenig scherzhaft Gerd Klaus (62), Ehemann von Mathilde, sowie dessen Bruder Benno Klaus (52) und das Ehepaar Bettina (45) und Wolfgang Hellrung (49) aus Gernrode.

Nach einem Schlachtefest in Birkungen hatten sich die Obereichsfelder, damals ja noch DDR-Bürger, am 9. November 1989 abends auf den Weg in Richtung Staatsgrenze gemacht. „Wir wollten testen, ob tatsächlich ab sofort für jeden Bürger die Ausreise möglich war, wie es Günther Schabowski einige Stunden zuvor bei einer Pressekonferenz im Fernsehen eher beiläufig verlauten lassen hatte“, erinnert sich Benno Klaus.

Freudentränen

Den Grenzübergang zwischen Teistungen und Gerblingerode konnten die Freunde samt DDR-Ausweis mit ihren Autos passieren. Bei einem Zwischenstopp in Duderstadt flossen erste Freudentränen. Doch die Gruppe setzte den Weg mit beiden Wagen in Richtung Gieboldehausen fort.

Nach einer Irrfahrt begegneten die Obereichsfelder im Dunkeln der Nacht in der Nähe von Rollshausen Heinz Hobrecht, damals freier Mitarbeiter beim Eichsfelder Tageblatt. In entgegengesetzter Richtung war er unterwegs, um am Grenzübergang bei Gerblingerode die Grenzöffnung mitzuerleben.

Er drehte jedoch um, fuhr voran und  zeigte den  Weg zum Antoniusstift in der Fleckengemeinde. Dorthin wollten die Obereichsfelder:  Die Tante von Bettina Hellrung, eine Ordensfrau und Schwester ihrer Mutter, war dort als Leiterin des Kindergartens und Stifts tätig.

Komisches Gefühl

Von Hobrechts Wohnung aus  klingelte Hellrung ihre Tante in der Nacht aus dem Bett und kündigte die Überraschung  an. Als die  Nonne wenig später die Tür öffnete, fielen sich alle in die Arme. Als Wunder bezeichnete Vinzentinerschwester Lioba die Begegnung.

Erst am folgenden Morgen, einem Freitag, führte der Weg der Besucher zurück nach Gernrode und Birkungen.  „Es war schon ein komisches Gefühl. Wir wussten ja gar nicht, ob wir denn wieder zurückfahren konnten oder am Übergang abgewiesen würden“, berichtet Gertrud Kohlitsch.

Alles ging gut. Dreimal nach der Nacht der Nächte vom 9. auf den 10. November 1989 hat sich die Gruppe mit Schwester Lioba und Hobrecht inzwischen wieder getroffen. Nach zehn Jahren noch einmal im St. Antoniusstift in Gieboldehausen. Nach 20 Jahren im Elisabeth-Krankenhaus in Kassel, wo Schwester  Lioba bis vor zwei Jahren tätig war. Und kürzlich nun in St. Martini, wo sie ihren Ruhestand verbringt.

„Alles ist so normal geworden“

„Vor unserer Tür hat sich damals Weltgeschichte ereignet“, sagte  Vinzentiner-Oberin Cárola Brun bei der Begrüßung der Gäste in St. Martini. Als Leiterin der Schwesternschule hatte die gebürtige Seeburgerin die Nacht der Grenzöffnung hautnah miterlebt und war bis zum Übergang zwischen Gerblingerode und Teistungen hinausgefahren.

Was denkt Ihr heute, wenn Ihr über die ehemalige Grenze fahrt? Wie hat sich Euer Leben entwickelt? Was ist besser, was ist schlechter geworden seit der Wiedervereinigung?  Auch beim jüngsten Treffen standen diese Fragen im Mittelpunkt.

„Alles hat sich gut gefügt“, sagt Bettina Hellrung, und Ehemann Wolfgang stimmt zu. Gleich nach der Wende hat der Obereichsfelder beruflich Fuß gefasst beim Dachdeckerunternehmen Eduard Koch in Duderstadt. Ein Eigenheim haben sich Hellrungs in Gernrode gebaut. „Alles ist so normal geworden“, sagt Bettina.

„Wir können froh sein, dass wir das alles erleben konnten“

„Uns geht es einfach gut, sehr gut sogar. Wir sind alle gesund“, sagt Wolfgang Kohlitsch. Auch Gerd und Mathilde Klaus wollen nicht klagen. Der Malermeister, inzwischen im Ruhestand, ist dankbar, dass er während eines Praktikums im Betrieb von Fritz Röhling in Duderstadt noch den „Rembrandt des Eichsfeldes“ persönlich kennen lernen konnte. Mathilde ist im Klosterladen in Reifenstein tätig.

Auch Benno Klaus ist mit seiner Lebenssituation zufrieden und würde sich auf keinen Fall die ehemalige DDR zurückwünschen. Vier Töchter und einen Sohn haben Benno und seine Frau. Wie bereits früher arbeitet der Gernröder im Nachbarort Niederorschel.  

Schwester Lioba strahlt auch bei der inzwischen vierten deutsch-deutschen Begegnung Freude aus und ist sich einig mit  ihrer Nichte Bettina: „Wir können froh sein, dass wir das alles erleben konnten.“

Daten und Zahlen zur Berliner Mauer

Maße : Am 13. August 1961 beginnt um 01.00 Uhr nachts die systematische Abriegelung der rund 155 Kilometer langen Grenze um West-Berlin - davon trennen 43 Kilometer das Berliner Stadtgebiet. Der Todesstreifen ist zuletzt 15 bis 150 Meter breit.

Aufbau : Von 1975 an wird auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente werden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben besteht die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern.

Übergänge : Acht Grenzübergänge verbinden die beiden Stadtteile. Am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße droht im Oktober 1961 ein Gefecht von sowjetischen und US-Panzern. Am 9. November 1989 gelangen in der Bornholmer Straße die ersten DDR-Bürger in den Westen.

Tote : Mindestens 138 Menschen werden bei Fluchtversuchen getötet - die meisten in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau. Das erste Opfer erliegt am 22. August 1961 beim Sprung aus einer Wohnung in der Bernauer Straße seinen Verletzungen. Zwei Tage später treffen die ersten Schüsse einen Flüchtigen im Humboldthafen. Der letzte an der Mauer Erschossene ist ein 20-Jähriger. Er stirbt am 5. Februar 1989 bei einem Fluchtversuch an der Grenze nach Neukölln. Das letzte Opfer der Mauer stürzt am 8. März 1989 mit einem selbst gebauten Ballon im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf ab. Am 3. April 1989 wird der Schießbefehl aufgehoben.

Flucht : In den 28 Mauerjahren bewachen insgesamt mehr als 10 000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Es gibt rund 300 Beobachtungstürme. Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen rund 40 000. Die Bundesrepublik kauft knapp 34 000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

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