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Haushaltskurs für Arbeiterinnen

Vor 50 Jahren schloss die Fuhrbacher Zigarrenfabrik Haushaltskurs für Arbeiterinnen

Ein Dreivierteljahrhundert lang haben die Fuhrbacher Zigarren produziert. 1967, vor 50 Jahren, schloss die Vlothoer Firma Schöning ihre Fabrik an der Bleicheröder Straße 4. Dort und in Heimarbeit hatten in den letzten Jahren zwischen 80 und 110 Personen Zigarren gedreht.

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Zigarrenfabrik in Fuhrbach: Gedreht wurden die Zigarren fast ausschließlich von Frauen.

Quelle: r

Fuhrbach. Mit dem Tabakanbau im Untereichsfeld hat Gerhard Vorbeck bereits in den 1660er-Jahren begonnen. So berichtet es Heimatforscher Karl Wüstefeld in einem alten Aufsatz. „Bis Mitte der 1950er-Jahre bauten die Eichsfelder Tabak an“, weiß Duderstadts Stadtarchivar Hans-Reinhard Fricke.

„Die Produktion von Zigarren, für die Tabak aus Übersee verwendet wurde, setzte erst Mitte der 19. Jahrhunderts ein“, so Fricke. Nach einigen Anläufen habe diese Branche mit der Gründung des Deutschen Reichs festen Fuß in der Region gefasst.

„1871 eröffnete die Bremer Firma Engelhard und Biermann eine Zigarrenfabrik in Duderstadt“, führt der Historiker aus. Die Bremer hätten sich wegen des niedrigen Lohnniveaus für das Eichsfeld entschieden. Das rührige Unternehmen hat nach den Recherchen von Heimatforscher Wüstefeld bis 1912 im Eichsfeld 17 Außenstellen gegündet, von denen einige nur kurzlebig waren.

„Die neuen Fabriken auf den Dörfern, die vor allem Frauen beschäftigten, fanden die Zustimmung der katholischen Kirche“, sagt Historiker Fricke. Den Pfarrern sei es aus moralischen Gründen suspekt gewesen, dass junge Eichsfelderinnen zum Arbeiten in die Fremde gingen. „Die Fuhrbacherinnen stachen in Hannover und Hildesheim Spargel“, ergänzt Fuhrbachs Ortsheimatpfleger Ballhausen

„Die Fuhrbacher Zigarrenfabrik, die Schöning 1953 übernahm, wurde 1896 von Engelhardt und Biermann gebaut“, führt Ballhausen aus. Er stützt sich auf die Ortschronik, die Rektor Tassilo Bitzan 1985 herausgebracht hat. Laut Bitzan mussten die Bremer ihren Bauplan auf Anordnung der Verwaltung nachbessern. So verlangte die Aufsichtsbehörde, dass sich die Fenster nach draußen öffnen lassen. Vorgeschrieben wurden getrennte Gardroben für Männer unf Frauen und Toiletten außerhalb des Hauptgebäudes. Ein berittener Gendarme prüfte die Einhaltung der Vorgaben. Die ersten Arbeiteinnen wurden in Ecklingerode angelernt.

„Im Erdgeschoss des Fabrikgebäudes wohnte der Zigarrenmeister, der von seinem Kontor im ersten Stock aus die Aufsicht in den beiden Produktionssälen führte“, sagt Ortsheimatpfleger Ballhausen.

Die Bremer richteten für ihre Eichsfelder Beschäftigten eine Sparkasse ein, heißt es im Aufsatz von Heimatforscher Wüstefeld. Arbeiterinnen, die von ihren acht bis 15 Mark Wochenlohn mindestens zwölf Mark im Jahr sparten, erhielten den gleichen Betrag als Sparzulage. Da Arbeiterinnen bei der Hochzeit oft nur wenig von Hausarbeit verstanden, schickte sie das Unternehmen zuvor zu einem dreimonatigen Kurs in die Haushaltsschule des Duderstädter Laurentiusstifts.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Zigarrette mehr und mehr durch“, weiß Stadtarchivar Fricke. Die Bremer Zigarrenfabrikanten meldeten 1953 Konkurs an. Die Firma Schöning übernahm die Fuhrbacher Fabrik. Sie gab den Standort 1967 auf.

Tischlermeister Rudolf Ohse zog in das Gebäude ein. Die beiden Tabaksäle und später auch der Dachboden wurden zu Wohnräumen umgebaut. „Beim Deckendurchbruch zum Dachboden wurde der Tabakstaub, der sich dort über Jahrzehnte angesammelt hatte, aufgewirbelt“, erinnert sich Ortsheimatpfleger Ballhausen. Wie bei einem Brand habe es geraucht. Heute betreibt Ohses Enkel mit seiner Mutter auf dem Grundstück einen Großhandel für Fenster und Türen.

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©Richter