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„Ich bin mit meiner Art auch angeeckt“

Spielmann über die Zeit an der Spitze der Sielmann-Stiftung „Ich bin mit meiner Art auch angeeckt“

Eine halbe Stunde zwischen zwei Terminen: Bis zum letzten Arbeitstag war Michael Spielmann für die Heinz-Sielmann-Stiftung aktiv. Viereinhalb Jahre stand er als Vorstand an ihrer Spitze und hat sich kurz vor seinem Ausscheiden Zeit für ein Interview über den Zustand der Stiftung und ihre Zukunft genommen. Mit ihm hat Ulrich Lottmann gesprochen.

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„Der Tod Heinz Sielmanns war ein dramatischer Einschnitt“: Beim Antritt Michael Spielmanns ist die Stiftung in Unruhe.

Quelle: OT

Duderstadt. Sie sind noch mitten im Geschäft?

Es gibt viel zu tun. Am 31. August räume ich meinen Schreibtisch.

Das klingt nach einer aktiven, lebendigen Stiftung. Beschreiben Sie deren Zustand, wie hat er sich in den vergangenen Jahren verändert?

Der 1.1.2008 war mein erster Arbeitstag, da war die Stiftung in einer nicht ganz einfachen Situation. Der Tod Heinz Sielmanns zwei Jahre zuvor war ein dramatischer Einschnitt. Ich will den Zustand damals nicht Krise nennen, aber es war nicht einfach. Es gab mehrere Wechsel im Vorstand, der Stiftungsrat war in Unruhe und die Stiftung war finanziell – vielleicht nicht in Turbulenzen, aber der Trend war negativ. Dazu muss man wissen, wir leben zu 90 Prozent von Spenden und wir hatten viele Spender verloren. Gleichzeitig sind wir langfristige, dauerhafte Verpflichtungen eingegangen: die Sielmann Naturlandschaften, auch Gut Herbigshagen. Deshalb war einer meiner ersten Schritte ein Kassensturz. Das war einfach: Die Einnahmen, das sind fast ausschließlich die Spenden. Die Ausgaben, das sind grob gesprochen Personal und Liegenschaften. Wenn es uns in den vergangenen Jahren nicht gelungen wäre, die Spendeneinnahmen zu stabilisieren – derzeit sind das rund acht Millionen Euro im Jahr – hätten wir einschneidende Maßnahmen ergreifen müssen. Jetzt haben wir wieder Wasser unter dem Kiel, im Moment ist die Stiftung ganz gut aufgestellt.

Im Moment?

Für die Zukunft ist das Finanzproblem nicht gelöst. Die Spenden sind noch mit  dem Namen Heinz Sielmann verbunden, diese Bindung wird schwächer. Die Omnipräsenz Heinz Sielmanns im Fernsehen, diese Einschaltquoten, das können wir nicht erreichen, das ist heute gar nicht mehr möglich. Darauf müssen wir Antworten finden.

Wie könnten diese Antworten aussehen?

Wir haben bereits andere Geldquellen erschlossen, zum Beispiel staatliche Fördergelder. Das wollte die Stiftung früher nicht, aber es ist legitim. Und wir versuchen, den Kostendeckungsgrad unserer Projekte zu erhöhen, zum Beispiel auf dem Gut Herbigshagen: durch Vermietung von Räumen, durch Gewinnung von Spenden der Besucher. Wir haben hier 130000 bis 150000 Besucher pro Jahr, da holen wir ganz wenige Spenden ab. Das muss besser werden.

Bislang haben wir über Geld geredet. Was ist mit dem Anliegen der Sielmann-Stiftung, Naturschutz als positive Lebensphilosophie?

Die Stiftung hat nach dem Tod Heinz Sielmanns in der naturschutzpolitischen Debatte keine Rolle mehr gespielt. Er war eine starke Stimme, hat Brücken gebaut zum Beispiel zwischen Naturschutz und Jägerschaft, oder bei der Frage, welche Rolle Zoos im Naturschutz spielen. Daran hat die Stiftung nach seinem Tod nicht angeknüpft. Das haben wir in den vergangenen vier Jahren versucht, zum Beispiel durch die Sielmann-Dialoge, zum Beispiel durch die Übernahme großer Flächen und eigenem aktivem Handeln. Die Übernahme von Teilen des Truppenübungsplatzes Wittstock, dem Bombodrom in der Kyritz-Ruppiner Heide, das ist unser größter Coup. Von 13000 Hektar übernehmen wir 4000 - das ist mehr als die Sielmann-Stiftung in der Döberitzer Heide bereits als Naturlandschaft betreut, mit einer viel höheren Belastung durch Munitionsreste. Dafür sind uns nun gute Regelungen bei den Haftungsfragen gelungen, im Gegenzug ist es unsere Aufgabe, diese Flächen ökologisch aufzuwerten und dafür auch Personal bereit zu stellen. Man muss wissen, wir tragen nun Verantwortung für Heideflächen, die größer sind als die Lüneburger Heide. Wenn wir es schaffen, sie im Sinne des Naturschutzes aufzuarbeiten, ist uns viel gelungen. Diese Beispiele zeigen: Wir sind naturschutzpolitisch nun ein Akteur. Das bringt uns viel Beifall ein – ich glaube, zurecht und darauf bin ich auch stolz.

Welche Rolle spielt der Standort Duderstadt?

Die Sielmann-Stiftung hat mit Gut Herbigshagen in der Naturbildung schon immer eine gute Rolle gespielt. Das soll nun bundesweit ausstrahlen. Wir müssen so gut sein – und das auch bekannter machen – dass man zum Beispiel aus Baden Württemberg Schulklassen zu uns schickt. Und wir müssen Naturbildung allgemein attraktiver machen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, die das im Elternhaus nicht so mitbekommen, die nicht so behütet sind, mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien oder aus der Großstadt. Wilde Kinder sind in der Wildnis gut aufgehoben, heißt es. Aber das ist kein Zuckerschlecken, das müssen wir lernen, da darf man auch keine Fehler machen. Naturschutz, das ist auch soziale Verantwortung.

Aktiver Naturschutz und Naturbildung für Kinder und Jugendliche. Ist das die Zukunft der Sielmann-Stiftung?

Nicht nur. Es gibt noch eine Baustelle, das ist der Naturfilm. Dafür war Heinz Sielmann bekannt, er war Avantgarde, das müssen wir auch wieder sein. Wir können aber nicht einfach da weiter machen, wo Heinz Sielmann aufgehört hat, dafür ist die Entwicklung zu rasant. Wir dürfen kein Sielmann-Museum sein, wir müssen Standards setzen. Damit haben wir auch schon angefangen, mit dem Heinz-Sielmann-Filmpreis und dem Camäleon-Jugendfilmpreis. Derzeit haben wir ein Projekt mit der Hochschule für Funk und Film Potsdam-Babelsberg, junge Filmschaffende machen  Langzeitbeobachtungen in der Natur. Wir gehen also auch wieder da hin, wo Heinz Sielmann war.

Spannende Aufgaben – und Sie sprechen die ganze Zeit von „Wir“. Dennoch verlassen Sie die Stiftung. Warum?

Die Stiftung wird gerade 18, gewissermaßen volljährig. Da kann man beruhigt gehen. Nein, im Ernst: Die Situation ist im Moment gut, und ich habe ein anderes Angebot bekommen. Das konnte ich im Moment annehmen. Das hätte ich vor zwei Jahren noch nicht gekonnt, in weiteren zwei Jahren vielleicht auch nicht mehr. Das ist das eine. Das andere ist: Ich bin mit meiner Art in der Stiftung auch angeeckt. Ich bin ungeduldig und mit heißem Herzen dabei. Vielleicht ist es gut, dass es jetzt ein anderer macht. Aber ich gehe aus freien Stücken und ohne böses Blut. Im Gegenteil ist eine Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Umwelthilfe, wo ich jetzt Bundesgeschäftsführer werde, und der Sielmann-Stiftung bereits vereinbart. Das ginge nicht, wenn wir nicht friedlich auseinander gehen würden. Ich freue mich darauf.

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