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„In den Chatrooms könnte jeder alles lesen“

Digitale Treffpunkte „In den Chatrooms könnte jeder alles lesen“

Das war einfach nur Sch..., man erreicht niemanden mehr!“, beschreibt die Gymnasiastin Darleen Ahlborn die paar Tage, als sie zu Hause „Digital-Verbot“ bekam, also weder Handy noch Internet nutzen durfte. Wie eingemauert und lebendig begraben!

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Ob Facebook, Schüler VZ oder andere Treffpunkte im Internet: Der ganze Freundeskreis ist jederzeit erreichbar.

Quelle: OT

Einen großen Raum nehmen digitale Treffpunkte bei Kontakten unter Jugendlichen ein. Eltern machen sich manchmal Sorgen, ob die echten Freundschaften zu kurz kommen oder ob es solche überhaupt noch gibt. „Ich treffe die Leute lieber im wirklichen Leben als im Chatroom, aber ich chatte natürlich auch,“ sagt Ole Anhuef dazu. Er ist gerade aus Neuseeland zurück gekehrt, wo er ein Jahr Gastschüler war. „In dieser Zeit hatte ich weniger Kontakt zu meinen Freunden in Deutschland. Nur zu chatten bringt doch nichts, man muss sich auch persönlich sehen“, sagt der Sechzehnjährige.

Auch Sarah Warschief hält Freundschaften ausschließlich über Chatrooms nicht für möglich, obwohl sie viel chattet. „Außerhalb der Schule ist das praktisch. Man erreicht den ganzen Freundeskreis gleichzeitig, wenn was anliegt“. Dabei ginge es um Absprachen, allgemeine Dinge oder Informationen über eine Veranstaltung.

Aber bei privaten Sachen ist die Achtzehnjährige vorsichtig.„Ich gebe im Chatroom nie meinen vollen Namen oder meine Telefonnummer an“, sagt sie. Allerdings habe sie bei jüngeren Schülern beobachtet, dass die damit freier umgingen und auch private Daten an die Pinnwand ins Netz schreiben würden. Mit der besten Freundin oder dem Freund telefoniert man besser oder trifft sich abends. „Da weiß man, dass niemand mithört. In den Chatrooms könnte jeder alles lesen“, bedenkt Sarah.

„Wer sich ein bisschen auskennt, kann sich überall einhacken. Sicherheitslücken gibt es bei jedem Chatroom“, bestätigt Fabian Hartmann. Der Sechzehnjährige ist gleich in mehreren Rooms aktiv. „Aber ich habe nur Kontakt zu Leuten, die ich privat kenne. Bei Fremden weiß man nicht, wer da wirklich hinter steckt“, sagt er. Auch er habe beobachtet, dass Jüngere unbedachter seien. „Wenn einer den Kontakt zu meiner 13-jährigen Schwester sucht und sich ,Guter Junge’ nennt, rate ich ihr ab, darauf zu reagieren“, sagt Fabian. Darleen und Sarah haben es manchmal mit unbekannten Verehrern zu tun, die entweder ignoriert oder – wenn sie hartnäckig sind – verbal in ihre Schranken verwiesen werden. „Notfalls reagiere ich aggressiv“, sagt Sarah. Manchen Kontaktversuch von Fremden erklärt sie sich mit Irrtümern. „Auf den Fotos sehen wir oft älter aus, als wir sind. Die denken, man ist 24. Meistens hat man Ruhe, wenn man sein Desinteresse klar macht“, so ihre Erfahrungen. „Wenn ich mich bedroht fühlen würde, könnte ich das meinem Vater sagen, damit er was unternimmt“, sagt Darleen.

Sie weiß, dass es sonst wenig Möglichkeiten gibt, einen lästigen Typen loszuwerden. Das bestätigt auch Fabian: „Wer im Schüler VZ dreimal gemeldet wurde, weil er negativ aufgefallen ist, wird im Chatroom abgemeldet. Aber er kann sich gleich wieder neu anmelden, das bringt also gar nichts“, erklärt er. Auch als Junge würden ihn manchmal Nachrichten von Unbekannten erreichen. „Das sind aber meistens Jüngere, die sich nicht trauen, einen persönlich anzusprechen. Das ist also nichts Schlimmes, es kann aber nerven“, sagt er. „Jüngere nutzen die Chatrooms oft für Liebesdinge. Zettelchen schreibt heute keiner mehr, das läuft alles über das Netz“, erklärt Sarah. „Da wird jemandem mitgeteilt, wie süß man ihn findet, um die Chancen abzuchecken“, bestätigt Darleen. Aber man sollte da vorsichtig sein: „Später ist es einem vielleicht peinlich, wenn das andere auch gelesen haben“, warnt sie.

Eine der faszinierenden Seiten der Chatrooms ist die internationale Vielfalt. Sarah hat auch Kontakt zu Unbekannten, ist dabei jedoch vorsichtig. „Mich interessieren Sprachen und andere Kulturen“, erklärt sie. Auf englisch chattet sie mit einem in Irland lebenden Kenianer. „Aber ich vermeide alle privaten Themen, und der kennt nicht meinen vollständigen Namen. Er weiß nur, dass ich in Deutschland lebe, aber nicht wo.“

Auch Ole hält den Kontakt zu Leuten aus Neuseeland über Chatrooms. „Dort läuft alles über Facebook, deswegen bin ich da angemeldet. Im Chatroom wird viel Freizeit verbracht. Sogar manche Event-Ankündigungen laufen in Neuseeland nur noch über SMS und Facebook. Wer das nicht hat, ist nicht informiert“, erzählt er.

Im Durchschnitt würden Jugendliche zwischen der fünften und sechsten Klasse mit dem Chatten anfangen. „Man macht dann einfach mit, weil alle dabei sind“, sagt Darleen. Hier in der Clique habe man die Erfahrung gemacht, dass man erstmal drauf los schreibt, wobei Rechtschreibung und Grammatik völlig außer Acht gelassen werden. Die Jugendlichen erzählen von einer Freundin, die in Deutsch nur noch Fünfen schrieb, weil sie richtiges Schreiben im Chatroom und auf dem Handy verlernt hatte. „Die Jüngeren machen sich da noch keine Gedanken, aber die Älteren strengen sich meistens an, wieder normal zu schreiben. Da geht es auf den Schulabschluss und die Ausbildung zu. Ma n kann sich ja nicht mal bewerben, wenn man „ist“ ständig ohne „t“ schreibt“, sagt Fabian, der demnächst seine Ausbildung zum Erzieher beginnt.

Verzichten könnten die Freunde keinesfalls auf ihr Handy, eher auf die Chatrooms. „Jeder Kontakt und jede Information – alles läuft erstmal über das Handy. Das gehört heute dazu, anders kennen wir das nicht“, sind sich alle einig. Die echten Freunde scheinen allerdings nach wie vor das Wichtigste zu sein und die digitale Welt nur eine von vielen Ebenen, auf denen Freundschaft gelebt wird.

Von Claudia Nachtwey

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