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Internationale Verbundenheit oder eigene Heimatliebe?

„Wir Europäer müssen zusammenhalten“ Internationale Verbundenheit oder eigene Heimatliebe?

Was ist Europa? Wachsen die Länder zusammen, weil sich die Europäer dank EU und Facebook besser verstehen? Verschwindet die eigene Identität und Heimatverbundenheit im Vielvölkerpulk?

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Stehen für den Zusammenhalt: Sonja Lehmeier, Gudrun Borchert und Caroline Pellier.

Quelle: Schauenberg

Das Tageblatt fragt im Rahmen von Austauschprogrammen am Eichsfeld Gymnasium Duderstadt (EGD) deutsche und französische Schüler und Lehrer nach ihrer Sicht auf Heimat in Europa.

Duderstadt. Die Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich umfasst eine gemeinsame Kulturgeschichte, war aber bis 1945 auch von Kriegen geprägt. Erst mit dem Élysée-Vertrag von 1963 war die Grundlage für eine weitreichende Freundschaft geschaffen worden. Seit 1986 findet der Schüleraustausch zwischen dem EGD und dem Collège Les Cités Unies in Combs-la-Ville statt.

„Die französischen Schüler sind mit unserem Schulsystem zufrieden, aber zum Studieren gehen einige auch ins Ausland, vor allem in die USA“, sagt Lehrerin Caroline Pellier aus Combs-la-Ville. Viele zieht es aber vor allem ins nahe Paris. „Frankreich ist Paris, die Stadt ist das Zentrum, wo alle Möglichkeiten offen stehen“, sagt Pellier. Ansonsten würde Berlin zunehmend an Bedeutung als Studienort gewinnen.

Seit der Wirtschaftskrise würde der europäische Zusammenschluss jedoch mit mehr Skepsis betrachtet. „Vor einigen Jahren haben die Jugendlichen eher die Vorteile der EU gesehen, größere Chancen in der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt. Heute sind sie pessimistischer“, sagt Pellier.

Ganz anders in Duderstadt

Ihre deutschstämmige Kollegin Gudrun Borchert, ebenfalls Lehrerin am Collège, beobachtet, dass die Identifikation mit der Heimat für die französischen Schüler anders sei als für die deutschen. „Nicht mit Combs-la-Ville identifizieren sich die Jugendlichen, sondern mit Frankreich“, bestätigt Pellier. Niemand ihrer Schüler habe tiefgehende familiäre Wurzeln in Combs-la-Ville, und auch die regionalen Politiker würden es nicht als ihre Aufgabe betrachten, zu einer größeren Identifikation mit dem Heimatort beizutragen.

Ganz anders sei das in Duderstadt, sagt EGD-Lehrerin Sonja Lehmeier. „Die meisten meiner Schüler haben ihre Wurzeln im Eichsfeld. Ihre Familien leben seit Generationen hier. Ich bin überrascht, wie viele tatsächlich nach dem Studium oder nach ihrer Ausbildung in die Region zurückkehren.

Auch in der heutigen Generation wollen viele zum Studium fortgehen, aber würden später gern wiederkommen.“ Die meisten, die Französisch als zweite Fremdsprache wählten, wollten auch nach Frankreich, zum Schüleraustausch oder im Studium  ein Auslandssemester im Nachbarland belegen. Zudem sei das Thema Schule und Ausbildung nicht nur vom Kultusministerium gelenkt. Auch die Regionalpolitik setze sich in ihrem möglichen Rahmen für eine Präsenz der Eichsfelder Schulen ein, um die Region zu stärken.

Selbstverständlich, ins Ausland zu gehen

Im digitalen Zeitalter ist es ein Leichtes, sich über andere Länder zu informieren, internationale Angebote wahrzunehmen der gar bei ausländischen Firmen zu arbeiten, ohne dafür seinen heimischen Schreibtisch zu verlassen. Braucht überhaupt noch jemand den persönlichen Austausch mit Freunden aus den Nachbarländern?

„Auf jeden Fall!“, sind sich die Lehrerinnen beider Länder einig. Nur durch die persönlichen Kontakte könnten Verständnis und Freundschaften existieren. Diese seien allerdings über Social Media auch leichter zu halten, sagt Lehmeier. „Eine schnelle digitale Mitteilung schreiben die Schüler heute öfter als früher einen langen Brief auf Papier“, vergleicht sie.

Im Eichsfeld ist es für viele junge Menschen selbstverständlich geworden, für eine Weile ins Ausland zu gehen, zum Studium, zur Arbeit oder über entsprechende Agenturen zu sozialen Diensten. Das beweist das breite Spektrum an Institutionen, Stiftungen und Jugendreiseunternehmen, die jede Form der Auslandsreise ermöglichen. Nie war es so leicht für junge Europäer, die Welt kennenzulernen. „Wir Europäer müssen zusammenhalten, gerade wegen der Krise“, sind sich die Lehrerinnen einig. Und Deutschland und Frankreich verbinde dabei eine ganz spezielle Freundschaft.

Von Claudia Nachtwey

Schülermeinungen: Heimat oder Ausland?

Wie stellen sich Jugendliche ihre Zukunft in Europa vor? Französische und deutsche Schüler schildern ihre Wünsche, Pläne und ihr Verhältnis zu ihrer Heimat. Die Französin Marie Makouta sagt: „Ich würde gern in der Politik arbeiten. Eins meiner Ziele ist es, Premierministerin zu werden, ansonsten Anwältin oder Journalistin.

Ich würde gern mein Umfeld verändern und in Amerika arbeiten. Aber das hängt auch von meiner beruflichen Laufbahn ab. Am meisten mag ich an meinem Land die Hauptstadt Paris wegen ihrer Bedeutung in Politik, Wirtschaft, Kultur und Tourismus, wegen ihrer Geschichte und historischen Gebäude.“

Ihr Klassenkamerad Louis Minguet sagt ebenfalls: „An Frankreich mag ich die Hauptstadt Paris und ihre berühmten Sehenswürdigkeiten und Museen, aber auch die gesamte Geschichte des Landes. Ich möchte Informatiker werden und möchte auch im Ausland leben, zum Beispiel in den USA. Dort gibt es viele Informatikfirmen. Aber es würde mich auch nicht stören, in Frankreich zu bleiben, weil es ein sehr gutes Land ist.“

„Ich möchte später vielleicht mal ein Jahr ins Ausland, entweder nach Frankreich oder in ein englischsprachiges Land. Danach komme ich wahrscheinlich zurück nach Deutschland oder mache etwas mit Sport“, plant Alexandra Rittmeier vom EGD.  „Ich möchte in meiner Heimat bleiben, weil ich da meine Familie und meine Freunde habe und es eben meine Heimat ist. Es gibt aber viele Vorteile, ins Ausland zu gehen, weil man dabei die Sprache lernt und viel Neues kennenlernt.“

Ihre Klassenkameradin Jule Krüger plant beruflich: „Irgendwas mit kleinen Kindern, vielleicht Grundschullehrerin oder Kindergärtnerin.“ Auch sie zeigt sich heimatverbunden: „Ich möchte bei meiner Familie bleiben, weil sie einem immer helfen kann. Es ist aber auch spannend, mal etwas in anderen Ländern zu machen. Wenn man dort etwas Neues lernt, bleibt man vielleicht doch für länger als ein paar Jahre.“

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