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Irritierte Patienten, Risiken und „Pillenchaos“

Gesetzesänderungen bei Arzneimitteln Irritierte Patienten, Risiken und „Pillenchaos“

Viele Patienten bekommen derzeit statt des bekannten Medikaments ein Arzneimittel mit gleichem Wirkstoff – doch einer abweichenden Verpackung, anderem Aussehen und Namen. Bis Januar waren es, wie seit Jahren, noch die gelben Pillen. Seit einigen Tagen sind sie klein und rot und heißen anders.

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Erhöhter Erklärungsbedarf: Apotheker wie Rüdiger Stetskamp müssen verunsicherte Kunden aufklären.

Quelle: Mischke

Der Grund: Alles soll einfacher und günstiger werden im Bereich der Gesundheit – zum Jahresbeginn sind erneut zahlreiche Änderungen durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog) und neue Rabattverträge der Krankenkassen in Kraft getreten. Das sorgt für viel Unsicherheit bei Patienten. „Ein Pillenchaos“ prognostizierten Experten zum Jahreswechsel aufgrund der Änderungen.

Einige Tage nach dem Jahreswechsel zeigt sich die Lage bei vielen Apotheken und Medizinern der Region zumeist sehr unruhig. Denn „zu 70 bis 80 Prozent erhalten die Kunden neue Medikamente“, erklärt Adrian Knoch von der Duderstädter Turm-Apotheke. „Die Menschen haben einen erhöhten Erklärungsbedarf“, beschreibt Apothekerin Marion Bublitz von der Hirsch-Apotheke in Gieboldehausen. Rüdiger Stetskamp, Apotheker aus Duderstadt: „Die Leute bekommen andere Packungen und andere Größen und neue Medikamenten-Namen vorgesetzt. Manch einer stand da wie der Ochs vorm Berg.“ Gerade aufgrund der Umstellung zu neuen Verpackungsnormgrößen habe man zunächst große Probleme bei der internen Verwaltung des Bestandes gehabt. Das sei inzwischen jedoch behoben.

Das Amnog strebt mittelfristig eine Vereinheitlichung an, die Bandbreite der Pillenzahl in den verschriebenen Einheiten soll reduziert werden. Doch in Kombination mit neuen Medikamenten aufgrund bis zu viermal jährlich wechselnder Rabattverträge sorgt das Gesetz zunächst für große Verwirrung, gerade bei älteren Patienten. Die Folgen können schwerwiegend sein, erklärt der Duderstädter Ärztesprecher Stefan Gehrke.

Schon seit dem vergangenen Jahr, als viele Rabattverträge in Kraft traten, die Mitglieder einzelner Kassen zur Kostensenkung an bestimmte Arzneien binden, sei das Durcheinander groß. Viele Patienten haben noch angebrochene alte Packungen, die sie möglicherweise noch weiter nehmen. Parallel bekommen sie neue Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff, die jedoch anders aussehen. „Da passiert es, dass Menschen ihre Dosierungen durcheinander bekommen und Medikamente doppelt nehmen“, schildert Gehrke. Dies zu bemerken, sei nicht einfach: Besonders für die Hausärzte bedeute es einen immensen Aufwand. „Da muss genau Buch geführt werden.“ Es komme zwar selten vor, dass aufgrund von Überdosierungen ein Krankenhausaufenthalt nötig sei, „aber das Risiko ist da“, zumal die falsche Medikation auch über längere Zeit unbemerkt bleiben könne. Der Internist betont: „Eigentlich liegt der Fokus darauf, dass Ärzte die Menschen sicher behandeln. Das ist das Wichtigste.“ Die Schwierigkeiten bei den Änderungen der Packungsgrößen hingegen komme bei den Ärzten nicht an.

Auch treten aufgrund neuer Arzneimittel Unverträglichkeiten bei manchen Patienten auf. Für den Fall leichter Unverträglichkeiten seien die Mediziner dazu verpflichtet, zunächst ein anderes Generikum zu verschreiben, also eine weitere günstigere Variante des Ursprungsmedikamentes. Nur bei eindeutiger medizinischer Indikation ist es Ärzten erlaubt, zum teureren Medikament zurückzukehren.

Es gibt jedoch auch die neu geschaffene Möglichkeit für Patienten, ihr altes Arzneimittel weiter zu beziehen. Dafür müssen sie die Kosten erst einmal vollständig selbst aufbringen. Dann wird das Rezept bei der Krankenkasse eingereicht und ein Teil erstattet. Wie hoch der Eigenanteil letztlich ist, kann vorher jedoch niemand sagen. Offiziell sollen die Apotheken den Patienten genau prognostizieren können, wie hoch der Eigenanteil ist. Doch da „die Krankenkassen die Zahlen nicht offenlegen“, beschreibt Knoch, sei ihnen das nicht möglich. Eigentlich, so Hiltrud Degenhard von der DAK Göttingen, bekommt der Selbstzahler nur den Preis zurück, den das ursprünglich verordnete Mittel gekostet hätte. Zusätzlich würden von der Krankenkasse jedoch noch unterschiedlich hohe Bearbeitungsgebühren abgezogen.

Apotheker Knoch: „Das hat bisher noch kein Patient gemacht. Das Prozedere ist einfach viel zu kompliziert.“ Das bestätigen die anderen befragten Apotheker.

„Im Prinzip“, so findet Ärztesprecher Gehrke, „ist da alles gut gedacht – nur bisher noch zu kompliziert.“ Eine Reduzierung der Kosten im Arzneimittelbereich scheint nötig – die Ausgaben steigen seit Jahren. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnete Deutschland schon als „Paradies für die Arzneimittelindustrie“. Sinnvoll wäre da beispielsweise dieser Vorschlag, findet Gehrke: „Es stehen nur noch Wirkstoff und Anzahl groß auf den Packungen, ansonsten sehen sie alle gleich aus. Und nur an der Seite steht klein der Name des Unternehmens.“ Zudem sollte man die genau benötigte Anzahl eines Medikamentes einzeln kaufen können. So liefe die Werbung der Pharmakonzerne bei Ärzten und Patienten ins Leere und überschüssige Arzneimittel würden gar nicht erst entstehen.

Das ist Zukunftsmusik – zunächst wird es bei wechselnden Packungen, Größen und Namen bleiben. Stetskamp: „Die Menschen sind die ständigen Umstellungen ja bald gewohnt.“ Ein Kollege Gehrkes hingegen sieht es aus Ärzte-Sicht anders: „Es gibt so viele Novellierungen, da steigen selbst wir nicht mehr durch.“

Von Erik Westermann

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