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Losnummern für Seulinger Holz

Realgemeinde Losnummern für Seulinger Holz

Verzögert durch Aufräumarbeiten nach Sturm Niklas im März hat die Realgemeinde Seulingen erst jetzt ihr Brennholz an die Mitglieder verteilen können. Seit Jahrhunderten gibt es acht Festmeter für einen Anteil.

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Der Seulinger Wald ist der größte Realgemeindewald der Region.

Quelle: OT

Seulingen. An den Wirtschaftswegen im Forst westlich von Seulingen am Sonnenberg liegen noch gefällte Bäume und vorbereitete Brennholzstapel. Bei der Verlosung in der Waldhütte werden Nummern der Stapel an die mehr als 130 Anteilseigner vergeben. 91,5 Anteile am Wald gibt es. Manche Realgemeindemitglieder besitzen mehrere Anteile, andere nur einen Bruchteil. Ein Anteilsverkauf ist an Besitz im  Ort gebunden.

 
Ein Anteil berechtige dazu, acht Raummeter Brennholz aus dem Wald zu holen, erklärt der Realgemeindevorsitzende, Matthias Nachtwey. Vier Nummern für vier Holzstapel werden je Anteil bei einem Treffen in der Waldhütte zugeteilt. „Die meisten holen sich das Holz heraus, um es selbst zu nutzen“, sagt Nachtwey. Mittlerweile liege das Holz nur noch an den befestigten Wegen, damit Fahrzeuge nicht mehr in den Wald fahren müssten. „Holzklau“ komme eigentlich nicht vor, so Nachtwey, zumindest kläre er sich schnell. Manchmal werde nicht genau auf die zugeloste fünfstellige Nummer geachtet und aus Versehen der falsche Stapel abgefahren.

 
Bis es in diesem Jahr so weit war, musste die Realgemeinde erst einmal die Sturmschäden aufarbeiten lassen. „1400 Festmeter Fichte sind umgefallen“, beklagt der Vorsitzende. Manche Stellen seien gänzlich kahl. Nachgepflanzt wird mit hitzetoleranteren Douglasien. Da Einschlagsmengen im nachhaltig bewirtschafteten Wald vorgeschrieben werden, kann die Realgemeinde im nächsten Jahr zum Ausgleich nur die Hälfte von 800 Festmetern Fichte einschlagen.

 
Der Seulinger Wald befindet sich nach wie vor im Gemeinschaftsbesitz und ist mit mittlerweile 378 Hektar der größte Realgemeindewald im Landkreis Göttingen. Die ältesten Unterlagen stammen aus dem Jahr 1577. Vor vier Jahren kaufte die Realgemeinde 38 Hektar angrenzenden Wald in der Gemeinde Gleichen in der Gemarkung Sattenhausen vom Land Niedersachsen. Die Realgemeinde konnte ihre Flächen arrondieren, da die Landesforsten Streubesitz abstoßen wollten.
Das Forstamt Reinhausen betreue den Wald und stelle die Betriebspläne auf, sagt Schriftführer Gerold Wucherpfennig. Bei der Größe des Waldes rechne sich der Besitz, deshalb sei auch der Ankauf beschlossen worden. Wucherpfennig gehört dem Realgemeindevorstand seit mehr als 20 Jahren an und veröffentlichte auch einen Aufsatz über den Seulinger Wald in der Eichsfelder Heimatzeitschrift.  Wucherpfennig arbeitet an einem Beitrag für ein Buch über das Eichsfeld, das 2016 in der Reihe Landschaften in Deutschland vom Leipziger Institut für Landeskunde herausgegeben wird. Der CDU-Landtagsabgeordnete des thüringischen Eichsfeldkreises ist auch Vorsitzender des Heimatvereins „Goldene Mark“ (Untereichsfeld). Am 5. und 6. Oktober will er an einer Tagung von Leibniz-Institut und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zum Wald im Spannungsfeld der Interessen in Leipzig teilnehmen, bei der auch der Göttinger Professor Ulrich Harteisen über Waldeigentumsverhältnisse im Eichsfeld sprechen wird.

 

Realgemeinden
Die Realgemeinden, Genossenschaften mit gemeinsamem Grundbesitz, sind aus der mittelalterlichen deutschen Flurverfassung und deren sogenannten Allmenden hervorgegangen. Als Allmende oder auch Gemeine Mark bezeichnete man gemeinschaftlichen landwirtschaftlichen Besitz, der nicht allen Bewohnern eines Dorfes, wohl aber den jeweiligen Grundeigentümern zur Nutzung zur Verfügung stand. Das waren Hutewälder für das Vieh, Gänseanger oder Dorfteiche, Bleichwiesen oder Wälder zum Brennholz-Gewinn. Im 19. Jahrhundert entstanden durch die Gemeinheitsteilung (Separation) dieser Allmenden die Realgemeinden. Sie sind Genossenschaften oder Körperschaften öffentlichen Rechts mit nach Größe des Grundbesitzes der einzelnen Mitglieder gestuftem Stimmrecht. Die Anteile sind jeweils an den Hof (Grundbesitz) gebunden, also in der Regel nicht frei handelbar, wohl aber vererbbar. Teilweise sind sie zwangsweise ins Vermögen politischer Gemeinden übergegangen. Im Landkreis Göttingen hingegen sind fast ein Drittel aller Wälder Genossenschaftsforst, gehören also meist einer Realgemeinde.
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