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Lyriker Hans-Jürgen Döring berichtet in Duderstadt über die Überwachung im DDR-Staat

Der Dichter und die Stasi Lyriker Hans-Jürgen Döring berichtet in Duderstadt über die Überwachung im DDR-Staat

„Ich möchte daran erinnern, was ein Unrechtsstaat bedeutet“, sagte Hans-Jürgen Döring, der von 1990 bis 2014 SPD-Landtagsabgeordneter in Thüringen gewesen ist. Dieses Vorhaben erfüllte er mit einem Vortrag beim Kolping-Seniorenstammtisch im Kolping-Ferienparadies auf dem Pferdeberg. Zum Thema „Der Dichter und die Stasi“ gab der Autor und Lyriker Einblicke in seine Stasi-Akte und erläuterte die Umstände, die in DDR-Zeiten zur jahrelangen Überwachung seiner Person geführt hatten.

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Erzählt von seiner Bespitzelung durch die Stasi: Hans-Jürgen Döring.

Quelle: IS

Duderstadt. „Während meiner Studienzeit in Magdeburg wurde ich zu einem Wettbewerb für junge Literaten nach Schwerin eingeladen. Allerdings verweigerte ich mit zwei weiteren jungen Autoren die Teilnahme“, berichtete Döring. Einer der Verweigerer war sein Freund Jürgen Fuchs, der dem DDR-Regime bereits in den 1960er-Jahren bei Studentenprotesten wegen kritischer Äußerungen aufgefallen war. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wurde Fuchs verhaftet und 1977 nach West-Berlin ausgewiesen. In dieser Zeit begann auch die Überwachung Dörings durch die Stasi. Informelle Mitarbeiter (IM) aus dem Bekannten- und Kollegenkreis berichteten über Dörings Interessen, Ansichten, Familienverhältnisse, Freizeitbeschäftigungen und berufliches Wirken. „Ich war inzwischen Dorflehrer in Hundeshagen und dachte, dass hier meine berufliche Laufbahn beendet sei“, erzählte Döring. Doch selbst sein Schulleiter informierte die Stasi: Döring sei überheblich, könne sich Vorgesetzten nicht unterordnen und äußere sich kritisch zu Presseartikeln, steht in der Stasi-Akte. Bei einigen Leuten sei schon wegen merkwürdiger Fragestellungen und plötzlichem Interesse an seiner Person klar gewesen, dass sie für die Stasi arbeiteten. Bei anderen wurde die Tätigkeit als IM erst deutlich, als Dörig Zugang zu seinen Akten bekam.

„Ich bin trotz der jahrelangen Überwachung noch ganz gut davongekommen, weil die meisten IM nichts Negatives über mich berichtet haben“, sagte Döring, doch habe ihn diese Zeit des stetigen Misstrauens geprägt. „Ich kann nicht gut Freundschaften pflegen, das sitzt tief“, erklärte er die Auswirkungen des Bewusstseins, ständig überwacht zu werden.

Eine Freundschaft hielt dennoch über die DDR-Zeit und über die Wiedervereinigung hinaus: Zum Schriftsteller Jürgen Fuchs hatte er über eine Cousine aus dem Westen Briefkontakt (der ebenfalls kontrolliert wurde). Nachdem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Mauer fiel, stand Döring am nächsten Morgen in der Duderstädter Marktstraße. „Ich wollte Jürgen Fuchs anrufen, das ging ja nicht in der DDR. Aber ich hatte keine westdeutschen Münzen“, erzählte er. Er habe ein Schild herumgetragen, auf dem geschrieben stand, dass er einen Freund in West-Berlin anrufen wolle. So bekam er Kleingeld zusammen und telefonierte das erste Mal mit Fuchs. Die Freundschaft hielt auch nach der Wende, die beiden Literaten hielten unter anderem gemeinsame Lesungen, bis Fuchs 1999 an Leukämie starb.

Dass Döring dann in die Politik ging, sei die Folge seiner Geschichte gewesen. „Ein Unrechtsstaat kann nur entstehen, wo keine Meinungsfreiheit und keine Versammlungsfreiheit, also keine Demokratie existiert. Wir haben nun seit 25 Jahren Demokratie – die Wähler entscheiden“, rief Döring auf, in der Politik mitzureden.

Von Claudia Nachtwey

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