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„Man muss wohl ein bisschen verrückt sein“

Rückepferde statt Traktoren „Man muss wohl ein bisschen verrückt sein“

Der Wald dient nicht nur als Schutz- und Erholungsraum, sondern erzeugt auch nachhaltige Rohstoffe. Meist fährt schweres Gerät breite Schneisen in den Biotop, um beispielsweise gefällte Bäume abzutransportieren.

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Meterweise Fichtenholz-Stämme: Norbert Rudolph und Rückepferd „Fuchs“ ziehen das Holz als eingespieltes Team aus dem Wald.

Quelle: Blank

„Die Maschinen machen viel kaputt. Es dauert lange, bis da wieder was wächst“, sagt Norbert Rudolph und weist auf die morastige Rückegasse, die ein Trecker vor rund vier Jahren im Ebergötzer Wald hinterlassen hat. Dazu mussten auch junge Bäume, die noch keinen Ertrag bringen, gerodet werden.

Der Ebergötzer holt an diesem Morgen ebenfalls Fichtenstämme aus dem Wald, allerdings arbeitet er mit einem Rückepferd. „Fuchs“ ist ein kräftiger, vierjähriger Kaltbluthengst, der scheinbar ohne Mühe mehrere Stämme hinter sich her schleppt und auf Kommando seine Last an die gewünschte Stelle rangiert. Unter seinen schweren Hufen knacksen die Äste der geschlagenen Bäume, doch das Pferd sucht sich geschickt seinen Weg zwischen den stehenden Jungstämmen.

„Von der Rückegasse eines Pferdes ist in drei Wochen nichts mehr zu sehen“, weiß Rudolph. Sein Bruder Andreas ist mit seinen Töchtern Katja und Ina und dem Reitpony „Nico“ aus Bernshausen gekommen, um zu helfen. „Fuchs“ begrüßt sie mit freundlichem Wiehern. „Ein Reitpony ist nicht gerade typisch für diese Arbeit, aber kleinere Stämme schafft Nico auch“, erklärt der Bernshäuser und lobt die Arbeitsfreude des feingliedrigen Schimmels. Die Brüder wollen mit dem Holz einen Schuppen bauen.

„Die gesamte Ausbildung eines Rückepferdes dauert etwa vier Jahre, man fängt frühestens mit zweieinhalbjährigen Pferden an“, erklärt Norbert Rudolph. Die Tiere würden nicht nur an das Geschirr mit Stoßzügeln und Ketten gewöhnt, sondern übten auch, die Balance auf unebenen, rutschigem oder steilen Gelände zu halten und dabei Lasten zu schleppen. Außerdem lernten sie, die Kommandos wie „hi“ (links), „hott“ (rechts) und „brr“ (halt) zu unterscheiden. Es wäre für den Holzrücker lebensgefährlich, wenn die Tiere nicht sofort reagierten.

Schnell könnte man unter die Baumstämme geraten oder sich in den Ketten verfangen, weiß der Ebergötzer. Im Gegensatz zu Traktoren würden sich gut ausgebildete Pferde selbst an Steilhängen und in unzugänglichem Gelände sicher bewegen. An Hängen dürfe ein Pferd 90 Prozent der eigenen Körpermasse ziehen, auf Ebenen sogar das Dreifache. „Fuchs wiegt etwa 750 bis 800 Kilogramm, einen eineinhalb Tonnen schweren Stamm bringt er locker weg“, sagt Norbert Rudolph.

Vor einigen Jahren hatte er mit seinen Kaltblütern für den Göttinger Stadtforst gearbeitet, doch auch dort setzt man heute auf Maschinen. Trotzdem wollte Rudolph nicht auf die Arbeit mit den Tieren verzichten. „Wir sind mit Pferden in der Landwirtschaft aufgewachsen. Heute schleppen wir noch unsere Wiesen ab, mähen und wenden das Heu. Die Pferde erarbeiten sich ihr Futter selbst“, erklärt er. Sein Bruder lacht: „Man muss wohl ein bisschen verrückt sein, wenn man sich diese ganze Arbeit macht, die mit dem Trecker natürlich schneller geht, aber uns macht das eben Spaß.“ Auch Katja und Ina sind bereits vom Spaßfaktor infiziert. „Zuhause haben wir Ponys, mit denen fahre ich Kutsche. Die Zügelhaltung ist so ähnlich wie beim Rücken“, verrät Ina.

Holzrücken und Landwirtschaft reichen den Rudolphs jedoch nicht für ihr Hobby mit den Arbeitspferden. „Es gibt bundesweit noch ein paar andere Verrückte“, grinst der Ebergötzer. „Wir fahren auf Wettkämpfe nach Nordrhein-Westfalen, nach Hessen oder auch nach Wulften“, da habe man im letzten Jahr schon den dritten Platz erreicht mit dem gerade angelernten „Fuchs“.

Wenn es die Liebhaber der Arbeitspferde nicht gäbe, würde mit ihnen auch das Wissen um die Ausbildung solcher Tiere verloren gehen. Doch die Brüder setzen Hoffnungen in die jungen Forstmeister. „Bei den Jungen wird wieder mehr Wert auf waldschonende Forstwirtschaft gelegt. In manchen Bundesländern wie Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen werden schon wieder Pferde im Wald eingesetzt. Vielleicht besinnt man sich auch im Eichsfeld noch auf die Rückepferde“, sagt Norbert Rudolph, während „Fuchs“ zufrieden schnaubend erst einmal ein paar trockene Fichten-äste zerknabbert.

Von Claudia Nachtwey

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