Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Max Näder - Spurensuche am Hindenburgring

Unternehmer, Familienvater, Menschenfreund Max Näder - Spurensuche am Hindenburgring

Am 24. Juni 2015 wäre Max Näder 100 Jahre alt geworden. Eine Spurensuche am Hindenburgring. 

Voriger Artikel
Weitere Munitionsfunde im Seeburger See
Nächster Artikel
Unbekannte brechen in Westeröder Gärtnerei ein

Am Strand von Santa Monica: Max Näder 1956.

Quelle: 100 Jahre Max Näder

Duderstadt. An diesem Schreibtisch wurde Orthopädiegeschichte geschrieben. Ein schlichtes, stilvolles Möbel aus lackiertem Holz teilt den Raum im ehemaligen Arbeitszimmer Max Näders. Im Arbeitsbereich stehen prall gefüllte Aktenordner eng an eng im Regal, teilen sich den Platz mit Hunderten Büchern: Romane, Reiseberichte, Biografien. Gastgeschenke von Besuchern aus aller Welt, das Bild einer spanischen Schönheit an der Wand und private Fotografien bilden die Dekoration. „Junge, bring‘ mir meine Ordnung nicht durcheinander“, habe sein Vater mehr als einmal zu ihm gesagt, blickt Hans Georg Näder in die Vergangenheit zurück.

Im Max-Näder-Haus, das am Mittwoch anlässlich des 100. Geburtstages des Namensgebers eröffnet wird, scheint auf einer Etage die Zeit stehengeblieben zu sein. Im Arbeits- und Wohnbereich der Familie Näder hat der jetzige Geschäftsführende Gesellschafter der Firmengruppe Ottobock, Hans Georg Näder, nichts verändert seit dem Tag, an dem sein Vater Max starb – abgesehen von frischer Farbe an den Wänden und dem beherzten Einsatz eines Staubtuchs. Hier also ist Orthopädiegeschichte geschrieben worden.

Das Arbeitszimmer Näders verrät bereits einiges über Max Näder: Er muss in geschäftlichen Dingen ein ordnungsliebender Mensch gewesen sein, im Privaten vielseitig interessiert, so verraten es Akten und Bücher. Außerdem zeugen ein handgemaltes Bild seiner Enkelin auf dem Schreibtisch von Familiensinn. Zahlreich sind die Hinweise darauf, dass Max Näder ein Mensch gewesen sein muss, dem die Menschen am Herzen lagen.

„Der Mensch im Mittelpunkt“ – so ist auch die Biografie überschrieben, die Hans Georg Näder zum 100. Geburtstag seines Vaters in Auftrag gegeben hat. Der Titel ist doppeldeutig. Sicher drehen sich Bilder und Texte um den Menschen Max Näder. Zugleich aber steht er wie ein Motto des Schaffens des Unternehmers, der die Basis für die gesellschaftliche Integration von amputierten Menschen geschaffen hatte, lange bevor das Wort Inklusion im Sprachgebrauch war. „Die christliche Nächstenliebe war für ihn eine Selbstverständlichkeit“, sagt sein einziger Sohn über ihn.

Der Neuanfang

Grund dafür mag auch die traumatische Erfahrung des Krieges gewesen sein. Der am 24. Juni 1915 als Hugo Otto Max Näder geborene gelernte Orthopädiemechaniker hatte sein Maschinenbaustudium an der Technischen Universität Berlin unterbrechen müssen, als er 1938 einberufen wurde. Im Wehrdienst erlebte er Kriegseinsätze in Frankreich und Afrika. Während eines Fronturlaubs heiratete er 1943 die Tochter des Firmengründers Otto Bock, bei dem er seine Lehre absolviert hatte, die Hochzeitsnacht verbringen sie wegen eines Fliegeralarms im Keller. Nach den Flitterwochen werden die Eheleute wieder voneinander getrennt: Max Näder geht zurück an die Front. Die Kriegswirren sorgten nicht nur dafür, das der Hochzeitstermin verschoben werden musste, sie führten auch dazu, dass Max Näder erst 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren konnte.

Der Neuanfang begann praktisch bei Null: Näder, der nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nicht nach Königssee in die sowjetische Besatzungzone gehen wollte, beginnt von Hamburg aus, Kompensationsgeschäfte für Königssee zu organisieren: Fertigprodukte aus der Produktion in Thüringen gegen Rohstoffe aus dem Westen. Dort erwuchs die Idee, die dringend benötigten Passteile selbst herzustellen. „Ich habe schon damit angefangen, einfache Kunstfüße rein handwerklich anzufertigen“, wird Näder in seiner Biografie zitiert.

Bereits 1946 legt Näder den Grundstein für das neue Modell und beginnt mit dem Aufbau des Unternehmens in Duderstadt, nachdem er – mit der gesamten Habe in einem Rucksack – ins Eichsfeld gezogen war. Er gründete an der Marktstraße 71 einen Lieferbetrieb, die „Otto Bock Orthopädische Industrie Königssee, Zweigstelle Nord“. Ein Jahr später wurden in Halle 20 am Euzenberg die ersten Prothesen-Passteile gefertigt. Die Voraussetzungen dafür waren schwierig: Nicht mehr als zehn Angestellte durften beschäftigt werden. Aber: Immerhin gab es in der ramponierten Halle einen Fahrstuhl und das Fundament einer Gesenkschmiede sowie einen Gleisanschluss „Ich glaube fast an Wunder, als ich das alles sehe“, wird Näder in seiner Biografie zitiert.

Grundstein gelegt

1947 – nach der Enteignung in Königssee – entsteht die Otto Bock Orthopädische Industrie KG in Duderstadt. Die ersten Produkte, Fußpassteile, Knie-Waden-Passteile und Obertrichter für die Anfertigung von Oberschenkelprothesen gehen im Jahr darauf in die Auslieferung. Der Euzenberg wird zum Mittelpunkt des Familien- und Firmenlebens und zum Arbeitsplatz von mittlerweile 50 Mitarbeitern. Doch dann schlägt die Währungsreform gnadenlos zu. Die Firma steht kurz vor dem Konkurs. Vier Innovationen retteten den Betrieb. Außerdem beginnt Näder, Kunststoff statt Holz einzusetzen, das in diesen Tagen knapp ist. 1953 wird die Otto Bock Kunststoff KG gegründet.

Damit legt er den Grundstein für die ästhetische Verbesserung von Prothesen. Aus Hilfsmitteln für Kriegsversehrte werden Mobilitätshilfen, die die Integration Amputierter in die Gesellschaft deutlich erleichtern. Dieser Grundsatz der „Humanisierung der Prothetik“, wird Max Näder bis zum Ende seines Schaffens begleiten: Prothesen sollen natürlich aussehen und hohen Tragekomfort haben. Hinzu kommen später Innovationen wie die myoelektrische Technik, die es ermöglicht, Muskelkontraktionen auf die Prothese zu übertragen oder das endoskelettale Modularsystem, das die optische Anpassung an den Träger bei gleichbleibender Funktion und der Möglichkeit statischer Nachbesserungen ermöglicht – Revolutionen im Bereich der Prothetik.

Nach dem Tod seines Schwiegervaters führt Näder die Geschäfte allein. Schon bald wird ihm klar, dass die Einsatzmöglichkeiten des Kunststoffs nicht auf die Orthopädie begrenzt sind. 1953 bewirbt eine Anzeige im  Göttinger Tageblatt den neuesten Mode-Schrei: Mäntel mit Moltoprenfutter von Otto Bock. Der Durchbruch für den Kunststoff erfolgt während der Kunststoffmesse 1967: Ein Otto-Bock-Schaumsystem wird von diesem Zeitpunkt an in beinahe jedem Auto verbaut – im Lenkrad. Familiär stehen Anfang der 1960er-Jahre große Veränderungen ins Haus. Familie Näder bezieht ein Haus am Duderstädter Hindenburgring, 1961 wird der einzige Sohn, Hans Georg, geboren. Es soll bis zum Tod der Eltern der Familienmittelpunkt bleiben, aber auch der Ort, an dem wichtige Firmenentscheidungen diskutiert werden: „Wir hatten einige Dispute am Frühstückstisch“, erklärt Hans Georg Näder.

Internationalen Aktivitäten

Parallel entwickeln sich die internationalen Aktivitäten. Diente das Werk in Salt Lake City, USA, ursprünglich dazu, die Produktionssicherheit zu gewährleisten, falls das Werk in Duderstadt militärisch oder politisch gefährdet würde, kamen über die Jahre weitere Dependancen in aller Welt hinzu. Das Verlusttrauma wird zum Ausgangspunkt der Internationalisierung des Unternehmens. 2015 soll es in 55 Ländern der Welt aktiv sein.

Kurz bevor Max Näder die Geschäftführung an seinen Sohn überträgt, erfüllt sich für ihn ein Traum: Die innerdeutsche Grenze fällt, Königssee und Duderstadt rücken wieder näher anein-ander. Seit 1991, ein Jahr nach der Übergabe des Staffelstabes an Hans Georg Näder und damit an die dritte Generation – werden am zurückgekauften Stammhaus Rollstühle gefertigt.

Der 75. Geburtstag Näders ist es dann, an dem er den Wechsel an der Otto-Bock-Spitze bekannt gibt. In einem Festzelt holt der Senior den Junior auf die Bühne und verabschiedet sich in den aktiven Ruhestand. Hans Georg Näder führt seitdem die Geschäfte der Firmengruppe Ottobock – und legt dabei ebenfalls Wert, den Menschen im Mittelpunkt seiner Arbeit zu sehen.

Sicher ist dies auf die frühe Prägung des Sohnes durch den Vater zurückzuführen: „Ich bin groß geworden in und um Otto Bock. Mein Vater hat mich schon früh an den Wochenenden mit ins Büro genommen, wo ich unter dem Schreibtisch mit Murmeln gespielt habe“, sagt Hans Georg Näder. Der Schreibtisch, an dem Max Näder Orthopädiegeschichte geschrieben hat.

Zum Vergrößern klicken
Quelle:
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Feuerwehrübung in Krebeck

©Richter