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Recht auf Familie?

Duderstadt Recht auf Familie?

Um sich um ihre zwei Jüngsten zu kümmern, trennt sich eine eritreische Mutter, die in Duderstadt Zuflucht fand, von ihrem ältesten Jungen. Auf der Flucht in ein friedliches Leben für sich und ihre Kinder, geriet sie in die Fallstricke der Bürokratie. Auch die betreuende Caritas stößt an ihre Grenze.

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Duderstadt. Oktober 2016: Saba sitzt mit ihrem Sohn Aron (Namen geändert) und Thomas Gerdau von der Caritas in ihrer Duderstädter Unterkunft. Die junge Mutter hat ihre Habseligkeiten gepackt, reist zurück nach Äthiopien. Dorthin, wo ihr langer Weg begann. Mit drei Kindern floh die 32-Jährige aus Eritrea. Einem Land, in dem seit Jahrzehnten eine Militärdiktatur herrscht, Menschen willkürlich verschwinden. Sie schlagen sich durch ins Nachbarland Äthiopien, das mit Eritrea Krieg führte und dem ein brüchiger Waffenstillstand folgte.

Ihre beiden jüngsten Söhne, sechs und neun Jahre alt, bleiben in Äthiopien und sollen über die Botschaft Visa für Deutschland bekommen. Nachbarn kümmern sich fortan um sie. „Jedermann hasst dich in Äthiopien“, sagt Aron, wenn man aus Eritrea komme. Ihre Sprache, das Tigrinya, verrate sie. Aron und Saba machen sich auf den Weg. Die Mutter gerät in Libyen für drei Monate in ein Gefangenenlager. Sie zittert noch jetzt, wenn sie davon berichtet. Der 14-jährige Aron kommt schneller voran, über Libyen, Italien, Deutschland. Seit über einem Jahr sind Mutter und Sohn nun im Eichsfeld. Anerkannt. Aron geht zur Schule, lernt die neue Sprache, hat neue Freunde. Doch seine kleinen Brüder sitzen fest.

Eigentlich könnte die Mutter die Kinder nachkommen lassen. „Ein Recht auf Familie hat jeder“, so Gerdau. Familienzusammenführung. Die Botschaft verlangt DNA-Tests und eine Erklärung des alleinigen Sorgerechts. Doch der Vater der drei Kinder hat sich längst aus dem Staub gemacht.

Vor einigen Monaten flog Saba nach Äthiopien, die beiden Jungs waren an Malaria erkrankt und brauchten dringend Medikamente. Auch die Nachbarn wollten Geld für Verpflegung, 1500 Euro verlangten Anwälte für Belege, rechnet Gerdau vor. Nach drei Wochen musste Saba ihre kleinen Kinder zurücklassen - sie hätte sonst in Deutschland ihren Status als Sozialhilfeempfängerin gefährdet - Aron wäre im Heim, sie im Obdachlosenheim gelandet.

Schüler der Grundschule Tiftlingerode sammelte für die Familie mit einem Spendenlauf, die Cyriakusgemeinde und die Caritas halfen.

In wenigen Tagen reist sie zu ihren Jüngsten, Aron kommt in einer Eichsfelder Jugendhilfeeinrichtung unter. Und so Gott will, hofft die 32-jährige Christin, feiern alle vier gemeinsam Weihnachten. In Duderstadt.gm

Eritreaer besonders gefährdet

„Eritreaer gelten als besonders bedrohte Gruppe unter den Flüchtlingen“, erläutert Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Schlepper erpressten mehrfach Geld, da Verwandte bereit seien, finanziell zu unterstützen. Folterungen und Hinrichtungen, etwa von Islamisten in Libyen, seien häufig. Auch Fälle von erzwungener Organentnahme sind der GfbV bekannt. „Das Regime in Eritrea hat einen absoluten Machtanspruch“, so Delius, mit Militärdienst für Männer und Frauen sowie Zwangsarbeit und Willkür. Rund 90 Prozent betrage die Anerkennungsquote eritreischer Flüchtlinge in Deutschland – bei einer Rückkehr drohe mindestens eine mehrjährige Gefängnisstrafe. „Eigentlich ein Wunder“, sagt Delius, „dass die (Duderstädter) Familie überhaupt geschlossen fliehen konnte.“ Dass Saba zwei Söhne in Äthiopien in Obhut ließ, sei jedoch nicht ungewöhnlich: In der afrikanischen Gesellschaft passten oft Nachbarn oder Freunde auch längere Zeit auf fremde Kinder auf.

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©Richter