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Nicht nur Geistliche, alle Gläubigen sind Kirche

Interview mit Weihbischof Nicht nur Geistliche, alle Gläubigen sind Kirche

Nikolaus Schwerdtfeger ist seit September 1995 Weihbischof im Bistum Hildesheim. Seit Februar hat er das Eichsfeld im Rahmen einer Visitation mehrfach besucht. Michael Caspar sprach mit dem promovierten Theologen über Gotteshäuser, Gemeindefusionen, Missbrauchsfälle und Bischofsamt.

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Seit September 1995 Weihbischof im Bistum Hildesheim: Nikolaus Schwerdtfeger.

Quelle: OT

Welche Bedeutung misst das Bistum Hildesheim dem Eichsfeld zu?
Das Eichsfeld ist uns sehr wichtig. In unserem Diaspora-Bistum gibt es nur noch ein anderes katholisches Kerngebiet, die Stiftsdörfer im Umland von Hildesheim. Im Eichsfeld setzen wir in letzter Zeit verstärkt junge Priester ein. Markus Grabowski, der neue Pfarrer in Rhumspringe, ist 34 Jahre alt. Auch Bernd Galluschke, der neue Propst, steht in den besten Jahren. Bischof Norbert Trelle wird ihn persönlich in sein neues Amt einführen. Wir fördern im besonderen Maße die Jugendarbeit. Im ganzen Bistum gibt es nur zwei jugendpastorale Zentren, eines in Hannover (160 000 Katholiken) und eines im Eichsfeld (30 000 Katholiken). Im Gegensatz zu anderen Teilen des Bistums schließen wir im Dekanat Duderstadt keine einzige Kirche. Schließlich haben wir uns in diesem Jahr entschlossen, trotz hoher Zuschüsse die Bildungsstätte Germershausen auch in Zukunft weiterzuführen.

Was ist Ihnen im Rahmen der Visitation besonders aufgefallen?
Im Eichsfeld gibt es bei aller Kritik etwa an der Kategorisierung der Gotteshäuser oder an den Gemeindefusionen eine tiefe Grundsolidarität mit der Kirche. Die Zahl der Ehrenamtlichen liegt im Dekanat mit 2000 Menschen sehr hoch. Überwältigt haben mich die vielen Messdiener. Wenn wir in Hannover prozentual genauso viele Ministranten hätten, kämen die Priester nicht mehr zum Altar durch. Eindrucksvoll sind die Wallfahrten nach Germershausen, auf den Höherberg oder ins fränkische Vierzehnheiligen. Sie bedeuten den Menschen viel. Sehr gefreut habe ich mich über die liebevoll gepflegten Kirchen. Auch das ist nicht selbstverständlich.

Einige Eichsfelder fürchten, dass die anstehenden Gemeindefusionen nur der erste Schritt zur Bildung noch größerer Einheiten sind. Ist diese Sorge berechtigt?
Wir wollen nach den erfolgten Fusionen nicht mit einer neuen Strukturreform beginnen. Mich beschäftigt aber viel mehr die Frage, wie sich die Kirchen auf den Dörfern angesichts zurückgehender Priesterzahlen weiter mit Leben erfüllen lassen. Das Zweite Vatikanische Konzil stellte dazu fest, dass Kirche nicht in erster Linie die Geistlichen, sondern alle Gläubigen gemeinsam sind. Jeder einzelne Christ ist dazu aufgerufen, seinen Kindern das Beten beizubringen, oder die Alten und Kranken in der Nachbarschaft zu besuchen. Die Laien können Verantwortung für das geistliche Leben vor Ort übernehmen, in dem sie sich auch ohne Pfarrer zum Beten und Singen in der Kirche treffen. Wichtig ist mir, dass die Eichsfelder über die Grenzen der Kirchengemeinde hinweg Kontakte miteinander pflegen. Bei den Wallfahrten geschieht das bereits, wie ich es selbst in Germershausen erleben konnte. Das Miteinander bedroht nicht die eigene Identität, es bereichert sie.

Welche weiteren Herausforderungen für die Zukunft sehen Sie?
Die Missbrauchsfälle haben uns viel an Glaubwürdigkeit gekostet. Ich habe dieses heikle und beschämende Thema während meiner Besuche immer wieder angesprochen. Diese Taten machen es uns schwer, christliche Positionen in einer Gesellschaft zu vertreten, in der die Entkirchlichung fortschreitet. Dabei sollten sich Christen in vielen Fragen zu Wort melden. So gilt es, in Medizin und Forschung auf die Würde des Menschen hinzuweisen, die sich aus seiner Gottesebenbildlichkeit ergibt. Wir müssen der säkularen Gesellschaft Maßstäbe aufzeigen. Mir ist klar, dass heute viele das Christentum nur noch als eine Religion unter mehreren wahrnehmen. In den Bahnhofsbuchhandlungen stehen katholische Bücher zum Teil in der Esoterik-Abteilung. Ich bin mir aber sicher, dass die Menschen ein Gespür dafür haben, was authentisch und was eine Modewelle ist. Heute bringt viele Menschen interessanterweise die Begegnung mit frommen Muslimen dazu, sich zu fragen, woran sie eigentlich selbst glauben.

Wollten Sie eigentlich schon als Junge Weihbischof werden?
Für so ein Amt kann man sich nicht bewerben. Bei mir war es so, dass Priesterrat und Diözesanrat, die Vertretungen der Priester und der Laien im Bistum, dem Bischof mögliche Kandidaten vorgeschlagen haben. Der hat dann drei ausgewählt und ihre Namen beim Papst eingereicht. Als ich den Anruf erhielt, „Du sollst es werden“, musste ich schlucken. Ich bin gerne Pfarrer gewesen. Als Weihbischof bin ich zwei Drittel des Jahres im Bistum unterwegs. Ein Termin jagt den nächsten. Ich habe nun nicht mehr den engen Kontakt zur Gemeinde, wo ich die Sorgen und Nöte der einzelnen kannte und die Kinder im Laufe der Jahre aufwachsen sah. Allerdings ist unser Bistum – flächenmäßig das zweitgrößte in Deutschland – dann doch überschaubar. Viele Ehrenamtliche kenne ich mittlerweile vom Sehen, den einen oder anderen auch mit Namen.

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