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Originalwände aus Baracke der Polte-Werke in Duderstadt werden in Göttinger Ausstellung bleiben

Dauerhafter Erinnerungsort Originalwände aus Baracke der Polte-Werke in Duderstadt werden in Göttinger Ausstellung bleiben

Die frühere Wanderausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ hat in der Berufsbildenden Schule II in Göttingen eine dauerhafte Bleibe gefunden.

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Günther Siedbürger und Lisa Grow.

Quelle: Böhne

Am Freitag, 17. April, wird sie in Gegenwart von Zeitzeugen und Mitgliedern der internationalen Projektgruppe eröffnet. Für das Tageblatt sprach Kai Böhne mit Lisa Grow von der Geschichtswerkstatt Göttingen und Günther Siedbürger von der Geschichtswerkstatt Duderstadt.

Tageblatt: 2010 wurde die Ausstellung in Duderstadt und weiteren Orten in Südniedersachsen erfolgreich gezeigt. Haben Sie sich einem festen Standort gewünscht oder hätten Sie die Ausstellung lieber noch weiter touren lassen?

Grow: Beides. Der Gedanke, die Ausstellung direkt an die Orte zu bringen, an denen sich viele der präsentierten Ereignisse zugetragen haben, erschien uns immer sehr reizvoll. Hier sind die Möglichkeiten einfach größer, ein breites Spektrum der Öffentlichkeit zu erreichen. Menschen, die kommen, um zu sehen, was damals an ihrem Ort los war, oder die dies schon wissen, aber überprüfen wollen, ob und wie wir es dargestellt haben. Aber ein fester Standort bietet natürlich, bessere Möglichkeiten zur Entwicklung pädagogischer Konzepte und zur Etablierung institutioneller Partnerschaften.

Die ersten beiden Stationen der Ausstellung stammen aus Originalwänden einer Zwangsarbeiterbaracke der Polte-Werke in Duderstadt. Diese Baracke soll noch bis zum Frühjahr 2008 in Duderstadt gestanden haben. Wäre dieser ehemalige Standort nicht ein würdiger Ort für eine Dauerausstellung gewesen?

Grow: Wir haben uns damals für diese Lösung eingesetzt – leider vergeblich. Wir hatten das Pech, dass just zu jenem Zeitpunkt an verschiedenen wichtigen Stellen – in der Kommunalpolitik, in den Förderinstitutionen auf Landesebene – Umbruchphasen herrschten, die dort eine angemessene Unterstützung unserer Bemühungen verhinderten. Andere Teile der Baracke stehen heute im Raum unserer niederländischen Partnerstiftung, der „Stichting Deportatie“, im Regionalmuseum Peel en Maas in Helden, Provinz Limburg. Es mutet schon etwas absurd an, dass die Duderstädter Baracke dort mehr geschätzt wurde als hier.

Wurde 2008 mit dem Abriss der Baracke eine historische Chance vertan?

Siedbürger: Ganz sicher. Es handelte sich um die letzte ehemalige KZ-Baracke im gesamten Großraum, auch über die südniedersächsischen Landesgrenzen hinaus. Soviel ich weiß, existiert nun im gesamten Landkreisgebiet nur noch eine einzige Baracke, in der zivile Zwangsarbeiterinnen untergebracht waren, und diese wird von privaten Eigentümern offenbar gerade komplett umgebaut. Die Gelegenheit, die sich 2008 bot, wird nie wieder kommen.

Wie viele ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen ausfindig machen können?

Siedbürger: Wir haben für das Gebiet des heutigen Landkreises Göttingen die Namen und Daten von mehr als 15 000 Zwangsarbeitenden in einer Datenbank erfasst. Hierbei reden wir nur von zivilen Zwangsarbeitenden, also keinen Kriegsgefangenen. Und es fehlen aufgrund der Quellenlage und Besonderheiten des Rechercheauftrags weitestgehend die Namen der in den Städten Hann. Münden und Göttingen lebenden Zwangsarbeitenden und viele derjenigen, die für die Deutsche Reichsbahn, einen der wichtigsten „Arbeitgeber“ von Zwangsarbeitenden in der Region, arbeiten mussten. Altkreis und vor allem die Stadt Duderstadt sind hingegen durch AOK-Unterlagen und Melderegister ziemlich gut erfasst. Das ist wichtig, da hier mit den Poltewerken am Euzenberg und den Schickertwerken in Rhumspringe zwei Betriebe aufgebaut wurden, die sehr viele ausländische Zwangsarbeitende, Kriegsgefangene, italienische „Militärinternierte“ und im Falle der Poltewerke auch KZ-Häftlinge beschäftigten.

In Zukunft sind Führungen für Schulklassen geplant. Sind auch Veranstaltungen mit ehemaligen Zwangsarbeitern vorgesehen?

Grow: Es wird immer schwieriger, ehemalige Zwangsarbeitende zur Reise nach Deutschland zu bewegen: Ihre Gesundheit lässt es meistens nicht mehr zu. Da muss man wohl realistisch sagen, dass damit nicht zu planen ist. Wir werden andere Formen finden müssen, um Schülerinnen und Schüler für die Thematik zu interessieren. Da wollen wir einiges ausprobieren. Dr. Gilbert Heß, Leiter des geisteswissenschaftlichen Schülerlabors YLAB der Universität Göttingen, hat die Ausstellung in sein Programm aufgenommen: das YLAB bietet in Kooperation mit den Geschichtswerkstätten Duderstadt und Göttingen einen Thementag NS-Zwangsarbeit an.

Für die Inhalte und Konzeption der Ausstellung haben Sie mit internationalen Partnern aus Polen, Italien und den Niederlanden zusammengearbeitet. Ist diese Zusammenarbeit mit Fertigstellung der Ausstellung abgeschlossen?

Grow: Wir haben die Zusammenarbeit nach der Fertigstellung der Wanderausstellung in einigen Bereichen fortgesetzt; so wurden die Ausstellungstexte auf der Internetpräsenz zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu zu Teilen in die Partnersprachen übersetzt. Leider konnte die Zusammenarbeit nicht auf dem zuvor erreichten Niveau fortgesetzt werden, da die Fördermittel deutlich reduziert wurden. Dem musste auch ein deutsch-polnisches, sehr interessantes Schüleraustauschprojekt zum Opfer fallen.

Gibt es konkrete Pläne für die Zukunft? Welche Perspektiven wünschen Sie sich für die Ausstellung?
Grow: Die Ausstellung bietet sehr viele Ausgangspunkte für die Vertiefung und weitere Forschung. Es tauchen immer neue Fragen auf und es werden auch weitere Dokumente zugänglich. Da wäre es sehr schön, wenn die Ausstellung Interessierte wirklich „auf die Spur“ bringen und eigene Arbeiten inspirieren könnte. Der Landkreis Göttingen wird demnächst mit dem Landkreis Osterode fusionieren. Dem müsste in einer regionalen Erweiterung der Ausstellung Rechnung getragen werden.

Perspektivisch ist der neue Ausstellungsort als Kern eines Lernortes zum Thema Nationalsozialismus in Südniedersachsen vorgesehen. Das setzt eine gesicherte Finanzierung nicht nur bei Sachmitteln, sondern auch bei Personal voraus, damit solche Arbeiten kompetent, kontinuierlich und zuverlässig angeboten werden können.

Unterstützung vom Landkreis
Laut Ulrich Lottmann, Pressesprecher des Landkreises, hat der Landkreis Göttingen den Umbau der Ausstellungsräume mit 175 000 Euro unterstützt. Außerdem trägt er einmalig Personalkosten zur Einrichtung der Ausstellung in Höhe von rund 15 000 Euro sowie 10 000 Euro an jährlichen Betriebskosten. Die Dauerausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ ist in den Berufsbildende Schulen II in Göttingen, Godehardstraße 11, mittwochs und freitags von 10 bis 16 Uhr sowie an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Für Schulklassen und Gruppen weitere Termine nach Vereinbarung.
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