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Ottobock-Azubis pflanzen 300 Apfelbäume in Rumänien

Vergessenes Europa Ottobock-Azubis pflanzen 300 Apfelbäume in Rumänien

Als er die Glocken läutet, lächelt Gerhard Hietsch zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Er kennt ihren Klang genau, hat als Kind widerwillig der Schulglocke gehorcht oder sich über das Läuten gefreut, als der Weihnachtsgottesdienst bevorstand.

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Jung vor alt: Radeln ist reich an Kontrasten – manche davon stimmen traurig, andere sind reizvoll. Peter Maffay sieht hier viel Potenzial.

Quelle: Heine

Radeln. An diesem ungewöhnlich warmen Herbsttag ist der Siebenbürger Sachse, ein kleiner Mann mit jener drahtigen Kraft, die das Leben auf dem Land manchen älteren Menschen verleiht, ausnahmsweise nicht allein im Glockenturm:

Um ihn herum drängen sich zehn Ottobock-Azubis auf der maroden Plattform, die in einem ebenso desolaten Zustand ist wie die Kirchenburg und das sie umgebende Dorf Radeln, das in Transsilvanien irgendwo zwischen Kronstadt und Schäßburg liegt.

Vielleicht lächelt Hietsch ja, weil der stets gleichgebliebene Klang der Glocken nichts von den Problemen verrät, die sich hier und in anderen ländlichen Regionen Rumäniens seit Jahren mit großer Macht manifestieren: Armut, Abwanderung, Rassismus, Korruption.

300 Apfelbäume pflanzen

Und mittendrin eine Gruppe aus Azubis des Duderstädter Prothetik-Giganten, deren Sneaker schon am ersten Tag so dreckig werden, wie das Leben hier halt ist. Das Schöne: Keiner von ihnen scheint ein Problem damit zu haben.

Denn sie erleben zum ersten Mal persönlich, wie es ist, wenn ein Staat nicht überall auf seinem Territorium funktioniert. Und dass die Europäische Union eben kein Bund aus Gewinnern ist. Die Azubis sind gemeinsam mit Mitarbeitern des Seulinger Forstunternehmens Denecke für vier Tage hier, um dreihundert Apfelbäume zu pflanzen und für die Einweihung einer mobilen Saftpresse Ottobock-Chef Hans-Georg Näder und Musiker Peter Maffay zu treffen.

Ottobock-Azubis pflanzen 300 Apfelbäume in Rumänien. © Heine

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Mit der Presse sollen die Einwohner Radelns die weitläufigen Streuobstwiesen um das Dorf nutzen; auch, um Gewinn mit dem Verkauf zu erzielen. Maffay engagiert sich schon seit 2009 mit seiner Stiftung im Dorf, hat ein Haus für traumatisierte Kinder und Jugendliche bauen lassen und ist mit Projekten für die Bewohner Radelns an vielen Orten im 600-Seelen-Dorf anzutreffen.

Auch wenn das Leben hier durch seine Hilfe merklich aufgewertet wurde, sagt Maffay: „Man muss zugeben, dass das alles hier bei der Bevölkerung noch nicht richtig angekommen ist.“ Es gebe viele Erwartungen, vielleicht genauso viele Erwartungen wie Vorurteile, mit denen insbesondere ältere Einwohner der Peter-Maffay-Stiftung manchmal noch begegnen.

Dorfleben ist von ethnischen Konflikten durchzogen

Wer sich ein wenig im Dorf aufhält, vielleicht am Brunnen lehnt und dort mit ein paar Leuten spricht, merkt schnell, dass sich das Misstrauen nicht nur gegen Fremde richtet: Das Dorfleben ist von ethnischen Konflikten durchzogen, die das Miteinander der hier Lebenden schwierig machen.

Hietschs knotige Finger walken seine Mütze, als er über den Alltag in Radeln spricht. Der Kurator der Kirchenburg gehört zu einer deutschsprachigen Minderheit, die im 12. Jahrhundert vom ungarischen König Géza II. im heutigen Rumänien angesiedelt worden ist. Insbesondere nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem blutigen Ende der Diktatur Ceauşescus entschlossen sich allein im Jahr 1990 rund 100 000 Siebenbürger, nach Deutschland auszuwandern.

Heute leben noch circa 15 000 von ihnen in Rumänien. Hietsch sieht sich von der Regierung und vielen Rumänen diskriminiert: „Die wollen uns hier nicht.“ Dazu komme das Problem der Korruption, die „von hier bis ganz oben hin reicht.“ Der alte Mann steht vor der Kirche, setzt sich seine Mütze wieder auf und breitet die Arme aus: „Jedes Jahr erhält unsere Gemeinde Bodendorf Millionen von der EU. Wo ist das Geld?“

Wo sind Roma zu Hause?

Iona U. zieht an ihrer Zigarette, als sie durch den Vorhang an der Tür ihres kleinen Ladens  auf den Dorfplatz schaut. Sie ist in Bukarest geboren, hat dort Kulturgeschichte studiert und war später als Autorin und Journalistin tätig. Warum sie seit zehn Jahren ausgerechnet in Radeln lebt? „Ich habe ein Kind mit besonderen Bedürfnissen. Die Ärzte haben mir geraten, dass ich aufs Land ziehen sollte.“

Die Erklärung macht stutzig, aber mehr möchte sie nicht sagen. Sie zeigt mit dem Finger auf einige Menschen, die am Brunnen sitzen und schüttelt den Kopf. „Die sitzen da den ganzen Tag. Wollen nicht arbeiten oder lernen. Sie sagen, dass es ihnen mit der Sozialhilfe, die sie vom Staat beziehen, gut gehe. Es hört sich böse an, aber die brauchen nur etwas zu Essen, Alkohol und Kaffee. Dann sind sie glücklich.“

Die Menschen, über die sie spricht, heißen in Deutschland Sinti und Roma. Hier heißen sie noch Zigeuner. Wirklich willkommen, so scheint es, sind sie hier wie dort nicht. Denn auch in Deutschland ist die Wahrnehmung durch das verstärkte Auftreten professioneller Trickbetrüger oder jahrhundertealter Stereotypen getrübt, die unerwünschtes Verhalten einzig an der ethnischen Herkunft festmachen – und nicht an den Lebensumständen der gesellschaftlichen Querschläger.

In Rumänien waren die meisten Roma noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven. Jetzt sind sie frei, aber immer noch allein. Präsident Traian Băsescu lässt auch heute nur wenige Gelegenheiten aus, zu betonen, dass sie keine Rumänen seien.

Die Menschen hier leben ganz einfach

Die Auszubildenden, alle Anfang 20, haben ihre Gelegenheit genutzt, sich ein eigenes Bild zu machen. Alle würden wiederkommen, auch wenn vieles erst mal fremd war: „Ich wusste, dass mich hier einiges erwartet, aber dass es so heftig wird, hätte ich nicht gedacht“, sagt Alina Fexer. Auch für Timo Weidemann war es erst schwer, das Umfeld zu verarbeiten: „Man weiß gar nicht, was man denken soll, wenn man ins Dorf reinkommt. Die Menschen hier leben ganz einfach“, erzählt er.

„Ganz einfach“, das heißt beispielsweise ohne sauberes Trinkwasser – auch so etwas gibt es noch in der EU. Kontakt zu den Dorfbewohnern hat Weidemann dennoch schnell gefunden, ohne ein Wort Rumänisch oder Romani. Es ist schön, im Spiel oder Lied Gemeinsamkeiten unter Menschen zu entdecken, die universeller sind als ihre Sprachen.

Manche kulturellen Unterschiede sind dagegen schwerer zu überwinden. Der Umgang mit Tieren ist bei vielen Helfern ein Thema. Pferde sind hier keine Reit-, sondern Nutztiere. Da es auf den Weiden keine Zäune gibt, müssen ihnen die Vorderbeine halt mit einem Strick zusammengebunden werden. Und der beste Freund des Menschen?

Der streunt räudig und mager durch die Straßen, immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Streicheln lassen sich die Hunde hier nicht. Meist sind sie Menschen gegenüber ängstlich, manchmal aggressiv. Das verwundert erst mal. Aber dass Deutsche Hunde lieben und Schweine essen, ist keine Universalie, sondern Kultur. Und die ist nicht so selbstverständlich, wie sie sich anfühlt.

„Wir quetschen alles aus, was geht“

Der Tag der Übergabe der Saftpresse lässt die Probleme im Dorf zurücktreten. Die Kinder toben auf den Straßen, beobachten die vielen teuren Autos der Gäste, die sich den Unterboden an den Schotterstraßen zerkratzen. Peter Maffay wirkt auf positive Weise rastlos, begrüßt den Gemeindebürgermeister, andere Politiker und Gäste, später auch seinen Freund Näder, den er herzlich umarmt.

Das Tor des Gästehauses ist weit geöffnet, Maffay hat auf der Straße zwei Helfer postiert, die für die Dorfbewohner kochen. Es mag täuschen, aber er scheint es zu genießen, mal nicht als einer der erfolgreichsten Rockmusiker Deutschlands erkannt zu werden. Die Leute hier nennen ihn einfach Peter. Genauso wie die Azubis. Der gerade gewonnene Apfelsaft schmeckt süß, und Maffays Optimismus ist ansteckend.

Er sagt: „Wir quetschen hier alles aus, was geht.“ 

Von Jonas Rohde

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