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Palästinenser spricht über seine Flucht im Duderstädter Haus St. Georg

Der lange Schatten der Hamas Palästinenser spricht über seine Flucht im Duderstädter Haus St. Georg

Flucht als persönliches Schicksal ist Thema im Haus St. Georg in Duderstadt gewesen. Während einer Veranstaltung des Zentrums für Kirchenentwicklung sprachen Organisatoren des Migrationszentrums Göttingen – aber auch ein Flüchtling selbst schilderte seinen Weg nach Deutschland.

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Quelle: Saber/dpa (Symbolfoto)

Duderstadt. Seit einem knappen Jahr lebt Halim in Deutschland, geflohen vor politischer Verfolgung aus seiner Heimat Palästina. 26 Jahre ist er alt, studierter Informatiker. Einer der besten Absolventen seiner Uni im Gaza-Streifen. Aber er war gegen den Krieg, wollte sich nicht instrumentalisieren lassen. Halim, der Milde auf Arabisch, gehörte der sozialdemokratischen Fatah an; wurde angesprochen von der Hamas, den radikalen Islamisten, die Gaza beherrschen. Als er nicht mitmachen wollte, nicht seine Kenntnisse für Manipulation und Kriegsführung einzusetzen, sperrte man ihn ein.

„Meine Uni steht nicht mehr, viele Hundert, die mit mir studierten haben, sind tot“, sagt Halim. Nur kurz war er in Freiheit, dann steckte ihn die Hamas wieder ins Gefängnis, Folter und Zermürbung folgten. Auf seiner Stirn prangt eine Narbe – von einer Seite zur anderen. Was er erlebte, schildert er nicht, seine braunen Augen schweifen umher, schauen zu Boden.

Halim ist nicht sein richtiger Name, sein Herkunftsort, genaue Daten der Flucht, nicht einmal der Name der Uni dürfe in der Zeitung auftauchen. Der lange Arm der Hamas, so Maurice Mahrow vom Migrationszentrum Göttingen, reiche bis nach Deutschland. Daheim warten seine Frau und sein Sohn. „Meine Frau war schwanger, als ich fliehen musste“, sagt Halim, „und ich habe meinen Sohn noch nie gesehen.“

Mehrere Stunden krochen sie zu acht 200 Meter auf dem Boden durch einen engen Tunnel Richtung Ägypten. Das Handy diente ihnen dabei als Lichtquelle. Die Luft war stickig. Sie warteten bis es Nacht war. Ägyptische Polizei schieße sofort auf alles aus den Tunneln, hieß es.

Sie atmeten kaum. Wollten nicht auffallen. „Wir sind fünf- bis sechsmal ans Meer gegangen“, sagt Halim, um ein Schiff nach Italien zu erreichen. 100 Meter mussten die Flüchtlinge erst zum Kahn schwimmen. 150 schafften diese erste Hürde, Platz war nur für 30.

Bald trieben Leichen an den Flüchtenden vorbei. Schleuser schickten sie auf verschiedene Schiffe, auf hoher See, bei voller Fahrt.

Halim kam in Italien an, am Tag danach zog ein Schiff mehrere Hundert in die Tiefe. Über viele Wege gelangte er zu einem Freund in Braunschweig und ging von dort nach Göttingen ins Aufnahmelager, brachte sich selbst fast fehlerfreies Deutsch bei.

Mahlow kennt diese Geschichten gut, nicht nur durch seine Arbeit im Migrationszentrum. Er selbst floh vor mehr als 20 Jahren aus dem Iran und hat mittlerweile Heimweh – nach Göttingen, wenn er auf „Malle“ urlaubt. Halim möchte zurück, wenn in seiner Heimat Frieden herrscht. Zuerst aber hat er einen Wunsch: endlich seinen Sohn sehen.

Von Gunnar Müller

Vor wem fliehen die Menschen?

Halims Flucht ist kein Einzelschicksal, wie sich tagtäglich in den Medien zeigt. Doch warum fliehen Menschen aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern, um in Deutschland Asyl zu finden? Der Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker und promovierte Historiker, Kamal Sido, gibt hierzu Interessierten am Mittwoch, 25. November, im Haus St. Georg in Duderstadt eine Einführung.

Der Vortrag beginnt um 19 Uhr, eine Anmeldung ist bis Mittwoch, 18. November, unter info@zentrum-kirchenentwicklung.de oder 0 55 27 / 84 74 19 möglich.

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