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Religionen, Sprachen und Früchte im Überfluss

Christian Haupt in Israel Religionen, Sprachen und Früchte im Überfluss

Der Duderstädter Christian Haupt lebt für ein Jahr in Israel, um dort seinen Zivildienst zu leisten. Für das Tageblatt beschreibt er seine Erlebnisse im Nahen Osten.

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Nationalparks bieten grünen Kontrast zu Wüstenlandschaften: Christian Haupt (links) und Kollegen auf einem Ausflug.

Quelle: EF

Ich bin jetzt neun Monate hier in diesem wunderschönen, vielseitigen Land. Das heißt, ich habe meine Halbzeit überschritten. In der Halbzeit kann man sich – wie beim Fußball – ein bisschen ausruhen und die Zeit Revue passieren lassen.
Im Süden Israels ist die Wüste, der Norden bietet dazu einen Kontrast mit grünen Wiesen und Bergen. Mittelmeer, Totes Meer, Rotes Meer, das „Meer von Tiberias“ (See Genezareth) und 63 Nationalparks überwältigen mich immer wieder durch ihre Schönheit und Artenvielfalt der Schöpfung. Obst und Gemüse gibt es im Überfluss. Gerade geht die Mangozeit zu Ende und die Granatapfelzeit beginnt. Viermal im Jahr ist es möglich, in Israel zu ernten. Aber all das braucht viel Wasser. Hier bedeutet der Regen noch Segen von Gott. Man betet dafür, dass es viel regnen möge. Da auch viele Früchte exportiert werden, heißt es oft, man exportiert das Wasser in andere Länder.

In Israel leben derzeit 7 602 400 Menschen. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen der Erde. Bei der Auflösung der Sowjetunion sind allein über eine Million jüdische Einwanderer ins Land gekommen (ein Sechstel der Bevölkerung). Zirka 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber. Dazu zählen auch etwa 170 000 Beduinen, von denen die Hälfte in Häusern wohnt. Der Rest lebt traditionellerweise nomadisch. Dann gibt es noch die Drusen, welche ich im Golan traf. Sie machen 1,5 Prozent der Bevölkerung aus. Die Geburtenrate von Israel ist die höchste unter den Industriestaaten.

Alle Weltreligionen sind hier zu Hause, und das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Am deutlichsten ist das in Jerusalem zu spüren. Im orthodoxen Stadtteil Mea Shearim wohnen hauptsächlich die orthodoxen Juden. Viele von ihnen erkennen den Staat nicht an und nehmen nicht am dreijährigen Armeedienst teil. Daneben gibt es das christliche und das arabische Viertel Jerusalems – eine geballte Ladung Energie auf engstem Raum und die heißesten Quadratmeter der Welt.

In den vergangenen Monaten habe ich die Gelegenheit gehabt, die Feste und Gedenktage des Judentums mitzuerleben. Im Februar wird Purim gefeiert. Purim ist der zusätzliche Schaltmonat im hebräischen Kalender und erinnert an die biblische Erzählung von Königin Esther, die mit ihrem Mut die Vernichtung aller Juden durch ihren Widersacher Haman verhindern konnte. Ich war an diesem Tag auf meiner Arbeit und feierte dort mit den Bewohnern des Seniorenheims. Zu Pessach wird im April eine Woche die Befreiung des Volkes aus Ägypten gefeiert. Wir Volontäre verbrachten den letzten und wichtigsten Abend, den Pessach Seder, bei der Familie unserer Volontärsbetreuerin.

Zum Holocaust-Gedenktag Yom Hashoa am 12. April waren wir in Jerusalem und legten in Jad Vashem (Gedenkstätte des Holocaust) von unserer Organisation „Dienste in Israel“ einen Kranz nieder. Am 19. April war ich zur Gedenkfeier für alle Gefallenen der Kriege, in denen Israel verwickelt war, dem Yom Hazikaron, in unserem großen Park. Dieses Erlebnis ging mir wirklich unter die Haut, da das Durchschnittsalter der Gefallenen 23 Jahre war – zwei Jahre älter als ich es bin. Nach dem Unabhängigkeitstag Yom Hazmaut am 20. April und Schawuot am 20. Mai (Tag der Zehn Gebote), folgte am 9. September Rosch Hashana. Das heißt übersetzt „Kopf des Jahres“ und ist der Neujahrstag im hebräischen Kalender.

Das Altenheim, in dem ich arbeite, liegt in Petach Tikvah, das mit seinen 150 000 Einwohnern eine der größten Einwanderungsstädte Israels ist. Tel Aviv ist nur 15 Kilometer entfernt. Im Heim sind 400 pflegebedürftige Menschen auf zwölf verschiedenen Stationen untergebracht. Die Bewohner kommen aus der ganzen Welt, und so ist der Sprachmix immer lustig beim Essen. In der einen Ecke hört man hebräisch, jiddisch und deutsch – in der anderen französisch, arabisch oder englisch. Die Geschichten und Gespräche sind mal lustig, manchmal ergreifend. Viele haben den Holocaust selbst miterlebt. Meine Station hat die höchste Pflegestufe, alle sitzen im Rollstuhl. Das heißt jeden Tag: Muskeln spielen lassen und den Menschen dadurch die Muskeln ersetzen. Ich beginne jeden Tag um sieben, hebe meine Alten in den Duschstuhl, ziehe sie an, wechsle die Windeln und helfe ihnen beim Essen. Ich arbeite mit Russen, Äthiopiern, Arabern und Israelis zusammen. Nach dem Mittagessen endet meine tägliche Schicht.

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