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Schabowskis Zettel

Wolfgang Windhausen besitzt Kopie Schabowskis Zettel

Der Duderstädter Schriftsteller und Menschenrechtler Wolfgang Windhausen besitzt eine Kopie des Zettels, den das SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski zu seiner Weltgeschichte machenden Pressekonferenz am 9. November 1989 mitgenommen hatte. Das Schriftstück will er in einer Auktion versteigern lassen. Zuvor möchte der Fernsehsender 3sat in einer Dokumentation über den Merkzettel auch die Kopie in Duderstadt thematisieren.

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Wolfgang Windhausen zeigt Kopie des Merkzettels und Blatt mit handschriftlichem Sinnspruch.

Quelle: IS

Duderstadt. „Das trifft ... nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“ Mit diesem Gestammel hatte Schabowski den Fall der Mauer ausgelöst. Es war seine Antwort auf die Frage eines Journalisten, ab wann die neue Reiseregelung für DDR-Bürger gelte. Der Satz steht nicht auf dem Zettel, dafür beinhaltet er ein fast unleserliches Gekrakel von schwarzem Kugelschreiber, das an einigen Stellen rot unterstrichen ist. Und unten die Notiz: „Verlesen Text Reiseregelung“.
Schon seit 2004 gehört die Kopie zur umfangreichen Sammlung von Windhausen, der Schabowski ein Jahr zuvor am Rande einer Lesung in Berlin kennen gelernt hatte. „Ich habe ihn angesprochen und gefragt, ob es möglich ist, dass man sich mal trifft, weil ich mich für das Leben im Osten interessiert habe“, erinnert sich der 66-Jährige, der seit Beginn der 80er Jahre viele Kontakte in die Kunst- und Kulturszene der DDR hatte. Windhausen nannte Schabowski seine Kontaktdaten und schon bald meldete sich der ehemalige Parteifunktionär bei ihm.

„Jedes Mal, wenn ich in Berlin war und er Zeit hatte, haben wir uns getroffen. Erst bei seinem Türken um die Ecke und als der geschlossen hatte im Café Einstein, Unter den Linden“, erzählt der Duderstädter und ergänzt: „Ich habe ihm ein Loch in den Bauch gefragt, weil er ganz dicht dabei war. Er hat mir Türen geöffnet, hinter denen ich viele Informationen gefunden habe.“ Nachdem sich Schabowskis Gesundheitszustand verschlechterte, habe es eine Zeit lang noch brieflichen Austausch gegeben.

Die Kopie des Zettels schenkte ihm Schabowski im September 2004. Außerdem erhielt der Eichsfelder ein Blatt mit einem Foto von der Pressekonferenz und dem handschriftlichen Sinnspruch: „Das Leben besteht aus lauter Anfängen, die immer wieder für das Ende gehalten werden.“ Der frühere Chefredakteur der Parteizeitung „Neues Deutschland“ verriet ihm, warum er am Ende der Pressekonferenz ins Stottern gekommen war. „Er stand unter Zeitdruck, weil er rechtzeitig vor der DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera fertig sein musste.“

Das Original des Zettels hat die Stiftung Haus der Geschichte in Bonn kürzlich von einem Bekannten des SED-Funktionärs für 25 000 Euro erworben. „Schabowski hatte mir gesagt, dass er den ausgeliehenen Zettel irgendwann in ein Archiv gibt“, so Windhausen, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält: „Ich finde es ungerecht, dass sich jetzt jemand bereichert und der Steuerzahler bezahlt das.“ So wie den Zettel will Windhausen neben Teilen seiner Kunstsammlung auch andere Dokumente zur Auktion geben. Dazu gehören Signaturen und Autographen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte.

Der Schriftsteller bedauert, dass es in seiner Heimatstadt an Interesse für die Sammlung mangelt. „Ich habe schon diverse Male Institutionen in Duderstadt, darunter auch Schulen, angeboten, etwas auszuleihen oder für Unterrichtszwecke bereitzustellen, aber es besteht kein Interesse, und ich renne da nicht hinterher.“

VON AXEL ARTMANN

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