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Schüler-Austauschprogramme: Eichsfelder Mettwurst in der Kaschubei

Internationale Verbundenheit und Heimatliebe Schüler-Austauschprogramme: Eichsfelder Mettwurst in der Kaschubei

Was ist los in Europa? Wachsen die Länder zusammen, weil sich die Europäer dank EU und Facebook besser verstehen? Oder verschwindet die eigene Identität und Heimatverbundenheit im Vielvölkerpulk? Das Tageblatt fragt im Rahmen von Austauschprogrammen am Eichsfeld Gymnasium Duderstadt (EGD) deutsche und polnische Schüler und Lehrer nach ihrer Sicht auf Heimat in Europa.

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Fördern polnisch-deutsche Freundschaften: Martin Bereszynski, Iwona Cyrocka, Agnieska Zalewska und Ben Thustek (von links).

Quelle: Thiele

Duderstadt. Eine mehr als 1000-jährige Geschichte verbindet Deutschland und Polen. Nicht immer eine friedvolle, wie der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen zeigte. Dabei gab es auch enge kulturelle Verbindungen, die gerade in der Künstler- und Intellektuellen-Szene von Respekt und gegenseitiger Bereicherung geprägt waren.

Doch erst nach dem Abschluss des Warschauer Vertrages 1970 war der Grundstein für weitreichende freundschaftliche Beziehungen gelegt und mit Polens EU-Beitritt 2004 gefestigt worden.

„Seit 1995 existiert die Städtepartnerschaft zwischen Duderstadt und Kartuzy. Der Schüleraustausch zwischen dem EGD und dem Lizeum fand erstmalig 1997 statt und ist ein wichtiger Teil der Partnerschaft“, beschreibt EGD-Lehrer Ben Thustek den Beginn der Beziehungen zwischen dem Eichsfeld und der ebenfalls ländlich geprägten Kaschubei in Polen.

Agnieska Zalewska und Iwona Cyrocka betreuen den Austausch auf der polnischen Seite. „Mit jedem Besuch wächst etwas zusammen zwischen den beiden Städten“, beobachtet Zalewska. Aber durch den EU-Beitritt habe sich nicht alles zum Positiven verändert. „Das Schulsystem in Polen  war früher besser. Es herrschte eine andere Disziplin, das Lernen war intensiver“, sagt sie.

Identifikation mit der eigenen Heimat

Bei den polnischen Jugendlichen erkennt sie auch nach dem EU-Beitritt eine große Identifikation mit der eigenen Heimat. „Die Kaschubei ist traditioneller geprägt als das Eichsfeld. Es gibt noch sehr kinderreiche Familien in ländlichen Strukturen. Einige meiner Schüler würden gern in der Heimat bleiben, aber es gibt zu wenig Arbeitsplätze“, beschreibt sie die Situation der Jugendlichen.

Wegen Arbeitsplatzmangel, aber auch durch die offenen Grenzen habe sich einiges in ihrem Heimatland geändert. Junge Fachkräfte würden ihren Lebensunterhalt im Ausland verdienen, in England oder Deutschland, und die Familie bestenfalls am Wochenende sehen. Außerdem sei ein Leben unter engen ländlichen Verhältnissen mit der Großfamilie unter einem Dach für viele nicht mehr akzeptabel.

Die Ansprüche und die Vorstellung von Familienleben hätten sich in den letzten Jahren dem allgemeinen europäischen Standard angeglichen. Und mit dem EU-Beitritt seien die Chancen für Jugendliche, diese Ansprüche zu erfüllen, deutlich gestiegen.

Einige kommen nach dem Studium zurück

Die Abwanderungsprobleme seien typisch für ländliche Regionen, meint Thustek. Auch von seinen Schülern blieben wenige im Eichsfeld, aber immerhin würden einige nach der abgeschlossenen Ausbildung oder nach dem Studium wiederkommen.

Ein Beispiel sitzt neben ihm: Sein Kollege Martin Bereszynski war selbst Schüler am EGD und ist nach dem Studium nun ebenfalls Lehrer dort. „Wenn es Arbeit gibt, würden wohl einige in die Heimat zurückkehren“, glaubt Bereszynski. Er ist ebenso wie seine polnischen Kollegen der Meinung, dass die Regionen selbst mehr tun müssten, um die Leute zu halten, „besonders die mit guter Ausbildung“.

Heute gibt es auch in Polen alles

Grenzöffnung und EU-Beitritt haben allerdings auch positive Effekte, sagt Zalewska. „Danzig als größte Stadt in der Kaschubei  hat sich vom maroden Wirtschaftszentrum zur modernen europäischen Universitätsstadt entwickelt.“

Thustek bestätigt eine zunehmende Attraktivität der polnischen Städte gerade für junge Leute: „Noch vor zehn Jahren waren die Unterschiede zu westlichen Metropolen deutlich erkennbar. Heute gibt es alles, von Shopping-Mals bis zum Fastfoodrestaurant.“ Auch für Studenten aus Westeuropa würden die polnischen Universitätsstädte immer attraktiver werden.

Die Angleichung sei auch bei den Schülern bemerkbar. „Heute kann niemand mehr einen polnischen und einen deutschen Jugendlichen an Äußerlichkeiten unterscheiden“, sagt Thustek. Kleidung, Geschmack und Musik haben ihre Regionalität längst verloren, und über Social Media werden kulturelle Errungenschaften und Interessen ausgetauscht. Diese Angleichung mache es leichter, Teilnehmer für einen Schüleraustausch zu finden, stellt Bereszynski fest.

Auch die eigene Kultur besser kennenlernen

Vor einigen Jahren kursierten noch Vorurteile. „Manche Deutschen fragten tatsächlich, ob es in der Kaschubei auch Strom gebe. Heute sind die Schüler schon vor dem Austausch viel informierter“, vergleicht der EGD-Lehrer. Doch nicht nur ein einheitliches Bild lässt sich ausmachen.

„Bei einem Schüleraustausch wollen die Jugendlichen auch die Besonderheiten zeigen, die ihre Region zu bieten hat. Ob das nun Spezialitäten wie die Eichsfelder Mettwurst sind oder die Sehenswürdigkeiten in der Kaschubei“, sagt Thustek.   So lernen die Schüler bei einem Austausch nicht nur ein fremdes Land, sondern auch die eigene Kultur besser kennen.

Schülermeinungen: Heimat oder Ausland?  

Fort aus dem Eichsfeld, aber nicht gleich ins Ausland zieht es  Jannik Heine vom Eichsfeld Gymnasium (EGD).

„Ich habe noch keinen konkreten Berufswunsch. Aber mir gefallen Medizin, Psychologie und Jura. Studieren möchte ich in Hamburg. Ich möchte dort hin, um mal die „Welt“ zu sehen“, beschreibt Jannik seine Zukunftspläne.

Jannik H.

Jannik H.

Quelle:
   

Einen konkreten Berufswunsch hat auch EGD-Schülerin Luana Kenga Masha  noch nicht:

„Ist ja auch noch ein wenig Zeit, um mich zu entscheiden.. da konzentriere ich mich jetzt erstmal voll und ganz auf mein Abitur. Familie ist mir sehr wichtig, jedoch will ich ständig neues erleben und sehe mich deshalb eher in größeren Städten. Neue Leute kennenlernen, sich weiterentwickeln und viele neue Erfahrung machen. Ich sehe mich in spannenden Großstädten, um unter anderem andere Perspektiven kennenzulernen als die heimische Kleinstadtidylle.“

Luana K. M.

Luana K. M.

Quelle:
   

Justyna Stencel (Lizeum) möchte nach der Schule Innenarchitektur in Danzig studieren.

„Ich möchte in der Nähe meiner Familie bleiben, sie ist sehr wichtig für mich. Außerdem liebe ich meine Heimatregion mit seiner erstaunlichen Kultur und schönen Umgebung“, schwärmt die Polin für ihre Heimat.

In ihrer Familie sei es üblich, sich gegenseitig zu unterstützen, nicht nur bei Problemen, auch die Fragen der Zukunft nach Job und Ausbildung würden offen mit den Angehörigen besprochen.

Justyna S.

Justyna S.

Quelle:

Von Claudia Nachtwey

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