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Seit 20 Jahren geht nichts über halben Hahn auf Toast

„Hähnchenfreunde Fuhrbach“ Seit 20 Jahren geht nichts über halben Hahn auf Toast

Wenn es im Eichsfeld einen Klub gibt, der mit Vereinsmeierei und Statuten so gar nichts am Hut hat, dann sind es wohl die Hähnchenfreunde Fuhrbach. Und doch folgen die Mitglieder strengen Regeln, die sich in den vergangenen 20 Jahren nicht auch nur einen Deut geändert haben, wie sich auf der Feier zum 20-Jährigen Bestehen zeigte.

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Feinschmecker in Sachen Huhn: Uwe Windolph mit den Hähnchenfreunden Baier, Sylvia Haase, Genscher, Stepke, Poppi und Pfarrer (von links) – und dem Leibgericht.

Quelle: MW

Sonnabend, 18.20 Uhr. Im Clubraum des Eichsfelder Hofes herrscht beinahe andächtige Stille. Nicht einmal, als stummer Jubel auf dem Bildschirm des Fernsehers in der Ecke vermuten lässt, dass in der Bundesliga gerade ein Tor gefallen ist, lässt sich jemand ablenken. Gabi Windolph, Wirtin im Eichsfelder Hof, hat gerade die Frage des Abends gestellt: „Wer will jetzt sein Hähnchen?“. Wie im Klassenzimmer schnellen die Finger in die Höhe. Schließlich sind die Hähnchenfreunde Fuhrbach heute nicht zum Spaß in die Traditionskneipe in der Duderstädter Innenstadt gekommen. Sondern, um Hähnchen zu essen. Eine Art Festessen ist es für die rund 25 Anwesenden, denn der Klub besteht in diesem Jahr genau zwei Jahrzehnte.

Dennoch bestellen alle nur die „Grundausstattung“, wie ein halbes gebratenes Hähnchen mit Toastbrot im Fachjargon der Hähnchenfreunde heißt. Für die „Vollausstattung“, ein halbes Hähnchen mit Pommes frites, Ketchup und Mayo entscheidet sich niemand, schließlich gilt es, einen Zeitplan einzuhalten. Denn später wird geknobelt, dann sollen möglichst alle gleichzeitig mit dem Essen fertig sein.

Lediglich eine anderslautende Bestellung muss Gabi an diesem Abend aufnehmen. Sie kommt von einer Sympathisantin, der Frau eines der neun Gründungsmitglieder der Hähnchenfreunde. Für sie wird, weil sie schon von Anfang an bei den Hähnchenfreunden dabei ist, eine Ausnahme gemacht. Und weil sie Vegetarierin ist.

Als die Teller aufgetragen werden, verstummen die Gespräche über Fußball in der Region, Fußball in der Bundesliga und Gott und die Welt erneut. Knusprig gebraten sehen die „Gockel“ aus, die Gabi hereinbringt, die Farbe lässt auf eine ordentliche Portion Würze schließen, der Duft auf eine frische Zubereitung. Neben dem Fleisch liegt ein geröstetes Toastbrot.

Bei diesem Anblick kommt der ein oder andere Hähnchenfreund ins Schwärmen: „Davon habe ich heute Nacht geträumt“, sagt eines der Gründungsmitglieder, und die anderen lachen. Dann beginnt das Ritual. Jeder Hähnchenfreund wickelt sein Besteck aus der Serviette – und legt es beiseite. „Bei uns werden Hähnchen nur mit den Fingern gegessen“, erklärt Hans-Dieter Bartsch. El Presidente, wie er sich selbst nennt. „Das steht im Hähnchenfreunde-Knigge“, fügt er lachend hinzu und beginnt, das Fleisch vom Knochen zu lösen.

Selbst wenn es dort nicht stände, würden sich vermutlich alle daran halten. Denn die Regeln scheinen völlig selbstverständlich eingehalten zu werden. Jedes Vollmitglied – seit 20 Jahren sind das Bartsch, genannt „Genscher“, Jörg „Longo“ Gatzemeier, Stefan „Stepke“ Jacobi, Mario Baier, Bernd „Charly“ Jucheim, Andreas „Pfarrer“ Wagner, Markus „Poppi“ Ochsenfahrt und sein Bruder Peter Ochsenfahrt sowie Klaus Haase – nimmt das Huhn mit „Tunke“ zu sich, einer würzigen Soße, über deren Bestandteile Bartsch sich ausschweigt. „Geheimrezept“, raunt er verschwörerisch, als habe er das alchimistische Rätsel gelöst. Nur so viel verrät er: Hauptbestandteile sind Maggi und Tomatenketchup. Deshalb steht auf dem Tisch auch eine Maggi-Flasche, die mit einem eigens für die Hähnchenfreunde angefertigten Etikett versehen ist. Und deshalb versuchen die Freunde auch, irgendwann einmal gemeinsam im Maggi-Kochstudio kochen zu dürfen. Eine Anfrage läuft.

Wie auch die Vollmitglieder tragen die Anwärter T-Shirts mit dem Klublogo, einem gebratenen Hähnchen mit Messer und Gabel (Bartsch: „Nur so zur Zierde.“) und einer Maggi-Flasche. Und auch einige Sympathisanten dürfen sich bereits mit dem Shirt schmücken. Sie hoffen noch auf ihre Chance, durch regelmäßiges Erscheinen zu den Treffen und fleißiges Mit-Knobeln den Status des Anwärters zu erreichen. Vollmitglied wird jedoch niemand. „Es sei denn, einer von uns neun Alten stirbt“, sagt Bartsch über die neun Männer, die diesen Status inne haben.

Dann allerdings müsste die Inschrift im Wimpel geändert werden, der auf dem Tisch steht. Auch ihn ziert das Logo, für das der 42-Jährige vor 20 Jahren in den Supermarkt gegangen ist und ein „besonders fotogenes Hähnchen“ gekauft hat. Im Fotostudio habe man ihn zwar ein wenig merkwürdig angesehen, aber das Huhn dann anstandslos abgelichtet.

So wie auf dem Bild haben auch die Hähnchen auszusehen, die der Klub bevorzugt. „Die Haut muss schön kross und würzig sein, das Fleisch saftig und zart“, erläutert Bartsch. „Ein solches Huhn zu bekommen, ist nicht einfach“, erklärt er, warum der Eichsfelder Hof als einziger Treffpunkt für die Hähnchenfreunde infrage kommt. Wirt Uwe Windolph bereite die halben 1300-Gramm-Hühner in ihren Augen perfekt zu. Außerdem servierten er und seine Frau zu jedem Hähnchen ein Zitronen-Erfrischungstuch – ebenfalls Bestandteil des Rituals – und beschwerten sich auch nicht, wenn die Runde mal wieder lauthals „Hähnchenfreunde, Hähnchenfreunde, Hähnchenfreunde, das sind wir“ kräht.

Oder, wenn einer der Hähnchenfreunde kurz vor Küchenschluss noch einen kleinen Appetit auf einen Nachtisch verspürt – natürlich auf Hähnchen.

Von Nadine Eckermann

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