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Selbstversuch: „So jung und schon ein Kind“

Jugendliche testen Elternschaft Selbstversuch: „So jung und schon ein Kind“

„So jung – und schon ein Kind!“ empörte sich die alte Dame im Supermarkt. Schülerin Michelle Brodka erledigte gerade ihren Einkauf, als es aus ihrer Babytrage krakelte. Dass dieses „Baby“ eine Puppe war, hatte die alte Dame nicht bemerkt.

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Vater werden ist nicht schwer: Das Baby-Projekt gibt Einblick in die spätere Elternrolle.

Quelle: Hellmold

„Wenn Jugendliche Eltern werden, erfahren sie oft auch negative Reaktionen aus der Bevölkerung“, bestätigt Iris Laskowski. Die Sozialpädagogin leitete vier Tage lang das Baby-Projekt an der Astrid-Lindgren-Schule in Duderstadt, das in Kooperation mit Pro Familia durchgeführt wurde. Auf freiwilliger Basis konnten die Neuntklässler ausprobieren, was es bedeutet, für ein Baby verantwortlich zu sein. Dazu bekam jeder der Teilnehmer eine Puppe, die nicht nur äußerlich einem echten Säugling täuschend ähnlich sieht, sondern per Computer-Chip realistische Reaktionen simuliert. „Die Puppe weint wie ein echtes Kind, worauf die Eltern mit Windeln wechseln, Füttern oder Beruhigen reagieren müssen“, erklärt Laskowski. Mogeln sei mit der Puppe nicht möglich. „Der Computer-Chip zeichnet alles auf – ob und wie das Kind getragen oder gefüttert wird, sogar ob wirklich eine neue Windel angelegt wird oder man einfach die alte nochmal benutzt“, so die Pädagogin.
Vier Tage lang hieß es für die Schüler: ein schlafendes oder schreiendes „Baby“ in jeder Alltagssituation, beim Einkaufen, beim Computerspiel, im Schulbus, nachts betreuen. Nicht nur Michelle hat sich mit Reaktionen aus dem Umfeld auseinandersetzen müssen, auch die zahlreichen Jungen in diesem Projekt haben einiges zu hören bekommen. „Mein Kumpel hat gesagt, er würde das Ding wegschmeißen“, beschreibt Lukas Bonn das Unverständnis von Gleichaltrigen.

Anstrengend seien die Tage gewesen, sind sich alle einig. „Aber es hat auch Spaß gemacht“, findet Adriana Gunkel.„Trotzdem freut man sich, dass die vier Tage vorbei sind und man wieder ausschlafen kann“, ergänzt ihre Mitschülerin Friederike Rövener. Ihr Zwillingsbruder Sebastian hat ebenfalls am Baby-Projekt teilgenommen. „Mir ist klar geworden, dass ein Kind viel Zeit und Geld kostet. Ich würde auf jeden Fall erstmal meine Ausbildung machen, aber für später könnte ich mir gut vorstellen, Vater zu sein“, lautet sein Resümee am letzten Projekt-Tag.
„Mit 16 Euro muss ein Erwachsener mit Kind pro Tag auskommen, wenn er kein eigenes Einkommen hat und auf staatliche Hilfe angewiesen ist. Davon sind auch Internet oder Körperpflegeprodukte zu bezahlen“, hat Laskowski mit den Schülern ausgerechnet. In diese Situation möchte zwar keiner der Anwesenden kommen, aber trotzdem wurden für solchen Fall Lösungen erarbeitet: Geld könne beispielsweise gespart werden mit selbstgekochtem Essen oder mit Second-Hand-Kleidung.

„Das Baby-Projekt gilt als Prävention, um Kinder vor Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch zu schützen“, nennt Laskowski das Ziel der Initiative. Dabei wurden die Schüler nicht nur im Umgang mit Babys geschult, sondern auch über Verhütung und Hilfemaßnahmen im Fall einer ungewollten Schwangerschaft oder einer Vergewaltigung aufgeklärt. Klassenlehrerin Margarete Ripping knüpfte den Kontakt zu Pro Familia, nachdem sie selbst bei einer Fortbildung über den Nutzen des Baby-Projektes informiert worden war.

Ergänzend zum Projekt waren auch die hier nicht teilnehmenden Neuntklässler der Astrid-Lindgren-Schule aktiv. Das Thema „Vernachlässigung von Kindern“ wurde in einem selbst initiierten Theaterstück nach der Vorlage von Grimms „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne gebracht. „Allerdings werden hier nicht die Kinder von den Eltern ausgesetzt, sondern sie laufen selbst davon, weil sich niemand um sie kümmert“, verrät Schul-Sozialpädagoge Johannes Roger Hanses.

Von Claudia Nachtwey

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