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Stadt der Musik im Keller der Munitionsfabrik

Neuer Kulturverein Stadt der Musik im Keller der Munitionsfabrik

Musiklehrer und -produzent Martin Wihgrab hat einen Wunsch: Duderstadt soll leben und klingen, sagt er. Sein Traum: Ein Kulturzentrum auf dem Euzenberg. Die ersten Schritte sind gemacht.

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Martin Wihgrab

Quelle: OT/Archiv

Duderstadt. Ungewohnte Stille herrscht auf dem Euzenberg. Nur wenige Straßengeräusche dringen an diesem Abend vor bis zum Gelände der ehemaligen Munitionsfabrik. Weder aus den Räumen der Tanzschule, in denen Licht brennt, noch aus dem Imbiss an der Ecke schallt ein einziger Ton. Halle 16: stumm. Dabei soll sich dort das Herz von „MusiCity“ befinden, dem neu gegründeten Musikverein in Duderstadt. Eine Stadt der Musik in einem Keller.

Eine Rampe führt hinunter, eine schwere Tür in den Innenraum. Auch hier: Stille.

Inmitten von Schlagzeugen, Stativen mit Mikrofonen, Gitarren, Keyboards und anderen Instrumenten steht ein Schreibtisch. Mischpult und Monitore darauf, hinter denen Martin Wihgrab seinen Arbeitsplatz eingerichtet  hat. Dort produziert er Stücke, frickelt an Spuren, testet die Wirkung von Filtern und Effekten auf Sounds. Den ganzen Tag verbringt er mit Musik – an diesem Abend trägt er Kopfhörer.

Suche nach dem Nukleus

 

„Die meisten Stücke, die ich bekomme, sind viel zu überladen“, erklärt Wihgrab, „Spuren über Spuren“, sagt er und reicht einen zweiten Kopfhörer, aus dem kühler Electopop-Sound dringt. Aus der „Wand“, vor der er im ersten Augenblick einer Post-Production eines Stückes stehe, separiere er häufig zunächst die Gitarre, erklärt er und klickt einige Male in dem Programm, das bunte Streifen anzeigt. „Das ist halt mein Instrument“, sagt er und klickt den Gesang dazu. Unter dem Beat und den vielstimmigen Schichten, die sich zu einem weichgespülten Discosound aufgetürmt hatten, kommt eine fragile Melodie zum Vorschein. „Das ist der Nukleus“, sagt Wihgrab und lächelt, als habe er gerade einen archäologischen Sensationsfund gemacht. Darauf baue seine Arbeit auf.

 

 

Beatles, Kraftwerk und Mozart

Singen und Spaß für Kinder

Die ersten Kinder haben am Mittwoch bei „Sing & Fun“ im Studio auf dem Euzenberg geprobt. Auch zukünftig sollen Mädchen und Jungen dorthin kommen können, um ihre Stimmen auszuprobieren und Spaß zu haben. Der nächste Termin steht am Montag, 11. April, um 18 Uhr an. Interessierte können einfach vorbeikommen oder sich per E-Mail an musicity@t-online.de informieren.

Das Reduzieren auf das Wesentliche diene nicht dazu, die bereits geleistete Arbeit der Musiker wegzuwischen, sagt Wihgrab. Ihm sei es wichtig, die Melodie zu erkennen und Ideen von der Basis aus entwickeln zu können. Bands wie die Beatles oder Kraftwerk hätten es vorgemacht, sagt er: Im Kern hätten deren Stücke oft „einfache, aber geniale“ Melodien. „Das ist bei Mozart nicht anders“, sagt er. Nur so gelinge es Musikern, zeitlos zu sein, aber den Zeitgeist zu transportieren. Kraftwerks „Trans Europa Express“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1977 sei zu seiner Zeit ein Meisterwerk gewesen – und heute eine vielfach verwendete Vorlage im Hip Hop.

Technische Spielereien, das Geradebiegen von Noten, die digitale Bearbeitung ist nur ein Teil dessen, womit sich Wihgrab im Studio 16 beschäftigt. Hier gibt er Unterricht, leitet einen Gospelchor und führt Kinder und Jugendliche ans Singen heran. Hier trifft er auch ehemalige Weggefährten, um mit ihnen über alte Zeiten zu plaudern.

„Fragile“, lautet dabei immer wieder eines der Stichworte, der Name der Band, mit der Wihgrab seine großen Erfolge hatte. Dabei standen die Zeichen für ihn und seine Mitmusiker erst einmal alles andere als auf Erfolg: „In den 1970er-Jahren lief das ungefähr so: Man gründete eine Band, verschuldete sich und musste sich dann etwas Neues überlegen“, sagt Wihgrab lachend. Die Lösung seiner Bands, darunter „Forest & Stream“ mit Manfred Pohl und Hans-Georg Pniwczak, lautete: Spielen, bis die Finger bluteten, damit Geld in die Kasse kam. „Damals waren Unplugged-Konzerte noch neu“, schildert der 58-Jährige seine Erinnerungen. Unverstärkt zu spielen, habe für seine Band mehrere Vorteile gebracht: Die Musiker brauchten keine Anlage, für die sie eh kein Geld gehabt hätten, und Konzerte waren im kleinen Rahmen möglich. So meisterten sie Auftritte um Auftritte.

Den ersten großen Erfolg feierte Wihgrab 1978 beim „1. Deutschen Pop-Nachwuchsfestival“ der Deutschen Phonoakademie. „Ein Vorläufer des Echos“, sagt Wihgrab, damals noch mit Newcomer-Ansatz.

 

„Wir waren Freunde und wollten es auch bleiben“

„New Voices of Gospel“

Mit Auftritten beim Bürgerfest, beim Weihnachtstreff oder dem „Lightfever“ in der Basilika St. Cyriakus haben sich die New Voices of Gospel einen Namen gemacht. Die Sänger proben donnerstags um 19 Uhr im Studio auf dem Euzenberg, Halle 16. Weiteren Mitgliedern steht der Chor offen, sie können zu einer Probe dazustoßen oder sich vorab per E-Mail an musicity@t-online.de anmelden.

„Wir fanden es toll, in der großen Stadt unsere Helden zu treffen“, sagt er rückblickend. Klaus Doldinger sei darunter gewesen, der Produzent Fritz Rau, der mit vielen Pop-Größen gearbeitet habe, Konstantin Wecker, Eberhard Schöner und andere. „Es gab einen Vertrag bei der CBS. Wir haben das nicht weiterverfolgt“, so Wihgrab. „Wir waren Freunde und wollten es auch bleiben.“ Dennoch oder genau aus diesem Grund – Die Wege der Musiker trennten sich. Jeder widmete sich anderen musikalischen Projekten mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Wihgrab ging nach Berlin. „Drei Jobs am Tag“ habe er angenommen, um über die Runden zu kommen, sagt er. Post-Production und Sounddesign eignete er sich am SAE Institute an, arbeitete zudem als Studiomusiker. In dieser Zeit habe er auch seine Mitstreiter von „Fragile“ kennengelernt und eine Reihe von Konzerten gegeben, auch im Eichsfeld.

Später habe es ihn nach Göttingen verschlagen, wo er sich erstmals im Lehramt für Musik versucht habe. Auch später in Hamburg arbeitete er in dem Beruf, von dem er in der heutigen Arbeit als freier Musiklehrer noch immer profitiere.

„Eigentlich hatte ich Deutsch, Politik und Philosophie studiert“, sagt er. Als Musiklehrer habe er attraktivere Herausforderungen gefunden, beispielsweise, indem er den Musikzweig an der Bonifatiusschule in Göttingen mit aufbaute.

 

Nach der Schule ins Studio

 

„Nach der Schule ging es ins Studio“, sagt er. Während der Zeit in Hamburg habe er Synchronisationen und Vertonungen gemacht und Projekte an der Hochschule für Musik und Schauspiel begleitet, später Chorleiterscheine gemacht. „Heute arbeite ich als Vocal Coach“, sagt Wihgrab.

Als es den Eltern zunehmend schlechter gegangen sei, habe er den Entschluss gefasst, ins Eichsfeld zurückzukehren. „Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken“, begründet Wihgrab. „Bei uns lief immer das Radio. Ich bin mit Jazz aufgewachsen.“ Wie er heute sei seine Mutter früher ein Bühnenmensch gewesen. „Tagsüber hat sie bei den Polte-Werken gearbeitet. Abends spielte sie Theater.“

 

Kulturschock im Eichsfeld

 

Seit zwei Jahren ist Wihgrab zurück in Duderstadt. Anfangs sei es ein Kulturschock für ihn gewesen, gibt er zu – was fehlte, sei die Vielfalt an kulturellem Angebot gewesen, die er in den Großstädten kennengelernt hatte. Er beschloss, selbst daran zu arbeiten, gründete eine Musikschule, suchte sich Mitstreiter für einen Verein, „MusiCity“. Heute existieren der Gospelchor „New Voices of Gospel“, der aus einem Duderstädter und eine Rollshäuser Chor entstanden ist, und zahlreiche Bands, die in den Räumen der Musikschule proben.

 

„Kulturwerk“ am Euzenberg

 

Für die Zukunft hofft Wihgrab, noch mehr Jugendliche und Kinder für Musik begeistern zu können, bietet jetzt eine Chorstunde für Mädchen und Jungen ab sechs Jahren an. Auch wolle er mit Flüchtlingen und mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, vielleicht Kontakt mit dem Tabalugahaus aufnehmen. Außerdem gebe es in Duderstadt eine ganze Reihe von Künstlern, mit denen er sich die Zusammenarbeit vorstellen könnte, sagt Wihgrab. Festgelegt auf Genres sei er dabei nicht, könne sich Hip-Hop-Workshops ebenso gut vorstellen wie experimentelle Elektronik.

Ein „Kulturwerk“ wolle er aufbauen am Euzenberg, dem Ort, mit dem er persönlich, aber auch die Region so viel Geschichte verbinde. „Wo Munition hergestellt wurde, entsteht heute Musik – dieser Gedanke fasziniert mich“, sagt Wihgrab. Vergleichbar der „Musa“ in Göttingen solle dort gearbeitet werden, generationen- und genreübergreifend, mit allen Kunstformen unter einem Dach, inklusiv und integrativ.

Derzeit seien es rund 50 Mitglieder, die sich im Verein engagierten, sagt Wihgrab – nach rund einem Vierteljahr. Er hofft, dass es bei diesem regen Zulauf bleibt, „damit diese Stadt lebt – und klingt“.

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©Richter