Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Tanz und Kultur – Abschiebung und Bleiberecht

Bundesjugendtreffen der Sinti und Roma Tanz und Kultur – Abschiebung und Bleiberecht

Schwungvoller Hip Hop schallt durch den Seminarraum im Jugendgästehaus. Fé André – Schauspielerin, Choreografin, Film-Regisseurin und Kampfkünstlerin – wirbelt zwei Stöcke rhythmisch durch die Luft, die Tanzschritte dazu sind kraftvoll und geschmeidig.

Voriger Artikel
Junge Duderstädterin Kinder und Jugendliche in Argentinien
Nächster Artikel
Jeder Einwohner soll mitreden

Viel Platz im Jugendgästehaus: Kampfkünstlerin Fé André (vorne l.) gibt mehrsprachige Anleitungen beim Stockkampf.

Quelle: Walliser

Die Teilnehmer des Seminars „Stockkampf“ haben zunächst Mühe, sich gleichzeitig auf ihre Stöcke und die Beine zu konzentrieren, doch die Freude an der Bewegung überträgt sich rasch.

Die zierliche Künstlerin mit den dichten Locken gibt die Anweisungen in mehreren Sprachen. Sie selbst ist in Ungarn aufgewachsen, doch zu dem Bundesjugendtreffen der Sinti und Roma sind etwa 150 Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern gekommen, so dass im Duderstädter Jugendgästehaus an diesem Wochenende ein buntes Sprachengemisch herrscht. Das Treffen wird von dem Projekt Roma Center Göttingen und der Berliner Initiative Amaro Drom organisiert und von der DJO – Deutsche Jugend in Europa, Landesverband Niedersachsen – unterstützt.

Nachdem es zum ersten Mal 2009 in Berlin stattfand, hatten sich die Verantwortlichen in diesem Jahr für Duderstadt entschieden. „Hier ist genug Platz für die über 150 Teilnehmer, die Preise sind erschwinglich, und das Jugendgästehaus bietet eine gute Arbeitsatmosphäre für die verschiedenen Workshops“, begründet Hamze Bytyci als Vorsitzender von Amaro Drom die Wahl. Als Ziel sieht er die Stärkung der Eigeninitiative und die bundesweite Vernetzung junger Sinti und Roma.

Die Themenfelder der Workshops sind vielfältig und sollen den Meinungsaustausch und das Kennenlernen fördern. Neben Tanz, Kultur, Geschichte und Theater werden auch Themen wie Abschiebung und Bleiberecht, Menschenrechte, Wirtschaft, Selbständigkeit oder Bildung in kleinen Gruppen erarbeitet. „Roma werden immer noch diskriminiert und sozial und wirtschaftlich ausgegrenzt, nicht nur im Ausland – wie gerade wieder in der Wahlkampfkampagne von Sarkozy -, sondern auch hier in Deutschland“, sagt Hamze Bytyci, der in Albanien aufgewachsen ist und Vertreibung am eigenen Leib erfahren hat. „Viele Eltern raten ihren Kindern, in der Schule nicht zu sagen, dass sie Roma seien, sondern Albaner, Ungarn, Polen, Rumänen, Deutsche, eben Angehörige des Staates, in dem sie aufgewachsen sind“, erklärt er. So wolle man die Kinder vor Diskriminierung schützen. „Für mich ist das aber ein Problem zu behaupten, ich sei Albaner. Ich habe erlebt wie Albaner unser Haus angezündet haben. Erst in Gesprächen mit anderen Roma habe ich gelernt, meine eigene Identität anzuerkennen“, beschreibt der junge Mann seine Erfahrungen.

Für Jugendliche sei es wichtig, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken. Immer wieder seien Familien von Abschiebung betroffen, wobei Kinder und Jugendliche ihre Freundeskreise und ihre Heimat verlieren würden. Ein Seminar heißt „Go Girls – Frauenpowerment“. Hamze Bytyci erklärt: „Ein weit verbreitetes Vorurteil ist die Unterdrückung der Frauen bei den Roma. Meine Oma hat Hochachtung genossen, weil sie ihre fünf Kinder allein großgezogen hat.“ Er vergleicht die Rolle der Frau innerhalb der Familie mit der eines Innenministers, die des Ehemannes mit der des Außenministers: „Nur wenn die beiden Minister gut zusammen arbeiten, kann das Ganze funktionieren“.

In einem weiteren Seminarraum wird eine Jugendzeitschrift geplant. Die „Amaro Krlo – Unsere Stimme“ soll deutschlandweit gedruckt und auch über Internet erhältlich sein. Emran Elmazi macht den Teilnehmern Mut: „Ihr müsst keine perfekten journalistischen Werke schreiben, aber die Themen, die ihr wählt, sollen junge Roma interessieren.“ Die Themen reichen von aktuellen Berichten wie das Bundesjugendtreffen, Abschiebung und Diskriminierung bis hin zu Religion, Roma-Künstler, und auch ein Fotoroman ist in Planung. „Wir wollen mit einer Auflage von 2000 anfangen und haben bereits Kontakte zu Sponsoren und Druckereien aufgenommen. Es sollen keine Kosten für die Jugendlichen entstehen“, erklärt der Blogger und Journalist Ario Ebrahimpour Mirzaie. Dabei betont er: „Einerseits soll die Zeitung individuelle Probleme der Roma thematisieren, andererseits sind Jugendliche eben Jugendliche. Die Fragen sind: Was unterscheidet uns – was haben wir gemeinsam?“

Als Höhepunkt des Bundesjugendtreffens gilt das öffentliche Roma Kulturfestival, das am Sonntag auf dem Göttinger Wochenmarkt mit einer Show aus Gypsy Music, Tanz und Theater stattgefunden hat (Tageblatt berichtete).

  Diskriminierung und Vertreibung
  Als Präsident Nikolas Sarkozy im Juli 2010 die Ausweisung von rund 1000 Roma in Frankreich anordnete, gingen Zehntausende von Menschenrechtlern auf die Straße und demonstrierten gegen die Abschiebung. In Deutschland unterzeichnete der Bundesinnenminister Thomas de Maizière im April 2010 das Rückführungsabkommen mit dem Staat Kosovo. 14 000 Menschen sollen aus der Bundesrepublik Deutschland abgeschoben werden, die im Kosovo-Krieg aus ihrer Heimat flüchteten, rund 12 000 davon sind Angehörige der Roma. Diese sehen auch im heutigen Kosovo für ihre Familien nur Ausgrenzung und Diskriminierung, ein soziales und ökonomisches Desaster. Die Arbeitslosenquote für Roma im Kosovo liege bei 100 Prozent. Die von der Abschiebung betroffenen Kinder seien in Deutschland geboren, gingen hier zur Schule und sprächen kein Albanisch. Darauf verweisen Roma-Initiativen wie Amaro Drom sowie Menschenrechtsorganisationen und Kirchenverbände. Auch in Ungarn und Rumänien komme es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Sinti und Roma. In der deutschen NS-Zeit wurden Hundertausende Roma in Konzentrationslagern umgebracht. Die 700-jährige Geschichte des Volkes, zu dem auch die Sinti gehören, ist weltweit durchzogen von Diskriminierung und Vertreibung.

Von Claudia Nachtwey

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Duderstadt
Apfel- und Birnenmarkt in Duderstadt

©Richter