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Trinkwasser aus der DDR versorgt Duderstädter

Brehmer Quellgebiet Trinkwasser aus der DDR versorgt Duderstädter

Am Sonntag, 3. Oktober, jährt sich der Tag der Wiedervereinigung. 20 Jahre in Einheit und Freiheit stehen mehr als 40 Jahre Teilung gegenüber.

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Juni 1988: Deutsch-deutsche Grenzkommission besichtigt Brunnen bei Brehme.

Quelle: EF

Tödliche Sperranlagen trennten die DDR von der Bundesrepublik. Zwischen den Blöcken herrschte politische Eiszeit. Trotzdem floss zu DDR-Zeiten – und fließt bis heute – Trinkwasser von Ost nach West: Symbol für die unlösbare Verbundenheit einer Region.
Duderstadt. Stacheldraht, Betonmauern, Elektrozäune, Hundelaufanlagen, Minenstreifen, Fallgräben, Selbstschussanlagen und Wachtürme – das waren die Komponenten, mit denen die DDR ihren Bürgern die Flucht in den Westen unmöglich machen wollte. Undurchdringlich sollte die Grenze sein. Sie war sicht- und spürbarer Ausdruck einer politischen Teilung Deutschlands.

Und doch gab es eine Ausnahme – in einem Landstrich, der wegen seiner religiösen Ausrichtung seit jeher eine Sonderrolle gespielt hatte, auch in der DDR: im Eichsfeld. Hier gab es ein ununterbrochenes Miteinander von Ost und West im Bereich der Trinkwasserversorgung – vor, während und nach der Teilung. Duderstadt benötigte stattliche Mengen Trinkwasser, da es selbst nicht über ausreichend Brunnen verfügte. Die gab es im Brehmer Quellgebiet reichlich.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Liefervertrag geschlossen, und das Wasser floss munter gen Duderstadt. Das blieb auch während der deutschen Teilung so, obwohl Brehme in der damaligen DDR lag. Obwohl es so gut wie keine Kontakte zwischen Ost und Westdeutschland gab, gelang es den Verantwortlichen auf beiden Seiten, die Lieferungen aus Brehme zu vereinbaren und so die Versorgung Duderstadts zu sichern.
Fritz Bergmann, lange Jahre Geschäftsführer der Eichsfelder Wirtschaftsbetriebe – dem Duderstädter Wasserversorger – erinnert sich: „In der Anfangszeit, da hat ein Rentner die Brunnen bei Brehme für uns gewartet, wir haben ihm immer mal ein Dankeschön-Paket rüber geschickt. Später hat er 1000 Mark bekommen.“ Es dauerte bis ins Jahr 1976, dass die Angelegenheit Trinkwasserlieferung vertraglich geregelt wurde – auf zwischenstaatlicher Ebene.

Nach langwierigen und schwierigen Vorgesprächen wurde in jenem Jahr im Hallsteinsaal des Bundeskanzleramtes in Bonn ein Trinkwasser-Lieferungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik feierlich unterzeichnet. Damals kostete ein Kubikmeter aus der DDR geliefertes Trinkwasser einen Pfennig. Später waren es drei Pfennig, und nach und nach landete man dann bei 80 Pfennig.

Im abgeschlossenen Lieferungsvertrag war unter anderem auch vorgesehen, dass die Brunnen bei Brehme einmal pro Jahr von einer deutsch-deutschen Kommission von Fachleuten auf ihre Funktionstüchtigkeit und ihren Zustand kontrolliert werden sollten. Diese Grenzkommission wurde dann auch eingerichtet und nahm ihre Arbeit auf. Von Duderstädter Seite waren für die Eichsfelder Wirtschaftsbetriebe der Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Förster und der Geschäftsführer Fritz Bergmann dabei.

Letzterer erinnert sich an durchaus kameradschaftliche, sachbezogene Gespräche mit den DDR-Vertretern in Brehme bei den Brunnen-Besichtigungen. Auch Göttingens damaliger Oberkreisdirektor Alexander Engelhard nahm mehrmals die Gelegenheit zu Besuchen in Brehme wahr, da er stets um Kontakte in das Obereichsfeld bemüht war.

Grund zu Beanstandungen habe es eigentlich nie gegeben, berichtet Bergmann. Das Wasser sei in vereinbarter Menge und Qualität nach Duderstadt gelaufen. „Wenn die Treffen in Brehme sich ihrem Ende zuneigten und die westdeutschen Teilnehmer die Reise zurück nach Duderstadt über die Grenze hinweg antraten“, so erinnert sich Bergmann mit einem schelmischen Lächeln, „dann hab ich über mein Funktelefon im Hahletal angerufen und hab für uns alle ein schönes, frisches Bierchen bestellt. So ging unser alljährlicher Ausflug in die DDR ganz entspannt zu Ende.“

Von Sebastian Rübbert

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