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Ulrike Böhmer als "Erna" in der St.-Ursula-Schule Duderstadt

Tauferinnerung durch Buttercreme Ulrike Böhmer als "Erna" in der St.-Ursula-Schule Duderstadt

"Hömma, n´Abend, Duderstadt" - mehr brauchte Ulrike Böhmer nicht zu sagen. In Gesundheitstretern, schwarzen Feinstrümpfen, rotem Wollrock und Strickjäckchen betritt die Kabarettistin in ihrer Paraderolle, Erna Schabiewsky, die Schulaula.

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Quelle: Richter

Duderstadt. Das Blüschen adrett zugeknöpft, karierten Hut und omabraune Tasche wie zum Sonntagskirchgang drapiert, stapft sie durch den Gang zwischen den proppenvollen Stuhlreihen in der St.-Ursula-Schule, pausenlos in Dortmunder Dialekt vor sich hin schrabbelnd. Für die nächsten zweieinhalb Stunden soll das Publikum nicht mehr aus dem Prusten herauskommen, außer während einer kleinen Sektpause. Und für "Erna" muss das Gastspiel unter dem Titel "Und sie bewegt sich doch" wohl auch etwas Besonderes sein: "Dass ich mal in den fernen Osten komme", freut sie sich. Und dann auch noch im Jahr des "Jubiläumsgedöns mit dem Heiligen Experiment", das das Bistum in diesem Jahr feiert.

Böhmer zieht ihr Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann. Dabei ist ihr Thema schon speziell: Sie macht Kirchenkabarett. "Erna" nimmt die Gemeindefusionen aufs Korn, lästert über das Bistum Paderborn, das nach zehn Jahren zu der sensationellen Erkenntnis gekommen ist, dass die Kirche für die Menschen da sein will, und motzt über das schlechte Standing der Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft. "Sind Kaffee und Kuchen auf einmal nix mehr wert?" Dabei könnten doch die Frauen auch Gottesdienst, meint Erna, die im echten Leben Gemeindereferentin war und sich vor 15 Jahren den Traum erfüllte, als Kabarettistin aufzutreten. Wenn der Bischof in die Realität der Familie geholt werden soll, schlägt sie vor, ihn bei einer von ihnen wohnen zu lassen. "Wie einen Austauschschüler. Der kann dann auch Kartoffeln schälen." Und wenn sich niemand fände, der ihn nehmen wollte, dann organisiere sie halt fürs Gemeindefest eine Tombola und verlost den Bischof.

Und wenn der Herr Pastor nicht mitspielt, sonntags ins Gemeindehaus zu gehen, wenn die Kirche nun oben Volkshochschule und unten Jugendzentrum ist, dann machen die Frauen eben selbst Gottesdienst im Gemeindezentrum, meint Erna. Mit Stuhlkreis und Teelichten, jahreszeitlich abgestimmter Dekorationen und den "guten Vorlagen". "Gestaltete Mitte nennt sich das." Die KfD-Versammlungen seien ja auch immer gut organisiert: Im November wegen der trüben Stimmung gedeckter Apfelkuchen, im Dezember wegen der Adventszeit Lebkuchenherzen, Butterstollen und "Speckelatius", und im Januar noch die Reste vom Dezember, "es sei denn, Du bis alles anne Sternsinger losgeworden". Dann ist Fastenzeit mit Butterkuchen. Ohne Sahne, versteht sich. "Da ist ja nix dran." Im Mai gibt's Erdbeerkuchen, im September Frankfurter Kranz. "Mit guter Butter." Und warum? "Damit Du ne gute Christin bist."

Die Herleitung ist ganz simpel: Bei der Taufe salbt der Pfarrer mit Chrisam. "Dat Öl von den Chrisan, dat ist doch von seine Grundsubstanz Fett. Und Buttercreme..." Weiter kommt Erna nicht,  das Lachen des Publikums übertönt sie, dabei ist sie noch gar nicht am Ende. Wenn man nämlich zur Gesalbten werden wolle, brauche es doch nichts als den Stuhlkreis, die Teelichten und "de Torte inne Mitte" - "und schon bisse gesalbt. Von außen und von innen."

Erna hat Visionen, nicht nur für die Zukunft der Kirche, sondern auch im Kopf. Wenn der Beauftragte für die Patersuche in Indien fündig würde, gebe es "beie Kommion mal Reiscracker und nachher nen schönen Caipirinha", und die Frauen von der KfD kämen im Sari. Wie in den Bollywoodfilmen. Kamelpaters? Von denen hatte doch eine Freundin am Telefon erzählt. Eigentlich eine schöne Vorstellung: Drei kleine indische Pater stapfen mit einem Kamel durchs Sauerland, denkt sich Erna. Und wie praktisch: "Die kannste an die Sternsinger ausleihen. Was meiste, was die Leute in die Spendendose tun." Ach, Karmelpater!, versteht sie die Freundin endlich richtig Unbeschuhte Paters für Sauerland? Das gehe doch nicht, doch nicht bei dem Schnee im  Sauerland. "Bitte, liebe Frauen, und liebe Männer, wenn es können, stricken se Strümpfe! Von unbesockt war nicht die Rede!"

Einen Lacher nach dem anderen erntet sie für die Schilderung ihres Versuchs, den Jacobsweg zu gehen. Ohne die ganze Lauferei und nur in Deutschland. Und mit Unterstützung der U-Bahn. Der erste Versuch für "Ich bin dann mal weg" habe mit einem Eierlikör-Exzess mit Freundin Hilde geendet. Die Arme brauchte schließlich eine Schulter zum Ausheulen, nachdem sie ihren Mann in flagranti erwischt hatte. Hatte der Kerl doch ernsthaft einer Frau nachgepfiffen, die sich den Bauch in den Busen hatte verschieben lassen. "Da kannste Geranien reinpflanzen." Versuch zwei und drei seien ebenfalls gescheitert, beim vierten habe sie sich wieder auf die Buttercreme-Tauferinnerung besonnen. Nach dem Besuch im Café habe sie eine Kirche besucht, eine evangelische, "aber die war auch mal unser". Dort habe sie das goldene Wunder von Dortmund entdeckt, und einen Stuhlkreis "mit gestalteter Mitte." "Und dann sehe ich mit einem Mal Papst Franziskus, der mit Hilde Hälmchen Tango tanzt."

"Erna", die sich als Fan des lieben Gottes und freundliche Kritikerin des Bodenpersonals outet, mixt munter Kirchen-Insiderwissen mit Kalauern und Klugscheißereien. Das Ergebnis ist ein kurzweiliger Abend mit viel Humor und manchem zum Nachdenken. Dafür erntet sie viel Applaus.

©Richter

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