Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Verbrechen, Einheit und Aufarbeitung

Symposium zu DDR-Unrecht und Stasi-Opfern Verbrechen, Einheit und Aufarbeitung

Über die Aufarbeitung des Unrechts in der DDR haben am Donnerstag Fachleute und Politiker bei einem Symposium in Teistungen diskutiert. Im Vordergrund stand die Frage, wie relevant die Aufarbeitung heute noch sei - und wie dies der jüngeren Generation zuvermitteln sei.

Voriger Artikel
71-Jähriger begeht Fahrerflucht
Nächster Artikel
Jagdscheinanwärter im Rattbachtal

Moderator Hans-Heinrich Obuch (l.) interviewt Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

Quelle: Oliver Thiele

Teistungen. „Nur wenn wir erklären, wie die Diktatur funktioniert hat, können wir über Ungerechtigkeit in der Demokratie reden“, erklärte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (Stasi), gleich zu Beginn des Symposiums. Es folgte ein leidenschaftliches Plädoyer für seine Behörde „als Symbol der friedlichen Revolution“ und die Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen „als Akt, um Opfern ein Stück ihrer gestohlenen Selbstbestimmung zurückzugeben.“ Denn über das Unrecht in der ehemaligen DDR waren sich alle Anwesenden einig. Auf den Punkt brachte es Holger Mahnke, Staatssekretär im niedersächsischen Innenministerium: „Die Grenze riss Familien auseinander, zerstörte Biografien, nahm Menschen die Freiheit und kostete vielen ihre Gesundheit, im schlimmsten Fall das Leben.“

Ging es nach den anwesenden Fachleuten, ist es bei der Aufarbeitung und Dokumentation der SED-Diktatur nicht zum besten bestellt. „Welche Strukturen können das dauerhaft sichern?“, fragte Jahn und schlug die Einrichtung von Dokumentationsstellen in den einzelnen Bundesländern vor. Dass sich, wie mehrere Referenten feststellten, aber überwiegend ältere Bürger für die DDR-Aufarbeitung interessieren, sahen die Fachleute als Herausforderung. „Gedenkstätten sind doch begehbare Geschichtsbücher“, schlug Silke Lesemann (SPD), Mitglied der niedersächsischen Enquete-Kommission zu Aufarbeitung der hiesigen Stasi-Machenschaften, vor. Sie wünschte sich außerdem eine Verankerung des Themas in Lehrplänen an Schulen und in der Lehrerausbildung.

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, warnte aber davor, „die Resilienz“ junger Menschen nicht zu unterschätzen. „Die müssen sich von sich aus interessieren“, sagte sie und empfahl den direkten Austausch mit Zeitzeugen und das filmische Aufgreifen der entsprechenden Themen.

Bei aller Konzentration auf die Geschädigten betonte Hans-Jürgen Grasemann, ehemals Sprecher der zentralen Erfassungsstelle für Stasi-Verbrechen in Salzgitter, noch eine andere Ebene, die ihm zufolge hervorgehoben werden sollte: „Die Einheit haben wir auch den Menschen in der DDR zu verdanken.“

 

Die Stasi in Niedersachsen

Einer der Schwerpunkte des Symposiums in Teistungen hat die Rolle der DDR-Staatssicherheit (Stasi) in Niedersachsen gebildet. Den Referenten zufolge waren hier zeitweise ganze Sicherheitsbehörden unterwandert.

Recherchen des Norddeutschen Rundfunks gaben Anfang 2015 den Anstoß zur Gründung einer Enquete-Kommission mit dem Auftrag der Aufarbeitung der Stasi-Machenschaften in Niedersachsen gaben. „Ein brisantes und nicht umfassend aufgearbeitetes Thema“, findet die Leiterin der Enquete-Kommission, Silke Lesemann (SPD), noch heute.

Denn Niedersachsen war NDR-Redakteur Stefan Schölermann zufolge wegen der langen Grenze ein „Transitland für Stasispione“. Das sollte zwar eigentlich der Verfassungsschutz unterbinden – der war aber von mehreren Agenten infiltriert, wie Schölermann und seine Kollegin Angelika Henkel herausfanden. „Die Stasi wusste meistens schon, wo Agenten besser nicht einreisen sollten“, stellt Henkel fest.

Auch abseits von Spionage und Gegen-Spionage hatte die Stasi den beiden zufolge ein dichtes Netz in Niedersachsen aufgebaut. Weil Agenten beispielsweise Lager für DDR-Flüchtlinge unterwandert hatten, seien Menschen ins Gefängnis gekommen, schildert Henkel. Wie umfassend die Stasi in Niedersachsen aktiv war, klärt die Enquete-Kommission derzeit auf. Lesemann berichtet von Industriespionage, der Bespitzelung studentischer Aktivitäten und anderem – „das dichte Netz an Agenten konnte das Ende der DDR auch nicht aufhalten.“

„Normale Reaktion“

Auch um die Situation der der SED- und Stasiopfer ging es bei dem Symposium im Grenzlandmuseum. Auch wenn deren Leid lange zurückliegt, sehen Experten Handlungsbedarf.
Gefängnisse, Jugendheime, Werkshöfe und andere Einrichtungen haben ihre Spuren bei den früheren Insassen hinterlassen: Julia Schellong, Psychologin aus Dresden, geht davon aus, dass zwischen 30 und 50 Prozent der früheren Insassen unter posttraumatischen Störungen leiden. Mit den Spätfolgen ist sie noch heute konfrontiert, trifft Patienten „mit schwersten psychischen Störungen“ bis hin zu Anfällen und dissoziativen Störungen.

Sie greift eigenen Angaben zufolge dann auf die Trauma-Medizin zurück, versucht unter anderem zu erklären „Das ist eine normale Reaktion auf ein katastrophales Ereignis“ – denn viele haben „Foltermethoden“ wie Schlafentzug, Einzelhaft, sowie üble Verhöre bis hin zu sexueller Gewalt erlebt.

Dafür besteht aber nicht bei allen Therapeuten die gebotene Sensibilität, berichtet Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt: „Man kann drei Jahre Therapie machen, ohne zu sagen, dass man in Haft war“. Sie baut deshalb derzeit ein Netzwerk aus spezialisierten Ärzten, Therapeuten und Seelsorgern auf.
Zugleich wünscht sie sich mehr Anerkennung für die Opfer: Trotz aller wissenschaftlicher Aufarbeitung habe die Politik immer noch nicht auf manche Probleme wie fehlende Rentenpunkte reagiert.

Von Christoph Höland

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Apfel- und Birnenmarkt in Duderstadt

©Richter