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Veredelung von Obstbäumen auf Gut Herbigshagen

Kernobst Veredelung von Obstbäumen auf Gut Herbigshagen

Wenn eine Obstsorte lecker schmeckt, so versucht manch ein Hobbygärtner, diese aus den Kernen selbst anzubauen. Doch das funktioniert in den seltensten Fällen. „Die Samen eines Kerngehäuses sind nicht identisch“, erläutert Gerhard Schlie im Rahmen eines Kurses der Heinz-Sielmann-Stiftung.

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Wundpflege durch Abdichten der Schnittfläche.

Quelle: Franke

Gut Herbigshagen. „Bei Äpfeln beispielsweise schmeckt uns statistisch gesehen nur einer von 100 Sämlingen.“ Die Lösung: Veredelung von Obstbäumen. Die Obstbaumveredelung sei wahrscheinlich schon um 1000 vor Christus entstanden, berichtet Schlie: „Die Römer haben die Technik von den Griechen übernommen und in Europa verbreitet.“ Dabei nutzt der Obstanbauer die Selbstheilungskräfte der Pflanze. „Einfach ausgedrückt, stellen wir einen Klon der Mutterpflanze her, indem wir einen Teil davon mit einer geeigneten Unterlage verbinden.“

Im Eichsfeld gab es zwei Hochzeiten der Obstbaum-Veredelung. Abhilfe zur hohen Sterblichkeitsrate der Menschen im Frühjahr sollte 1780/81 die Kurmainzer Verordnung zum Anbau von Nutzpflanzen bringen. „In der Folge leitete in jedem Dorf der Straßenmeister oder der Dorflehrer eine Baumschule“, sagt Schlie. Die Obstbauverordnung sei auch nach der Aufteilung zu  Hannover und Preußen erneuert worden. Die zweite große Phase folgte zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren. „Damals gab es nur zwölf anerkannte Reichssorten“, erzählt der Diplom-Ingenieur aus Silkerode. „Eine der wichtigsten in dieser Region war der Boskoop.“

Die Reiser zur Veredelung sollten frühzeitig geerntet werden. „Am besten an frostfreien Tagen im Januar“, sagt Schlie. Sie werden feucht und kühl in einer Tüte gelagert. „Wenn die Zweige in ihrem Wachstum schon zu weit fortgeschritten sind und die Blätter schon aufgehen, wenn die Stämme noch nicht zusammengewachsen sind, vertrocknet das Reis.“

Vor Beginn der Veredelung wird das passende Werkzeug benötigt. „Ein Veredelungsmesser ist nur auf einer Seite geschliffen – und zwar rasiermesserscharf“, erläutert Schlie. Das Wichtigste für den Erfolg sei der Kopulationsschnitt, ein etwa drei Zentimeter langer Schrägschnitt gegenüber einem Auge des verwendeten Reisers. „Die gerade Seite sorgt für die weiterverwendete Schnittfläche. Um das Kambium, die Wachstumsschicht unter der Rinde, nicht zu verletzen, gibt es spezielle Messer für Links- und Rechtshänder.“ 

Der eigentliche Veredelungsprozess sollte in zwei Minuten abgeschlossen sein, weil sich sonst die aufeinanderliegenden Kambien von Unterlage und Reiser nicht mehr miteinander verbinden. Es können sogar junge Bäume umveredelt werden. „Dazu ist es wichtig, dass sich die Rinde am Stamm an einer Stelle leicht und glatt vom Holz lösen lässt.“ Dahinter wird der mit dem Kopulationsschnitt behandelte Reiser gesteckt. Die Stelle mit Veredelungsgummi oder Kreppband umwickeln und die Wunde versorgen – und ein paar Jahre später können die neuen Früchte geerntet werden.

Von Rüdiger Franke

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