Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Völkersterben bei Bienen beunruhigt Imker

Große Bedeutung für Landwirtschaft Völkersterben bei Bienen beunruhigt Imker

Schlagartig waren die Bienen von Walter Werner aus Tiftlingerode im vergangenen Jahr fort. Fünf Bienenvölker – einfach verschwunden, ausgeflogen, die Kästen leer.

Voriger Artikel
Brisante Themen im Rat
Nächster Artikel
Raubtier-Dressur „einmalig in Deutschland“

Erfahrung: Seit mehr als 50 Jahren kümmert sich Wolfgang Wüstefeld um Bienen – „eine der wichtigsten Tierarten überhaupt“.

Quelle: Blank

„Wenn sie krank werden, verlassen die Tiere die Nistkästen“, erläutert Werner. Auch die herbeigerufenen Experten des Bieneninstitutes aus Celle hätten nicht erklären können, was den Insekten zum Verhängnis geworden sei. Weltweit gibt es seit Jahren immer wieder Fälle von Bienensterben – und niemand weiß genau, was die Ursachen sind. Jüngst lenkte ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen wieder die Aufmerksamkeit auf das Phänomen. In Europa ist die Population der Bienen um zehn bis 30 Prozent zurückgegangen, in den USA ebenfalls um 30, im Nahen Osten gar um 85 Prozent, hieß es dort. Auch im Untereichsfeld sind die Imker besorgt.

„Es ist nicht klar: Liegt es an der veränderten Umwelt, an Pestiziden oder der Varroamilbe?“, sagt Hobby-Imker Werner ratlos. „Eine gewisse Verunsicherung ist bei allen Imkern da.“ Derzeit ist Werner primär froh, dass seine Tiere den vergangenen Winter überstanden haben.

Die Varroamilbe setzt den Honigbienen in Europa bereits seit Ende der 1970er-Jahre zu. Sie nistet sich vor der Verpuppung bei der Bienenbrut ein, beißt sich fest, saugt dem heranwachsenden Tier Blut aus und vermehrt sich. Schlüpft die Biene dann, ist sie sehr geschwächt. Aber auch erwachsene Tiere werden „angestochen“, die Wunden sind Infektionsherde.

Dass einzelne Völker die kalte Jahreszeit nicht überstehen, ist normal, sagt Harald Haase, der Vorsitzende des Imkervereins Duderstadt. Doch in den letzten Jahren sei es zunehmend so, dass man nicht vorhersagen könne, ob der Bienentod einen Züchter trifft. „Da muss noch ein Virus sein“, vermutet Haase, der seit 1988 Imker ist. „Erschreckend“ findet er die Entwicklung. Schließlich sei die Biene gerade für die Landwirtschaft von essenzieller Bedeutung.

Nicht nur die meisten landwirtschaftlich genutzten Pflanzen werden von Bienen bestäubt. „Es geht ja auch um die ungefähr 1500 Wildpflanzen bei uns“, stellt Bienenexperte Wolfgang Wüstefeld fest. „Die Honigbiene ist für mich eine der wichtigsten Tierarten überhaupt“, äußert der 68-Jährige, der seit seiner Jugend eine enge Beziehung zu den Insekten pflegt. „Und das sage ich nicht nur, weil ich Imker bin“, hebt Wüstefeld hervor und verweist auf den Einstein-Spruch „Wenn die Biene stirbt, stirbt vier Jahre später auch der Mensch.“ Er entschärft: „Auch wenn das etwas überspitzt ist.“

Es gebe verschiedene Theorien zur Erklärung des weltweiten Problems, erläutert der Gerblingeröder. Er selbst hält eine Kombination von unbekannten Viren im Zusammenspiel mit der Varroamilbe für am wahrscheinlichsten. „Die Tiere sind geschwächt – und so versetzen ihnen die Milben häufiger den Todesstoß als früher.“

Es gibt auch noch andere Stressfaktoren für die Tiere, stellt der Göttinger Professor Teja Tscharntke heraus. Der hohe Pestizideinsatz habe einen immens schädlichen Einfluss auf die Artenvielfalt, erklärt der Forscher vom Institut für Agrarökologie. Tscharntke will auch Faktoren wie Virusinfektionen, die Vernichtung von Ressourcen oder vernachlässigte indirekte Effekte nicht als „Bienenkiller“ ausschließen. „Das Bienensterben hat nicht nur eine Ursache“, ist er sich sicher. Doch er hebt hervor: „Der ganze Komplex ist noch längst nicht geklärt.“

Für Dr. Otto Boecking vom Institut für Bienenkunde in Celle gibt es in Deutschland – zumindest für das Wintersterben – zwei Hauptverursacher: „Die Milbe ist unser Hauptproblem.“ Dazu kämen veraltete Methoden bei manchen Züchtern. Der Wissenschaftler der Einrichtung, die dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit untersteht, ist jedoch „überzeugt, dass man sich schützen kann.“ Er arbeitet an einem Forschungsprojekt, das Imkern Rezepte für Aufzuchtabläufe geben soll. „Ganz, als ob man eine Pizza backt.“ Mit der Umsetzung dieser Module würde der neueste Kenntnisstand Anwendung finden. Und gerade das sei außerordentlich wichtig, so Boecking. „Das Wissen ist vorhanden, es muss nur in die Fläche hinein.“ So könnten Fehler bei der Haltung minimiert werden, beispielsweise bei der Anwendung der Ameisensäure gegen die Varroose.

Man müsse die Milbe eindämmen, aber akzeptieren – denn ausrotten könne man sie nicht. Der Erfolg der Pizza-Methode lässt sich mit harten Zahlen untermauern, so Boecking. Von den 381 Völkern, die im Rahmen des Projektes „eingewintert haben“ und entsprechend der neu erarbeiteten Betriebsweise geführt wurden, hätten 99,2 Prozent überlebt. Diese Methode sei für den hiesigen Raum also sehr erfolgversprechend.

Dem globalen Mysterium Bienentod tritt er skeptisch gegenüber. „Die Situation in anderen Ländern wie beispielsweise den USA lässt sich nicht mit Deutschland vergleichen“, betont der Forscher. Dort sei es Usus, dass Imker „zigtausende“ Bienenvölker hätten, Zustände also, die mit der industriellen Tierhaltung vergleichbar seien. „Und das führt zu Problemen, wie wir sie ja aus anderen Bereichen der Massentierhaltung kennen.“

Der Gerblingeröder Wüstefeld betont: „Wir imkern bienengerecht – so gut es geht.“ Eine Abhilfe gibt es also für die Bienenfreunde im Untereichsfeld nicht – doch zumindest erste Rezepte für neue Standards bei Aufzucht und Haltung.

Von Erik Westermann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Honigbienen überschätzt

Etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird von Bestäubung beeinflusst – und herrscht ein Mangel an Bestäubern, fallen die Ernten oft sehr gering aus. Eine weltweite Studie mit Beteiligung der Universität Göttingen hat gezeigt, dass Pflanzen besonders viele Früchte und Samen hervorbringen, wenn möglichst viele unterschiedliche Arten frei lebender Bestäuber vorhanden sind.

mehr
Feuerwehrübung in Krebeck

©Richter