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Von Zeitgeschichte zum Kriminalfall

Eichsfelder Krimiwoche: Claudia Nachtwey liest aus "Grenzgänger" Von Zeitgeschichte zum Kriminalfall

Bevor die Eichsfelder Journalistin und Autorin Claudia Nachtwey im Grenzlandlandmuseum Eichsfeld aus ihrer Kurzgeschichte „Grenzgänger“ las, gab es ein Zeitzeugengespräch mit Karl-Heinz Rothensee, dessen Fluchtversuch scheiterte, und der Nachtweys Geschichte prägte.

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Von links: Ben Thustek, pädagogischer Leiter des grenzlandmuseums, Claudia Nachtwey, die Autorin und Karl-Heinz Rothensee, der Zeitzeuge.

Teistungen. Bei der Veranstaltung der ersten Eichsfelder Krimiwoche erzählte der 1944 geborene Rothensee, wie er versucht hatte, von Breme nach Fuhrbach, wo damals die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik entlangging, zu fliehen. „Es war an Rosenmontag eine ganz spontane Idee“, sagt er, sieben junge Männer seien sie gewesen – er selbst mit 18 Jahren der jüngste. Was folgte, waren neun Monate Untersuchungshaft in Erfurt, weitere zweieinhalb Jahre Haft. „Sie haben mich als Bandenführer gesehen, ich habe mit einem anderen zusammen die höchste Strafe bekommen“, so Rothensee.

Auch in Nachtweys Kriminalgeschichte – spielend an einem trüben, szenisch gut beschriebenen Herbsttag – kommt ein Mann in die Gaststätte Schöne Aussicht am Pferdeberg. Nach zwei Schnäpsen und verschiedenen Andeutungen („Wir kennen uns“) fragt er den Wirt, ob dieser sich an den 18. Februar 1985, einen Rosenmontag, erinnere.

Von „himmlischer Gerechtigkeit“ spricht der Gast – wie auch Rothensee, Nachtwey und Ben Thustek, der pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums, der das Gespräch moderierte, über Gerechtigkeitssinn – und wie dieser, wenn unerfüllt, in den Wahnsinn treiben könne. Genau das ist der Fall in „Grenzgänger“, der Kurzgeschichte, die Teil der Eichsfeld-Krimianthologie „Mörderisches Buffet“ ist. Denn wie sich herausstellt, hat der Gast, der „Grenzgänger“, bei einem Fluchtversuch seine schwangere Frau verloren – durch einen Schuss des Wirtes, der damals Grenzsoldat war.

Reales Zeitgeschehen, das Nachtwey nicht nur im Gespräch mit Rothensee, sondern auch mit anderen Zeitzeugen zusammengetragen hat, fließt hier zusammen mit Fiktion. Und während Rothensee die Zeit „irgendwie überstanden“ hat, mittlerweile Familie hat, will der Grenzgänger „Gott helfen, seinen Job zu machen“. Eine gruselig-gute Lesung.

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©Richter