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„Vor 20 Jahren war die Belastung deutlich höher“

Tageblatt-Interview „Vor 20 Jahren war die Belastung deutlich höher“

Noch viele Höfe in Niedersachsen gesperrt, noch ist der Skandal um dioxinverseuchtes Tierfutter nicht ausgestanden. Von Amts wegen für Lebensmittelsicherheit zuständig ist das Bundesinstitut für Risikobewertung.

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Dioxin: Selbst im Verzehr des Schweinefleischs mit der höchsten gemessenen Belastung sieht das Bundesinstitut keine Gefahr.

Quelle: MW

Dessen Präsident Andreas Hensel spricht am Mittwoch, 9. Februar, beim Landvolktag in Gieboldehausen. Worüber? Das hat ihn Ulrich Lottmann gefragt.

Wir sind mitten im Dioxin-Skandal, Betroffenheit und Aufregung sind in Niedersachsen groß. Wie ist Ihre Sicht: Nur ein Vorfall unter vielen?
Es ist ein Skandal, dass Futtermittel mit erhöhten Dioxingehalten vertrieben und verfüttert wurden. Nicht verkehrsfähige Ware darf nicht in den Handel gelangen. Es muss aber zwischen der rechtlichen Situation und dem tatsächlichen Risiko der Bevölkerung unterschieden werden.

Stehen öffentliche Aufregung und tatsächliche Gesundheitsgefährdung in Relation?
Die derzeit ermittelten Dioxingehalte liegen bei einigen Proben über den in der EU festgelegten Höchstgehalten. Eine Überschreitung der Höchstgehalte bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass dies zu gesundheitlichen Folgen für die Verbraucher führt. Eier zum Beispiel dürfen nicht mehr als drei Picogramm Dioxin pro Gramm Fett enthalten; der gleiche Wert gilt für Milchprodukte. Für Geflügelfleisch liegt der Höchstgehalt bei zwei Picogramm Dioxin pro Gramm Fett. Ein Picogramm entspricht dem billionsten Teil eines Gramms. Um diese Mengen nachzuweisen, brauchen wir sehr sensible analytische Meßmethoden. Die Eiprobe mit dem höchsten Dioxingehalt im aktuellen Fall enthielt zwölf Picogramm Dioxin pro Gramm Fett, der erlaubte Wert wurde also um das Vierfache überschritten. Die entscheidende Frage ist, ob diese Lebensmittel die Dioxin-Belastung im Körperfett nennenswert steigern und damit ein Gesundheitsrisiko darstellen. Die langfristige Aufnahme kleiner Dioxin-Mengen über die Nahrung ist für uns alle wegen der allgemeinen Verbreitung dieser Verbindungen in der Umwelt unvermeidbar. Da Dioxine im Körper schlecht abgebaut werden können, kommt es im Lauf des Lebens zu steigenden Konzentrationen im Körperfett. Wir haben ein Beispiel berechnet: Angenommen ein junger Erwachsener isst einen Monat lang täglich zwei belastete Eier mit jeweils zehn Picogramm Dioxin pro Gramm Fett. Das entspräche einer deutlich höheren Belastung als normalerweise im Ei. Die Konzentration im Körperfett eines jungen Erwachsenen würde dann von zehn auf zirka 10,24 Picogramm pro Gramm Körperfett ansteigen. Es hätte also nur geringe Auswirkungen auf die bereits bestehenden Konzentrationen von Dioxinen im Körperfett. Erst wesentlich höhere Gehalte in den Eiern beziehungsweise in anderen tierischen Lebensmitteln und wesentlich längere Verzehrs-Zeiträume könnten zu deutlich höheren Konzentrationen im Körperfett führen. Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand ist dies jedoch auszuschließen. Das BfR kommt zu dem Schluss, dass selbst wenn Eier oder Schweinefleisch mit Gehalten im Bereich der höchsten gemessenen Werte aus den aktuellen Verdachtsproben über einen längeren Zeitraum verzehrt wurden, weder eine unmittelbare noch eine langfristige gesundheitliche Beeinträchtigung für die Verbraucher zu erwarten ist. Trotzdem müssen die Höchstwerte in Eiern oder anderen Nahrungsmitteln eingehalten werden. Vor 20 Jahren war die allgemeine Belastung mit Dioxinen deutlich höher. Dem BfR liegen aus den Bundesländern Daten zu den Dioxingehalten in Frauenmilch für den Zeitraum 1985 bis 2009 vor. Die aktuellen Auswertungen des BfR belegen, dass Frauenmilchproben 2009 im Mittel ungefähr 80 Prozent weniger Dioxine enthielten als noch in den Jahren 1985 bis 1990.

Sie sprechen am 9. Februar auf dem Landvolktag. Wird Ihr Vortrag vor Landwirten ein anderer sein, als Sie ihn vor Verbrauchern halten würden?
Mein Vortrag wäre in beiden Fällen der Gleiche. Das BfR wurde im November 2002 errichtet, um den gesundheitlichen Verbraucherschutz zu stärken. Wir haben den gesetzlichen Auftrag, die Öffentlichkeit über mögliche, identifizierte und bewertete Risiken zu informieren, die Lebensmittel, Stoffe und Produkte für den Verbraucher bergen können. Das gilt sowohl für Landwirte als auch für Verbraucher. Das BfR ist die wissenschaftliche Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland, die Gutachten und Stellungnahmen zu Fragen der Lebens- und Futtermittelsicherheit sowie zur Sicherheit von Stoffen und Produkten erarbeitet. Wir nehmen eine zentrale Aufgabe bei der Verbesserung des Verbraucherschutzes und der Lebensmittelsicherheit wahr. ,Risiken erkennen – Gesundheit schützen‘, so hat das Bundesinstitut für Risikobewertung seine Arbeit für den gesundheitlichen Verbraucherschutz überschrieben.

Werden Sie das am Beispiel des aktuellen Skandals verdeutlichen?
Dem Thema Lebensmittelsicherheit wird generell, auch in Zukunft eine hohe Aufmerksamkeit gezollt werden müssen. Die Bewertung von Lebensmitteln ist eine zentrale Aufgabe im gesundheitlichen Verbraucherschutz. Das BfR betreibt beispielsweise aktiv Forschung auf dem Gebiet der Lebensmittelsicherheit und führt Carry-over-Versuche zu aktuellen Fragestellungen durch. Dabei werden die verschiedenen Produktionsstufen der Herstellungs- und Vertriebskette, gemäß dem „farm to fork“-Prinzip, berücksichtigt. Ziel ist es, Zusammenhänge zu erkennen, um konkrete Strategien für den Verbraucherschutz zu entwickeln. Dies sind wesentliche Grundlagen für eine sichere Beurteilung von Lebensmittelinhaltsstoffen und damit der Lebensmittelsicherheit.

Der Landvolktag des Landvolks Göttingen beginnt am 9. Februar, 10 Uhr, im Niedersachsenhof, Gieboldehausen.

  Bundesinstitut
  Mit 600 Mitarbeitern an drei Standorten in Berlin arbeitet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) an wissenschaftlichen Themen rund um den Verbraucherschutz. Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel leitet das Institut. In seinen Bewertungen ist es nach eigener Aussage frei von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen.
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