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Vor 70 Jahren bewahrte Roman Link Duderstadt vor einem Blutbad

Bis zum letzten Mann Vor 70 Jahren bewahrte Roman Link Duderstadt vor einem Blutbad

Frühjahr 1945: Die Welt war endgültig aus den Fugen geraten. Der Krieg hatte auch im Eichsfeld jeden Winkel und jedes Kellerloch erreicht. Die Angst gehörte zum Alltag – vor Bombenangriffen, vor anrückenden Truppen der Alliierten, vor Rache und Vergewaltigung, vor Verlust und Tod.

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Amerikaner mit Sherman-Panzern in Duderstadt.

Quelle: Hövener/ Mecke

Eichsfeld. In Duderstadt waren Anfang 1945 etwa 8000 Flüchtlinge, 3200 Evakuierte und 1000 ausländische Kriegsgefangene bei 7000 Einheimischen untergebracht.

Wohnraum und Lebensmittel wurden knapp. Täglich flogen Bombergeschwader über die Stadt, die Front rückte näher. Dennoch forderte Gauleiter Hartmann Lauterbacher, Duderstadt bis zum letzten Mann zu verteidigen. „Lieber tot als Sklave“ lautete seine Parole noch in der letzten Ausgabe der Südhannoverschen Zeitung am 7. April 1945. Nach diesem Aufruf sollte es jedoch nur zwei Tage dauern, bis die amerikanischen Panzer durch das Westertor ratterten.

Am Morgen des 9. April stand Major Roman Link am Fenster seines Büros im Duderstädter Amtsgericht und hörte die Schüsse der Maschinengewehre aus Richtung Westerode. „Ich wusste, dass nun die amerikanischen Truppen vor den Eingängen der Stadt waren“, beschreibt er in seiner handgeschriebenen Chronik „Meine Militärzeit“ die Ereignisse jener Tage.

Mit einigen Offizieren verließ Link als Letzter das Amtsgericht Richtung Unterkirche. Die Straßen waren gespenstisch ruhig. Die Menschen hatten sich in Kellern versteckt oder in ihren Wohnungen verschanzt. Einige hatten weiße Tücher aus den Fenstern gehängt.

Als einzigen Soldaten traf Major Link den Stadtkommandanten, Oberstabsarzt Dr. August Otto, vor der Unterkirche. „Herr Doktor, ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass die Stadt vollkommen frei von deutschen Truppen ist. So ist es also doch gelungen, Duderstadt vor Kampfhandlungen und Sprengungen zu bewahren“, rief er dem Arzt zu.

Seine Erleichterung war gerechtfertigt. Ein sorgfältig vorbereiteter und gefährlicher Plan schien geglückt zu sein. Eigentlich sollte Roman Link Anfang April ein Regiment in Potsdam übernehmen. Seine Fahrt an die Ostfront durfte er für drei Tage unterbrechen, um seine Frau Charlotte und die beiden Söhne Siegfried und Wolfgang in Duderstadt zu besuchen. Die Familie aus dem  ostpreußischen Allenstein war hier bei Verwandten untergekommen.

Doch am zweiten Tag seines Urlaubs wurde der Wehrmachts-Major als Rangältester kurzerhand vom Stadtkommandanten Otto als Kampfkommandant von Duderstadt eingesetzt.

Evakuierung und Sprengung

„Mein Vater hat sofort gewusst, was das bedeutete“, sagt sein Sohn Siegfried Link (80), der heute in Hildesheim lebt. Die Wehrmachtsführung wollte mit der Verteidigung Duderstadts ein Vorfeld für den Harz bilden und die Amerikaner aufhalten. Die Befehle für den Kampfkommandanten waren klar formuliert: Panzervernichtungstrupps sollten die Amerikaner in den Häusern am Stadtrand mit 1000-Kilo-Fliegerbomben empfangen, die Zivilbevölkerung sollte evakuiert werden.

Zurückziehende deutsche Truppen sollten zur Stadtverteidigung eingesetzt und sämtliche Zufahrtstraßen, das Poltewerk und die Bahnanlagen gesprengt werden. Waffen und Munition sollten aus Göttingen geholt werden, um den Volkssturm zu bewaffnen. Die drei ältesten Jahrgänge der Hitlerjugend sollten als Angehörige der Kampfeinheit „Wehrwolf“ in den Harz abkommandiert werden, und ein Standgericht unter Links Vorsitz sollte aufsässige Zivilisten und befehlsverweigernde Soldaten an die Wand stellen.

Dem Major war klar, dass diese Maßnahmen zahlreiche zivile Opfer kosten würden. Doch würde er sich gegen diese Anordnungen stellen, wäre das sein eigenes Todesurteil. Dennoch entschloss er sich, seinen Militäreid zu brechen. „Mein Vater war streng gläubiger Katholik und stand den Nazis schon lange äußerst kritisch gegenüber“, erklärt Siegfried Link. Der Plan des Majors war, mit der kampflosen Übergabe der Stadt die Opferzahl möglichst gering zu halten.

Aber er durfte weder bei Amtsinhabern noch bei der Zivilbevölkerung Verdacht erregen, da es auch im Eichsfeld einige treue Anhänger der NSDAP gab. „Das war eine schwierige Situation. Mein Vater war erst wenige Tage in Duderstadt, kannte eigentlich niemanden und wusste nicht, wem er vertrauen konnte. Aber er besaß eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und großes Geschick“, erzählt Siegfried Link.

Einen Verbündeten fand der Major in Kreisoberinspektor Paulmann, nachdem dieser ihm gegenüber vorsichtige Zweifel am Gelingen der Stadtverteidigung geäußert hatte. „Nachdem ich den Eindruck gewonnen hatte, dass Paulmann völlig gegen die Absichten der Parteileitung der NSDAP arbeitete, entwickelte sich zwischen ihm und mir schnell ein gutes Vertrauensverhältnis“, berichtete Roman Link. Er informierte den Kreisoberinspektor über sein Vorhaben, den Amerikanern Duderstadt ohne Kampfhandlungen zu überlassen. Paulmann unterstützte Link und vermittelte geschickt zwischen ihm, dem Bürgermeister und dem Landrat.

Diplomatisches Geschick rettet Jugend

Der Major versetzte die Panzervernichtungstrupps zum Hübental und nach Breitenberg, wo sie keinen größeren Schaden anrichten konnten, und ignorierte den Befehl zur Evakuierung. Die zurückziehenden deutschen Truppen wurden eilig durch die Stadt geschleust, statt sie zur Verteidigung einzusetzen. Es wurden weder Waffen aus Göttingen abgeholt, noch Sprengungen vorgenommen. Mit diplomatischem Geschick verhinderte der Major zudem den Abtransport der Hitlerjugend.

Brenzlig wurde es, als ein SS-Offizier zur Kontrolle des Standgerichts eintraf. Link beteuerte, dass es zu dieser Maßnahme noch keine Veranlassung gegeben habe, was der SS-Mann jedoch nicht glauben wollte. „Rücksichtslos durchgreifen, wenn es nötig ist! Wenn einige dieser Brut erst am Rathaus hängen, läuft der Laden wieder“, zitiert Link in seiner Chronik den Offizier, der sich schließlich „mit Groll und Androhung“ verabschiedet habe.

Links Plan ging auf: Als am 9. April die Truppen der Amerikaner eintrafen, gab es keinerlei Widerstand. Die Stadt blieb nahezu unzerstört. „Gegen 11.30 Uhr konnte man am Rathaus das Rasseln der Panzer aus Richtung Westertor vernehmen. Ich stand in der Rathauslaube, als der erste Panzer von der Spiegelbrücke her in die Marktstraße einbog.

Eine Maschinengewehrsalve schlug gegen die Bogenpfeiler“, beschreibt der damalige Bürgermeister Andreas Dornieden den Einmarsch in seinen Aufzeichnungen. Von anderen Augenzeugen wird berichtet, dass es zwei Tote gegeben habe: Eine polnische Zwangsarbeiterin, die winkend auf die Befreier zulief, und ein schwerhöriger Greis, der auf Zurufe nicht reagierte, sind missverständlich von den Amerikanern erschossen worden. Dass es jedoch kein Blutbad in Duderstadt gegeben habe, sei einzig dem besonnenen Handeln des Majors zu verdanken, schreibt Egon Kreißl in den Eichsfelder Heimatstimmen im Jahr 1991.

Als Kampfkommandant wollte Link mit einigen Stabsoffizieren auf der Marktstraße die Stadt offiziell übergeben. Doch die Panzerbesatzung erkannte Uniformierte und schoss auf die Gruppe. Major Link wurde dabei durch einen Querschläger am Bein verletzt und zog sich mit den Offizieren seines Stabes durch die Börsengasse Richtung Harz zurück.

Der Trupp kam bis nach Bad Lauterberg, wo Link im Lazarett behandelt wurde. Als die Amerikaner am 15. April die Stadt im Harz eroberten, kam er in Kriegsgefangenschaft, wurde aber schon nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai entlassen.

Er kehrte zu seiner Familie nach Duderstadt zurück. Vor dem Krieg war Roman Link Rektor an der Eichendorffschule in Allenstein gewesen. „Für meinen Vater war der Lehrerberuf gleichermaßen Berufung. Er wollte wieder unterrichten“, erklärt Siegfried Link, der den Großteil seiner Kindheit bis zu seinem 19. Lebensjahr im Eichsfeld verbracht hatte.

Zunächst konnte Roman Link an der katholischen Knabenschule in Duderstadt eine Anstellung finden, dann leitete er die Volksschule in Tiftlingerode, und schließlich wurde er Rektor in Lindau. Im Oktober 1977 starb Roman Link im Alter von 77 Jahren in Hildesheim.

Kriegsende im Eichsfeld
► 7. Januar – Erste Geländeübung des Ende 1944 gegründeten Volkssturms, bestehend aus Veteranen, Greisen und Hitlerjungen (alle Männer zwischen 14 und 65 Jahren). Nach zwei weiteren Übungen im Leeren und in der Tongrube mit Vorführung der Panzerfaust wurde Ende Januar die erste Duderstädter Volkssturm-Truppe zum Heeresdienst eingezogen.
► 19. Februar – Die Lage wird kritischer. Tiefflieger gehören nun zum täglichen Bild. Ein Zug wird auf der Strecke Duderstadt-Wulften bei Rollshausen bombardiert, Zugführer und Heizer werden verwundet. Fünf Tage später sterben zwei Menschen bei einem erneuten Fliegerangriff.
► 7. März – Ein langer „Elendszug“ von Kriegsgefangenen (Engländer und Franzosen) kommt über Gerblingerode nach Duderstadt und wird in der Ziegelei Bernhard untergebracht.
► 24. März – Acht deutsche Jagdflieger, die zur Westfront geschickt wurden, werden über dem Eichsfeld und bei Göttingen abgeschossen.
► 1. April – Der Reserveoffizier Major Roman Link wird in Duderstadt zum Kampfkommandanten ernannt.
► 6. April – Die Amerikaner haben die Weser bei Höxter überschritten. Zurückflutende deutsche Heeresverbände ziehen nachts durch Duderstadt Richtung Harz. Im Norden stehen die Amerikaner 20 Kilometer vor Hannover.
► 7. April – In der letzten Ausgabe des Parteiblattes Südhannoversche Zeitung ruft Gauleiter Hartmann Lauterbacher das Volk zum Widerstand „bis zum letzten Mann“ auf.
► 9. April – Die Amerikaner erreichen morgens Ebergötzen und Seulingen, ziehen gegen 11 Uhr von Werxhausen nach Westerode. Um 11.30 Uhr fährt der erste Panzer der Siegermächte durch das Duderstädter Westertor. Die Militärregierung wird eingesetzt.
► 11. April – Die Besatzungsmacht setzt den Duderstädter Bürgermeister Andreas Dornieden ab. Die NSDAP wird aufgelöst.
► 8. Mai – Deutschland kapituliert. Der Krieg ist offiziell beendet.

Von Claudia Nachtwey

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Amerikanischer Panzer am Westertor in Duderstadt, 9. April 1945.

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