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Wasser aus Weltkulturerbe wandert bis ins Eichsfeld

Wasser aus Weltkulturerbe wandert bis ins Eichsfeld

Bis ins Eichsfeld hinein reichen die versorgenden Arme der Harzer Flussläufe und Teiche, die zum Wasserregal gehören. Oder, Sieber und Beber fließen aus der skitouristisch beliebten Bergwaldregion in Richtung Südwesten und verlieren auf diesem Weg Teile ihres wertvollen Gutes an das poröse Karstgestein.

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Teich im Oberharz: Mit einem so genannten Striegelhaus wurde die Wasserversorgung der Bergwerke, Pochwerke und Hütten geregelt.

Quelle: Steffen

Unterirdisch bewegt sich das Wasser weiter fort bis es dann mit Macht wieder auftaucht: In der Rhumequelle kommt das weit gewanderte Lebenselixier, das die Wasserversorgung von rund 15 000 Einwohnern der Region sicherstellt, wieder zutage. Das großräumig vernetzte, reiche Wasservorkommen aus dem südniedersächsischen Mittelgebirgsgebiet ist inzwischen zum Weltkulturerbe ernannt worden.

Erklärtes Ziel der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) ist es, das Erbe der Vergangenheit den künftigen Generationen weiterzugeben. Die kulturellen und biologischen Vermächtnisse der Welt werden von dieser internationalen Institution als unersetzliche Quellen des Lebens und der Inspiration unter Schutz gestellt. Zu den 911 Weltkulturerbe-Stätten zählen unter anderem die ägyptischen Pyramiden von Gizeh, das Great Barrier Reef in Australien, die Ostafrikanische Serengeti und die lateinamerikanischen Barock-Kathedralen. Seit dem 1. August gehört die Oberharzer Wasserwirtschaft zu den 33 deutschen Schutzgebieten.

In der brasilianischen Hauptstadt Brasilia hat das Welterbekomitee entschieden, das „Upper Harz Water Management System“ zu dem bereits auf der Liste stehenden Kulturerbekomplex von Erzbergwerk Rammelsberg und historischer Altstadt Goslar hinzuzufügen. „Die positive Entscheidung der Unesco ist ein Riesenerfolg für Niedersachsen als Antragsteller. Die Aufnahme des größten montanen Wasserwirtschaftssystems der Welt, ist eine berechtigte Auszeichnung für dieses Meisterwerk menschlicher Schöpfungskraft“, kommentierte Niedersachsens Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) die Entscheidung des 21-köpfigen Gremiums.

Was heute Wanderern wie eine ruhige und romantische Seen- und Teichlandschaft mit historischen Bauwerken am Wegesrand erscheint, ist mit Abstand das bedeutendste vorindustrielle Energieversorgungssystem weltweit. Die ersten Nutzer dieser außergewöhnlichen Konstruktion waren die Zisterziensermönche des Klosters Walkenried, das schon im frühen 13. Jahrhundert eine der reichsten Abteien Europas darstellte. Bereits im frühen Mittelalter besaßen die Mönche ein kleines, aber voll funktionsfähiges und mit allen wichtigen Elementen ausgestattetes Wasserleitsystem. Schritt für Schritt wurde diese Struktur bis zum 19. Jahrhundert weiterentwickelt. Künstliche Teiche, schmale Tunnel, Kanäle und Untergrundschächte greifen noch heute in dem hochgradig komplexen, aber perfekt abgestimmten System ineinander. Die Anlage ermöglichte frühe Fortschritte bei der Nutzung von Wasserkraft in den Bereichen Bergbau und Hüttenindustrie. Mit diesen Merkmalen konnte die Wasserwirtschaft mehr als eine von den sechs Kultur-Kriterien der Unesco-Richtlinien erfüllen. Das Signum eines außergewöhnlichen universellen Wertes treffe, laut Weltkulturerbe-Komitee, auf die Harzer Anlage hundertprozentig zu.

Der vom Land Niedersachsen beauftragte Unesco-Antragsteller, Reinhard Roseneck, ordnete das jüngste deutsche Erbe in die Reihe seiner internationalen Geschwister ein: „Meine Aufgabe war es, die Bedeutung der Wasserwirtschaft deutlich zu machen und einen Bezug zu den bereits geschützten Erbestätten in der Welt herzustellen. Dafür habe ich die Anlage mit den Systemen alter Hochkulturen, beispielsweise die der Inkas, oder dem römischen Aquädukt Pont du Gard in Frankreich verglichen.“

Fachleute aus der ganzen Welt begutachteten beim Prozess einer sogenannten „desk revue“ (Schreibtisch-Schau), die Initiative. Antragsautor Roseneck vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege empfing einen Abgesandten des Welterbe-Komitees vor Ort, um diesen von der Eignung der Anlage zu überzeugen. „Erfolgreich“, wie sich Roseneck erinnert.

Die Bestandsaufnahme des Oberharzer Wassersystems beinhaltet die vielfältigsten Elemente, Bauwerke und Bestandteile des 25 Quadratkilometer umfassenden Areals. Neben den Gräben, Kanälen und Teichen gehören auch Wassernutzungseinrichtungen wie Bergwerke in das geschützte Gebiet. Eine der drei aus dem 19. Jahrhundert erhaltenen Schachtanlagen ist die Grube Samson in St. Andreasberg. Über 460 Jahre lang wurden dort Silber- und Metallerze abgebaut. Hier befindet sich auch die älteste erhaltene Fahrkunst der Welt. „Künste“ nannte der Bergmann Wasserräder und die von ihnen angetriebenen Maschinen, welche für den Bergbau verwendet wurden. Das dortige Wasserrad mit einem Durchmesser von zwölf Metern ist noch heute einsatzfähig und verdeutlicht das Funktionsprinzip der Anlage.

Roseneck verspricht sich viel vom Kulturerbe-Titel: „Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist ein wunderbares aber gleichzeitig unbekanntes Denkmal. Es einer weltweiten Öffentlichkeit zu erschließen ist jetzt Auftrag der Unesco. Mit dem höchsten kulturellen Gütesiegel weltweit wird dem ganzen Harz eine neue Attraktivität verliehen.
Eine große Rolle beim Erhalt der Anlage haben auch die Harzwasserwerke gespielt. 1996 übernahmen sie die Betreuungsarbeit im Wasserwirtschaftskomplex, der bis dato noch Anstalt öffentlichen Rechts war. Kosten von bis zu 1,5 Millionen Euro verursachte die Wartung und Instandhaltung des Wasserregals bisher pro Jahr. Ein nennenswerter Gegenwert entstehe für die GmbH in Form eines positiven Images, so Wasserwerkssprecher Renke Droste,. „Zum anderen sind die Talsperren im Unterharz immer noch wichtig für die heutige Trinkwasserproduktion. Ein Teil des Trinkwassers, das wir bereitstellen, kommt immer noch aus dem Wasserregal“, so Droste. Man diskutiere überdies auch regenerative Betreibungs- und Nutzungsmöglichkeiten der Anlagen.

Auch in Zukunft bleibt die Wasserwirtschaft Eigentum der Harzwasserwerke. Die Kräfte der einzelnen Wasserregal-Museen aber werden unter dem Dach einer neuen Stiftung gebündelt, die mit der GmbH neue Pläne entwickeln will. Droste: „Die Arbeit der nächsten Zeit wird es sein, gemeinsam zu überlegen, wie das Gesamtsystem kulturhistorisch und kulturtouristisch vermarktet werden kann.“

  Wasserregal
  Ursprünglich bestand das Oberharzer Wasserregal aus 149 Teichen inklusive Staudämmen. Dazu gehörten 500 Kilometer Gräben, 18 Kilometer hölzerne Rinnen, 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe und 100 Kilometer Stollen. Heute sind noch ungefähr 107 Teiche, 70 Kilometer Gräben und 20 Kilometer Wasserläufe intakt. Der Begriff „Regal“ bedeutet etwas anderes als zu vermuten wäre: Er bezeichnete damals ein königliches Nutzungsrecht. Der Landesherr hatte mit dem Wasserregal die Erlaubnis, das zu Verfügung stehende Wasser zu nutzen. Wollte er es im Bergbau einsetzen, brauchte er auch ein Bergregal. Heute hat dieses Recht keine Bedeutung mehr im Harz.

Von Anna Kleimann

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