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„Wir messen Erfolg nicht an der Zeit“

Serie, Teil 1/ 40 Jahre in St. Raphael „Wir messen Erfolg nicht an der Zeit“

Seit vier Jahrzehnten werden in der Tagesstätte St. Raphael behinderte Kinder und Jugendliche betreut. Die Arbeit der Duderstädter Einrichtung, den Alltag von Jugendlichen und Betreuern sowie den Wandel im Umgang mit Behinderten stellt das Tageblatt in einer Serie vor. Heute Teil 1: Seit 40 Jahren ist Jutta Jung Erzieherin in St. Raphael.

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Menschen, die Lebensfreude ausstrahlen: Jutta Jung (Mitte) mit Madlen und Sahrah (rechts).

Quelle: Blank

Als die 18-jährige Duderstädterin Jutta Jung als frischgebackene Heilerziehungspflegerin in der neueröffneten Tagesstätte St. Raphael ihre erste Arbeitsstelle antrat, ahnte sie nur, wie ihr künftiges Aufgabenfeld aussehen würde. An diesem 1. April 1971 wusste sie auch noch nicht, dass sie ihren Dienstherren wohl nie wechseln würde. Seit 40 Jahren arbeitet Jung mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, und das 40-jährige Bestehen der von der Caritas getragenen Einrichtung St. Raphael ist nicht nur mit ihrem beruflichen Leben verknüpft. „Jutta hat hier nicht 40 Dienstjahre, sondern Lebensjahre verbracht“, bringt es Marie-Theres Waning-Ernst auf den Punkt. Sie leitet seit 15 Jahren die Tagesstätte Am Euzenberg und ist die siebte Chefin, mit der Jung zusammenarbeitet.

„Das hier ist viel, viel mehr als bloße Arbeit“, betont Jung und schaut in die Gesichter ihrer Jugendlichen. Alle Abteilungen, vom Kindergarten bis zur Außengruppe, hat sie durchlaufen. Die Außengruppe in unmittelbarer Nachbarschaft des Haupthauses und mit dem Sprachheilkindergarten unter einem Dach ist Jutta Jungs „Ding“. Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren lernen und üben dort täglich ein möglichst eigenständiges Leben, mit Tages- und Finanzplanung, Einkauf, Kochen und – nicht zuletzt – Persönlichkeitsentwicklung.

Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten massiv verändert. „Wir haben 1971 mit sechs älteren Kindern um die 13 Jahre angefangen. Einige von ihnen waren bis dato noch nie draußen gewesen. Nachbarn hatten manche der Kinder noch nie gesehen“, beschreibt Jung die Vorurteile, die es damals gegenüber Menschen mit Handicap gab. „Eine Mutter sagte weinend, so ein Kind werde als Strafe Gottes betrachtet“, erinnert sich Jung.

Die Anfänge in der Einrichtung waren für sie spannend. Es habe weder ein Betreuungs- noch ein Förderkonzept gegeben: „Wir hatten viele Spielkisten, alles spielte sich zu Anfang am Tisch ab“. Schnell habe das Mitarbeiter-Team jedoch gemerkt, dass das wenig Erfolg bringt. Regelmäßige Fortbildungen sorgten dafür, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Betreuung umgesetzt wurden. Darüber hinaus stand Mitarbeitern und Kindern ein tolles Außengelände zur Verfügung, so dass die Kinder auch im Freien und beim Spiel motorisch gefördert werden konnten. „Auch in der Gesellschaft setzte ein Umdenken ein“, erinnert sich Jung.

Einen Einschnitt brachte die Einführung der Schulpflicht 1978. „Damals haben wir die Kooperation mit der Pestalozzi-Schule Duderstadt gestartet, und die ganze Behinderten-Betreuung bekam einen ordentlichen Schub.“ Jung erinnert sich heute noch an die ersten Besuche der Kinder und Jugendlichen in der Duderstädter Innenstadt: „Das war ein Schau spiel, die Menschen kamen aus dem Gucken gar nicht raus.“ Jung hat nie an ihrer Berufsentscheidung gezweifelt: „Das war und ist mein Traumberuf. Nirgends sonst habe ich so ehrliche Menschen getroffen, die so viel Lebensfreude ausstrahlen.“

Und doch wird Jung und ihren Kollegen ein besonderes Maß an Stärke abverlangt, denn die Konfrontation mit Krankheit und auch Tod bestimmt den Arbeitsalltag. „Das immer wieder verkraften zu können, ist wohl eine Lebenseinstellung. Wir sehen und freuen uns über Kleinigkeiten, messen Erfolg nicht an der Zeit. Schmerzhafte Erlebnisse verarbeiten wir alle gemeinsam, denn der Verlust eines Kindes trifft ja nicht nur uns, sondern auch die anderen Kinder und Jugendlichen.“
Und was war die größte Herausforderung für Jung im Laufe der letzten 40 Jahre? „Jutta musste lernen, mit Technik umzugehen“, sagt Waning-Ernst schmunzelnd und deutet auf den Sprachcomputer, mit dessen Hilfe Kevin Schliep mit seiner Umwelt kommuniziert. Der sogenannte Talker und der Einsatz der Gebärdensprache haben Kindern mit Sprachbehinderung vor einigen Jahren die Tür zur Welt der Worte geöffnet.

Was wünscht sich Jung noch für ihr Arbeitsleben? Eine Wohnung in der Stadt, wo junge Menschen mit Behinderungen eigenständig leben können. „Dort würde ich gern meine restlichen Dienstjahre verbringen“, sagt die Duderstädterin. Und was wünschen die Jugendlichen ihrer Jutta? „Dass sie Spaß und Freude mit ihren Kollegen und am Leben hat, und dass wir ihr keinen Grund zum Meckern geben.“ Das mit dem Meckern muss sich die vergangenen 40 Jahre angesichts Jungs Humor, Energie und positiver Lebenseinstellung augenscheinlich aber in Grenzen gehalten haben.

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Serie, Teil 2

Seit vier Jahrzehnten werden in der Tagesstätte St. Raphael Kinder und Jugendliche mit Behinderungen betreut. Die Arbeit der Duderstädter Einrichtung, den Alltag in den verschiedenen Bereichen wie Kindergarten und Schule sowie den Wandel im Umgang mit Behinderten stellt das Tageblatt in einer Serie vor. Heute Teil 2: Geschichte und Entwicklung von St. Raphael.

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