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Zentrale der Sufis befand sich einst in Nesselröden

Islamische Mystiker Zentrale der Sufis befand sich einst in Nesselröden

In Nesselröden befand sich einige Jahre die Zentrale des Internationalen Sufi-Ordens. Deren Gründer, der Inder Hazrat Inayat Khan (1882-1927), brach vor 100 Jahren – am 13. September 1910 – in den Westen auf.

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In Nesselröden befand sich einige Jahre die Zentrale des Internationalen Sufi-Ordens. Deren Gründer, der Inder Hazrat Inayat Khan (1882-1927), brach vor 100 Jahren – am 13. September 1910 – in den Westen auf.

Quelle: EF

„Ich habe das Büro in meiner Wohnung in den 90er-Jahren in der Nesselröder Straße 28 betrieben“, berichtet die Sozialpädagogin Regina Teuber, die jahrelang als Sekretärin für den Orden tätig war. Sie ist später nach Katlenburg-Lindau umgezogen. Seit 2010 lebt sie in Göttingen. Sufis sind die islamischen Mystiker. Sie geben sich nicht mit dem Vollzug religiöser Gebote zufrieden, sondern suchen unter anderem mittels Meditation und Tanz die direkte Begegnung mit Gott.

In der islamischen Welt stehen Sufis oft unter Verdacht, von der wahren Religion abzuweichen. So wird beispielsweise mit Misstrauen beobachtet, dass der Tschischti-Sufi-Orden, in dem Inayat Khan ursprünglich initiiert wurde, auch Nichtmuslime einweiht. Diese müssen nicht nach dem muslimischen Gesetz leben. Für buchstabengläubige Muslime ist das ein Unding. Inayat Khan jedoch übernahm diese Praxis. Er sprach von einem Universellen Sufismus, der sich nicht auf den Islam reduzieren lasse.

Inayat Khan hat seine Lehren in Aphorismen gefasst, die unter dem Titel „Gayan, Vadan, Nirtan“ (Verlag Heilbronn) als Buch erschienen sind. Auf Mitschriften von Schülern beruht das Werk „Die Gathas. Weisheit der Sufis“ (Verlag Heilbronn). Der Sufimeister fand seinerzeit vor allem unter Theosophen Gehör. Die theosophische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, gilt als Wegbereiterin der modernen Esoterikszene.

Der theosophische Einfluss lässt sich beispielsweise an den Universellen Gottesdiensten beobachten, die der Internationale Sufi-Orden feiert. Solche Gottesdienste veranstaltet die Gemeinschaft seit dem Jahr 2000 auch in Göttingen. Nach Auskunft des Organisators Puran Lehmann kommen zwischen 30 und 40 Personen. Bei den Feiern stehen alle religiösen Traditionen gleichberechtigt nebeneinander. So einen Relativismus kritisiert Papst Benedikt XVI. Allerdings hat sich die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbst dem Relativismus geöffnet. Die Annahme, dass auch andere Religionen die Wahrheit erfassen, ist Grundlage der Ökumene.

Inayat Khan hielt zwischen 1910 und 1926 Vorträge in vielen Städten Europas und Nordamerikas. Zugang zu den Menschen fand er vor allem über die Musik. Er stammte aus einer Musikerfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits hat die Musikfakultät der Universität im nordindischen Baroda gegründet. Inayat Khan heiratete die Amerikanerin Ora Ray Baker, mit der er vier Kinder hatte. Sie lebten in Suresnes bei Paris, der Partnerstadt von Hann. Münden. Eines der Kinder, Hidayat Inayat-Khan, verfasste über seine Jugend ein Buch, „Es war einmal. Erinnerungen aus frühen Tagen an meine geliebte Familie“ (Verlag Heilbronn). Dort ist unter anderem zu lesen, dass der amerikanische Industrielle Henry Ford Inayat Khan ein Auto schenkte. Der Sufimeister machte daraufhin den Führerschein. 1926 reiste der Inder in seine Heimat zurück, wo er kurz darauf mit 45 Jahren starb.

Ein Verwandter des Sufimeisters führte die Gemeinschaft weiter. Während des Zweiten Weltkriegs schloss sich eine Tochter von Inayat Khan der französischen Widerstandsbewegung Resistance an. Sie wurde verhaftet und im Konzentrationslager Dachau ermordet. Ihr Bruder Vilayat Khan ging nach England und kämpfte als Marineoffizier gegen Nazideutschland.
Als Vilayat Khan 1957 als ältester Sohn seines Vaters die Führung der Gemeinschaft übernehmen wollte, gab es Streit innerhalb der Familie. Es kam zur Spaltung. Seither gibt es eine Sufi-Bewegung und einen Sufi-Orden. Für Außenstehende sind kaum Unterschiede zu erkennen. Anhänger erklären selbstironisch, dass die Sufi-Bewegung keine Bewegung und der Sufi-Orden keine Ordnung kenne. Vilayat Khan setztete 2001 seinen Sohn Pir Zia als Nachfolger ein.

Und haben die Sufis im Eichsfeld Spuren hinterlassen? Laut der ehemaligen Ordenssekretärin Teuber dürfte kaum ein Außenstehender mitbekommen haben, dass sich die Zentrale des deutschen Zweigs einmal in Nesselröden befunden hat. Mehr Aufmerksamkeit hätten die jährlichen Treffen erregt, die das damalige Oberhaupt, Vilayat Khan, bis 2003 jeweils zu Ostern in der Stadthalle in Osterode durchgeführt habe. Heute befindet sich die Deutschland-Zentrale des Ordens, der in der Bundesrepublik 600 Anhänger haben soll, in Frankfurt.
Der nächste Universelle Gottesdienst in Göttingen findet am Sonntag, 26. September, um 11 Uhr in der Mehrzweckhalle, Backhausstraße 14, statt.

Von Michael Caspar

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