Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Zwischen Brauchtum und Bioenergie

Erntedank Zwischen Brauchtum und Bioenergie

Als ein Berufsstand verschrien, der – naturgemäß schon wegen der Unwägbarkeit des Wetters – viel klagt, sind die Landwirte. Am Sonntag wird jedoch gedankt und nicht geklagt.

Voriger Artikel
Trinkwasser aus der DDR versorgt Duderstädter
Nächster Artikel
Grünes Licht für Photovoltaik

Tradition: Erntedank-Dekoration in Gotteshäusern.

Quelle: Pförtner

Das Erntedank-Fest fällt in diesem Kalenderjahr in konfessioneller Kongruenz auf Sonntag, 3. Oktober – zwei Tage nach dem Weltvegetariertag: Laut katholischer Bischofskonferenz wird Erntedank am ersten Sonntag im Oktober gefeiert, in evangelischen Gemeinden am ersten Sonntag nach dem Michaelistag (29. September).

Es sind vor allem Landfrauen und katholische Frauengemeinschaften, Kindergärten, Schulen und Kirchen, die im Eichsfeld die Erntedank-Tradition hochhalten. „Wir müssen mit Gott und der Natur in Kontakt bleiben“, hebt Kreislandwirt Hubert Kellner aus Desingerode die Bedeutung der Brauchtumspflege hervor. Das habe gerade in diesem Jahr wieder der dramatische Ernte- und Wetterverlauf gezeigt: „Einem langen Winter und feuchten Frühjahr folgte ein zu heißer und zu trockener Juni, und zur Erntezeit ab August hat es ständig geregnet.“ Die Kehrseite des nervlich aufreibenden Wetterverlaufs seien deutlich gestiegene Preise gewesen.

„In unseren Dörfern und Kirchen wird Erntedank sehr wohl noch wahrgenommen und gefeiert“, meint Kellner. Skeptischer ist Achim Hübner, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes: „Dass Landwirte die Ernährung sicherstellen, wird in der Bevölkerung immer weniger bemerkt.“ Erntedank befinde sich in guter Gesellschaft mit anderen Feiertagen, deren Bedeutung früher größer gewesen sei. Über Jahrzehnte hinweg sei es der Landwirtschaft gelungen, eine solide Grundversorgung sicherzustellen, sagt Hübner: „Not ist nicht mehr erkennbar wie nach dem Krieg, als die Leute nichts zu futtern hatten.“ Hungersnöte und Totalausfälle wie in anderen Ländern gebe es nicht mehr, die Mengenschwankungen seien nur noch gering, moderne Produktionstechnik habe dazu beigetragen, Wetterkapriolen ausgleichen, Pilz- und Parasitenbefall eingrenzen zu können. Hübner: „Vor 50 Jahren wäre ein Wetterverlauf wie in diesem Jahr ein Ernte-Gau gewesen.“

Auch das Binden von Erntekränzen, die Landidylle beschwörenden Herbstdekorationen und liebevoll ausgestalteten Kirchen scheinen Lichtjahre entfernt von den inzwischen vorherrschenden Produktionsstandards im Agrarsektor. Im niedersächsischen Landwirtschaftskalender 2010 – einem „Jahrbuch für Haushalt, Betrieb und Familie“ – geht es um die Berechnung genomischer Zuchtwerte, Milch-Monitoring, das Diagnostik- und Herdenmanagementsystem Herd Navigator, um viel Chemie und um noch mehr Software. „Als Landwirt muss man heute auch EDV-Experte sein – und zunehmend mehr im Büro sitzen“, sagt Hübner. Dass die Trecker im Eichsfeld beim Pflügen noch nicht via Satellit gesteuert werden, liegt nur an den zu kleinen Flächen hier. Dafür verfügen immer mehr Mähdrescher über Positions- und Mengenerfassung sowie automatische Lenksysteme.

Und schon längst geht es in der Landwirtschaft nicht mehr nur um Verbrennungsenergie für den menschlichen Körper. Der Getreidepreis hängt mit dem Energiepreis zusammen, wie es sich beim Ethanol zeigt. Eine Schlüsselrolle kommt den Landwirten bei der Energiewende zu: Sie verpachten Flächen für Windkraftanlagen, spicken Scheunendächer und Maschinenhallen mit Photovoltaik-Modulen und errichten Biogasanlagen. „Landwirte bieten die Grundpfeiler für ein normales Leben“, fasst Kellner zusammen: „Wir sorgen dafür, dass Menschen es trocken, satt und warm haben.“ Vor allem aus älteren Jahrgängen kommenden Skeptikern, die noch Hunger erlebt haben und darüber befremdet sind, dass Feldfrüchte der Nahrungskette entzogen und zur Energiegewinnung „verheizt“ werden, hält Hübner entgegen „Was auf unseren Flächen wächst, ist immer Energie, als Endverwertung bleibt Wärme.“

Die Hitzigkeit, mit der so manche Diskussion über landwirtschaftliche Entwicklungen geführt wird, ist dem Pragmatiker Hübner fremd – ob es um radikales Vorgehen gegen Geflügelmast, Kritik am Fleischverzehr oder die Befürchtung von Mais-Monokulturen als Wildschwein-Eldorado durch Biogasanlagen geht.

Zur Steuerung von Grundbedürfnissen müsse der Staat regulierend eingreifen. Statt eines Übermaßes an Forderungen und Vorschriften sollte man aber mehr Aufklärung betreiben und es den Markt regeln lassen, stimmen Kellner und Hübner überein. Jeder könne „glückliches“ Fleisch kaufen, pointiert Hübner: „Wenn keiner billiges Hähnchen- und Putenfleisch kauft, wird es auch nicht produziert.“ Ansonsten würden Produktion und Wertschöpfung nur in andere Länder verlagert. Wie eng die vernetzte Welt zusammengerückt ist, wird in der Landwirtschaft besonders deutlich. Die Märkte reagieren sensibel auf Katastrophenmeldungen mit drastischen Ernteausfällen wie die Waldbrände in Russland oder die Überschwemmung in Pakistan. „Wir spüren die Globalisierung immer mehr“, sagt Kellner und appelliert an die Verbraucher, ihr Verhalten zu überdenken. Regionale und saisonale Produkte führten immer noch ein Nischendasein, der Verbraucher entscheide aber an der Kasse.

„An vielen Stellen fehlen leider Verständnis und ein Blick für die Realität“, bedauert Hübner. Und merkt bei aller Freude über die Erntedank-Brauchtumspflege kritisch an: „Die schöne heile Welt gibt es nirgends mehr – und hat es wie die gute alte Zeit wahrscheinlich auch nie gegeben. Was wir brauchen, ist mehr Ehrlichkeit.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Duderstadt
Apfel- und Birnenmarkt in Duderstadt

©Richter