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Wiedersehen zwei Jahrzehnte nach dem Wunder

20. Jahrestag der Grenzöffnung Wiedersehen zwei Jahrzehnte nach dem Wunder

Heute vor 20 Jahren hat sich die Welt verändert. In der Nacht 9. auf 10. November 1989 ging in Deutschland die Grenze auf. In Gerblingerode rollte um 0.35 Uhr der erste Trabi in den Westen. In dieser Nacht begegneten sich auch in Gieboldehausen Menschen aus Ost und West. Zehn Jahre später sahen sie sich wieder. Und auch jetzt trafen sie sich in Erinnerung an das Wunder der Grenzöffnung. Tageblatt-Redakteur Heinz Hobrecht war bei allen drei Begegnungen dabei.

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10. November 1989 in Gieboldehausen: Schwester Lioba, untergehakt von Benno Klaus, Gerd Klaus, Bettina und Wolfgang Hellrung, Wolfgang und Gertrud Kohlitsch sowie Mathilde Klaus (von links).

Quelle: Hobrecht

Mitten in der Nacht zum 10. November 1989 klingelte es an der Tür des Gieboldehäuser St. Antoniusstifts: das Startsignal für aufregende und turbulente Stunden für die damals 59-jährige Vinzentinerschwester Lioba. Besuch war da. Bettina Hellrung, die Nichte der Ordensfrau, und deren Mann Wolfgang – damals 21 beziehungsweise 24 Jahre alt – standen vor der Tür.

Die Barmherzige Schwester schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Unglaubliches war geschehen: Aus der damaligen DDR, den obereichsfeldischen Orten Gernrode und Birkungen, waren die Nichte und ihre Freunde – Gertrud (30) und Wolfgang Kohlitsch (35), Mathilde (36) und Gerd Klaus (37) sowie dessen Bruder Benno Klaus (22) – gekommen. Beobachtet wurde das Zusammentreffen von Heinz Hobrecht, damals als Freier Mitarbeiter für das Tageblatt tätig.

Die überraschenden Besucher aus dem Osten schilderten, wie sie über die Grenze zu „Tante Edeltrud“, so der weltliche Name der aus dem Obereichsfeld stammenden Barmherzigen Schwester, gekommen waren. Ein Trabi und ein Lada standen vor dem Haus in der St. Laurentiusstraße. „Das gibt es doch nicht“, meinte die Ordensfrau immer noch fassungslos.

Vorangegangen war die legendäre Pressekonferenz im DDR-Fernsehen, in der Günther Schabowski die Reiseerlaubnis für DDR-Bürger „ab sofort“ verkündet hatte. „Mal sehen, ob es klappt“, hatten sich die Besucher aus dem Osten danach gesagt. Nach einem Schlachtefest, so schilderten sie, waren sie aus einer Bierlaune heraus mit ihren Autos in Richtung Grenzübergang bei Teistungen gefahren – und konnten ihn tatsächlich passieren. Auf der Bundesstraße zwischen Rollshausen und Gieboldehausen kam es zur Begegnung mit Zeitungsmann Hobrecht. Der war eigentlich in der Gegenrichtung unterwegs, zum Grenzübergang Worbis-Duderstadt. „Wo geht es denn hier nach Gieboldehausen?“, lautete die Frage aus dem Lada, den Wolfgang Hellrung lenkte. Gerd Klaus fuhr den Trabi.

Freude und Dankbarkeit

Zehn Jahre später: Das Tageblatt berichtete über die Begegnung in der Nacht zum 10. November 1989 und ein Folge-Treffen der Gruppe zum Jahrestag der Grenzöffnung. Freude und Dankbarkeit, aber auch Demut aller Beteiligten über das gemeinsam Erlebte kamen dabei zum Ausdruck. Zwanzig Jahre nach der Grenzöffnung haben sich die Eichsfelder nun ein drittes Mal getroffen. So lässt sich das Schicksal und der Werdegang der Menschen über zwei Jahrzehnte nachvollziehen.

Im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Kassel, einem vom Vinzentinerorden getragenen Haus, findet das Treffen diesmal statt. Schwester Lioba verbringt dort bei guter Gesundheit ihren Lebensabend und ist bei der Betreuung von Patienten tätig. Ihr Lebensmotto, „Lieber lachen als verbiestert schauen“, sieht man ihr an. Fröhlich und herzlich begrüßt sie ihre Nichte und die Freunde in der Caféteria des Krankenhauses.
„Die zwei Jahrzehnte sind rasend schnell vergangen.“ Wie Schwester Lioba geht es allen aus der Grenznacht. Es sind keine Katastrophen im persönlichen Umfeld passiert, im Großen und Ganzen geht es allen auch gesundheitlich gut. Gerd Klaus, der sich nach der Wende als Malermeister selbstständig gemacht hatte und darüber beim zehnjährigen Treffen berichtete, befindet sich aus gesundheitlichen Gründen inzwischen im Ruhestand. Dafür hat Ehefrau Mathilde noch einmal den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Sie betreibt den Klosterladen am Krankenhaus Reifenstein.

Was hat sich in 20 Jahren verändert? Was ist besser oder schlechter geworden nach der Grenzöffnung? Natürlich drängten sich diese Fragen auf. Die Antworten knüpfen an die Schilderungen vor zehn Jahren im Antoniusstift in Gieboldehausen an.

Zufrieden mit dem Leben

Die Gruppe ist zufrieden, wie sich ihr Leben nach der Wende entwickelt hat. „Nie wieder DDR“, sind sich alle sieben Eichsfelder einig, die im damaligen ostdeutschen Staat aufgewachsen sind. Zwei Währungsumstellungen – von DDR- auf D-Mark und dann zum Euro – haben sie miterlebt und sich auf viele andere Dinge neu einstellen müssen. „Uns geht es besser als früher“, spricht Bettina Hellrung ihren Freunden aus der Seele. Dass so viele Menschen in Thüringen die Linkspartei gewählt haben, will Mathilde Klaus nicht verstehen.

Rückkehr der Tochter

Benno Klaus, Vater von vier Töchtern, ist froh, dass er über die Wende hinaus seinen Arbeitsplatz behalten hat. Er ist inzwischen seit 33 Jahren im Sperrholzwerk in Niederorschel tätig. Auch Wolfgang Kohlitsch hat nach einer Umschulung beruflich Fuß gefasst. „Langsam beginnt es, Geschichte zu werden, verknüpft der heute 55-jährige Verwaltungsmitarbeiter die Entwicklung nach der Wende mit seinem Lebensgefühl. Mit Ehefrau Gertrud freut er sich auf die Rückkehr der Tochter, samt Großkind und Schwiegersohn. Nach einigen Jahren in Frankfurt am Main will die Familie nun bei den Eltern in Gernrode einziehen.

Bettina und Wolfgang Hellrung haben sich in Gernrode ein Eigenheim gebaut. Wolfgang, der früher – wie auch einige andere aus der Gruppe – im Milchhof in Leinefelde arbeitete und dort schon in den ersten Tagen der Wende gekündigt hatte, ist jetzt schon fast 20 Jahre beim Dachdeckerbetrieb Eduard Koch in Duderstadt tätig.

Vor- und Nachwendekinder

An den jungen Menschen sei zu sehen, dass die Teilung Deutschlands immer mehr überwunden werde, sind sich die Obereichsfelder einig. Von West und Ost würden die Jugendlichen überhaupt nicht reden. An ihren drei Kindern, so berichtete das Ehepaar Hellrung, ließe sich das Ende der DDR und der Neubeginn im vereinten Deutschland gut nachvollziehen: Sohn Christoph, inzwischen 21 Jahre alt, gelte in der Familie als Vorwendekind. Sohn Paul, mit dem Bettina Hellrung im Herbst 1989 schwanger war und jetzt 19 Jahre alt ist, kann man als Kind der Wendezeit bezeichnen. Christin, die 14-jährige Tochter, ist im vereinten Deutschland geboren.

Wie schon bei der Begegnung in der Grenznacht und dem Treffen zehn Jahre später in Gieboldehausen, endet das dritte Treffen mit einem gemeinsamen „Vater unser“. Der Dank an Gott, dass die Zeit des Umbruchs friedlich verlaufen ist, und dass sich Menschen nun ungehindert begegnen können, klingt nach in dieser deutsch-deutschen Grenz-Geschichte.

In der Kapelle des St.-Elisabeth-Krankenhauses im hessischen Kassel halten die Thüringer und der Niedersachse mit Schwester Lioba inne: „Schön, dass wir das Glück hatten, den großen Moment gemeinsam zu erleben.“

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