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„Denkmal der Schande“ vor Höckes Haus

Aktionskünstler gegen AfD-Politiker „Denkmal der Schande“ vor Höckes Haus

Mitglieder des Zentrums für politische Schönheit haben ein „Denkmal der Schande“, eine Nachbildung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, vor Björn Höckes Haus in Bornhagen aufgebaut. 24 Stelen aus Beton und Holz haben sie errichtet.

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Mitglieder des Zentrums für politische Schönheit haben ein „Denkmal der Schande“, eine Nachbildung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, vor Björn Höckes Haus in Bornhagen aufgebaut.

Quelle: mib

Bornhagen. Björn Höcke wird überwacht. Seit zehn Monaten. Nicht vom Verfassungsschutz, sondern von einem Berliner Künstlerkollektiv. Die Akteure vom „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) haben im thüringischen Weiler Bornhagen unbemerkt das Nachbargrundstück des AfD-Rechtsaußen angemietet. Am Mittwoch stellten sie nun 24 Betonstelen in ihren Garten – einen exakten Nachbau eines Teils des Berliner Holocaust-Mahnmals.

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Das nachgebaute Holocaust-Mahnmal in Bornhagen - in unmittelbarer Nachbarschaft zum AfD-Politiker Björn Höcke

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Dicht gedrängt stehen die 24 Betonstelen in dem noch nicht einmal 100 Quadratmeter großen Garten des kleinen Häuschens in der in der Friedensstraße in Bornhagen. Schmale Wege führen auf dem matschigen mit Rindenmulch bestreuten Boden durch die mehr als zwei Meter hohen Quader. Wie Betonklötze sehen sie aus. Es sind grau verputzte Holzkonstruktionen.

„Jede Menge Infos“ über Höcke gesammelt

Keine 50 Meter entfernt, den Hügel hinauf, befindet sich das Wohnhaus von Björn Höcke. Wenn der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag aus dem Fenster blickt, liegt das Mahnmal, das das Zentrum für Politische Schönheit für ihn errichtet hat, direkt unter ihm. „Er hat es heute morgen auch schon gesehen“, sagte Morius Enden vom Zentrum für Politische Schönheit am Mittwoch.

In den vergangenen fünf Tagen haben er und seine Mitstreiter vom ZPS die Stelen errichtet, berichtet Enden. Seit mehreren Monaten haben die Aktionskünstler das unscheinbare Haus gleich neben dem Wurstmuseum bereits angemietet. Ohne jeglichen Argwohn bei den Bewohnern des kleinen Eichsfeld-Dorfes hervorzurufen und ohne Komplikationen mit dem Vermieter des Hauses. Mit Höcke, dem die Kunstaktion gilt, habe es keinen Kontakt gegeben. Während dieser Zeit hätten sie aber durch Beobachtung des Höcke-Hauses „jede Menge“ Infos über den AfD-Rechtsaußen gesammelt. „Über sein berufliches Umfeld etwa“, sagt Sprecherin Thilda Rosenfeld. Und wer bei Höcke ein und ausgeht.

„Die Erinnerung muss in Beton gegossen werden.“

„Wir haben das Mahnmal aus der deutschen Hauptstadt um 180 Grad gedreht“, erklärt Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des ZPS. „Wir wollen und können die grotesken Forderungen zur Geschichtspolitik nicht auf sich beruhen lassen. Auch nicht nach fast einem Jahr ohne Distanzierung. Die Erinnerung muss gerade in den braunen Ecken des Landes in Beton gegossen werden.“

Am 17. Januar forderte Höcke bei einer Rede im Dresdner Ballhaus Watzke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Über das Berliner Mahnmal sagte er wörtlich: „Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

„Gegen Nazis wenden wir nur Nazi-Methoden an“

Wenn Höcke vor dem Mahnmal-Nachbau auf die Knie falle wie einst Willy Brandt in Warschau, würde das ZPS seine Privatsphäre nicht weiter überwachen. Lehne Höcke ab, würden Dossiers mit pikanten privaten und politischen Details den Weg in die Öffentlichkeit finden. Dazu gehörten auch neue Beweise, dass Höcke unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ in NPD-Postillen publizierte.

Die Aktion ist ein Coup mit Beigeschmack. Denn dieser „Deal“ ist natürlich nichts anderes als Erpressung. Ruch weist den Vorwurf zurück, er wende „Stasi-Methoden“ an. „Gegen Nazis wenden wir nur Nazi-Methoden an“, sagt er. Die Aktionen des ZPS spenden sich aus „aggressivem Humanismus“. 2014 hatten Aktivisten Gedenkkreuze für die Mauertoten vom Berliner Spreeufer entwendet und temporär an die EU-Außengrenze verfrachtet. Bei der Aktion „Die Toten kommen“ hoben sie zudem symbolische Gräber für im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge vor dem Reichstagsgebäude aus.

50000 Euro Spenden innerhalb weniger Stunden gesammelt

Auf der Website www.deine-stele.de ruft das ZPS zu Spenden auf, um das Mahnmal direkt vor Höckes Haus zu finanzieren. Bei den für die Spender angebotenen Prämien „Höckes Axt“ (5000 Euro) und Höckes Exemplar von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ (500 Euro) handele es sich nicht um Trophäen, sondern um „Repliken“, wie Rosenfeld auf Nachfrage erläutert. Bis zum Abend gingen mehr als 67000 Euro an Spenden ein. 28800 Euro seien insgesamt nötig, um Bau und Betriebskosten des Mahnmals für zwei Jahre zu sichern. „Der Ableger des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas wurde in weniger als 8 Stunden von der Zivilgesellschaft für 5 Jahre vollfinanziert. Je mehr Ihr spendet, desto länger muss Bernd „denken“.“, hieß es auf der Internetseite des Projektes.

Die Nachbarn und Dorfbewohner nahmen am Mittwoch kaum Kenntnis von der Aktion in ihrem Ort. Der ein oder andere warf einen zaghaften Blick durch die Gardine auf die zahlreichen Pressevertreter, die zwischen Mahnmal und Höckes Haus pendeln. Doch als die Aktion, über die es bis zuletzt höchste Geheimhaltung gab, in den sozialen Medien die Runde macht, kommt Bewegung in die Sache. Vereinzelte Besucher oder kleine Grüppchen suchen nach dem Mahnmal. AfD-Anhänger und Höcke-Freunde gehen in Höckes Haus. Davor hat sich sicherheitshalber die Polizei postiert. Gegen Mittag kreist ein Polizeihubschrauber über den beiden benachbarten Grundstücken.

Polizei „völlig überrascht“ von der Aktion

Die Polizei sei am Morgen von der Aktion „völlig überrascht“ gewesen, sagte deren Sprecherin Fränze Töpfer. Die Kriminalpolizei habe ihre Arbeit aufgenommen. Die Errichtung des Mahnmals sei nicht zu beanstanden, im Blick seien viel mehr mögliche Straftaten im Zuge der Observierung von Höcke. Beamte seien für den Objektschutz im Einsatz, so Töpfer. Auch um mögliche weitere Aktionen zu verhindern – von Seiten der Aktionskünstler und von Seiten der AfD-Anhänger.

Das gelingt nicht. Am Nachmittag kommt es, so Töpfer, zu „kleineren Rangeleien“ zwischen dem Vermieter und AfD-Anhängern auf der einen Seite und den Aktionskünstlern auf der anderen Seite. Etwa 20 Personen hätten versucht, in das Haus mit dem Mahnmal zu kommen. Verletzte habe es aber nicht gegeben. Man sei weiterhin mit einem kleinen Aufgebot vor Ort, sagte sie. Laut Töpfer habe der Vermieter inzwischen angekündigt, den Mietvertrag mit dem Künstlern zu kündigen.

AfD will Künstler zur Rechenschaft ziehen

Höcke selbst oder sein Sprecher waren für eine Stellungnahme bis zum späten Nachmittag nicht erreichbar. Thüringens AfD hat unterdessen die Mahnmal-Aktion als „psychologische Kriegsführung“ gegen ihn und dessen Familie kritisiert. AfD-Landessprecher Stefan Möller forderte zudem eine gesellschaftliche Reaktion. „Wo ist die Grenze des Akzeptablen?“, fragte er am Mittwoch in Erfurt. Dies könnten nicht die Aktivisten des „Zentrums für politische Schönheit“ entscheiden, sondern das sei Aufgabe der Gesellschaft. In diesem Fall sei eine Schwelle überschritten worden.

„Wir setzen da auch auf das Verantwortungsgefühl unserer politischen Mitbewerber“, sagte Möller. Höckes Familie sei monatelang nachgestellt, ausgespäht und fotografiert worden. Höcke ist verheiratet und hat vier Kinder. „Wie wollen Sie die Angst dieser Kinder wieder einfangen?“. Nach Möllers Angaben wird der AfD-Politiker rechtliche Schritte gegen die Aktion einlegen. Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen sagte: „Es ist widerwärtig, dass so etwas in Deutschland überhaupt möglich sein kann.“ Seine Partei werde alles daransetzen, „dass diese sogenannten Künstler zur Rechenschaft gezogen werden“.

Die Polizei sichert Höckes Haus, AfD-Anhänger sammeln sich auf seinem Grundstück

Die Polizei sichert Höckes Haus, AfD-Anhänger sammeln sich auf seinem Grundstück.

Quelle: mib

Für Bertram Trümper, AfD-Anhänger, ist die Aktion „bezahlter Krawalltourismus“, der von den „Gewerkschaften gezüchtet“ worden ist. Er sorge sich um die Meinungsfreiheit in Deutschland. Diese werde nicht toleriert, sagt er. Er könne die Aufregung um das Höcke-Zitat nicht verstehen, sagte er, nahm seinen Stoffbeutel mit dem Konterfei Höckes und dem Spruch „Geh aufrecht“ unter den Arm und verschwand auf Höckes Grundstück.

Lea Rosh: „Das ist eine wunderbare Idee“

Die Mitinitiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, begrüßte den Nachbau des Denkmals. „Das ist eine wunderbare Idee“. Die Aktion so kurz vor der Weihnachtszeit sei eine „herrliche Bestrafung“ für Höcke. So müsse er vor seinem Haus den Nachbau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas erdulden.

Ein Kreis um Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel (1929-2017) hatte den Bau des Mahnmals angeregt. Das Denkmal mit 2711 Betonstelen war 2005 eröffnet worden. Die Mahnmal-Stiftung in Berlin wollte sich zu der Aktion auf Anfrage nicht äußern.

„Faschistische Methoden“

Thüringens Landtagspräsident Christian Carius (CDU) verurteilte die Kunstaktion und verglich sie mit den Zersetzungsmethoden der DDR-Staatsicherheit. Die Aktion habe nichts mit Kunst zu tun, sondern sei ein Angriff auf die Freiheit des Mandats, die Unversehrtheit von Familie und ein ungeheuerlicher Eingriff in das Leben eines Menschen, erklärte Carius. „Ich gehe davon aus, dass die Polizei unverzüglich Ermittlungen gegen die Initiatoren aufnimmt.“ Der sachsen-anhaltische AfD-Fraktionsvorsitzende André Poggenburg sprach von „faschistischen Methoden“ und einer „Aushebelung“ des Rechtsstaatsprinzips.

Der Mahnmal-Nachbau in Thüringen ist nicht die erste Kunstaktion, die das Holocaust-Mahnmal und den Thüringer AfD-Partei- und Fraktionschef Höcke in Bezug setzt. Anfang des Jahres erstellte der Berliner Satiriker Shahak Shapira die Internetseite „Yolocaust.de“. Dort stellte er Fotos aus sozialen Medien zusammen, auf denen zumeist junge Touristen fröhlich an dem Denkmal posieren. Bewegte man den Mauszeiger über die Bilder, wurden die Protagonisten in Bilder aus NS-Vernichtungslagern montiert. In den sozialen Medien wurde die Seite oft in Bezug auf die Höcke-Rede geteilt. Auch Shapira stellte sein Projekt in diesen Zusammenhang.

Von Michael Brakemeier / Jan Sternberg / RND / DPA / EPD

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