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15 Vorschriften für die Enthauptung

Letze öffentliche Hinrichtung 15 Vorschriften für die Enthauptung

Die letzte öffentliche Hinrichtung unter der Gerichtslinde auf dem Leineberg in Göttingen fand am 20. Januar 1859 statt. Friederike Lotze hieß die zum Tode verurteilte Delinquentin. Sie hatte den Bäckermeister Sievert zu Münden, der ihr die Ehe versprochen hatte und dessen Dienstmagd sie war, am 13. März 1858 vergiftet. Sie wurde mit dem Schwert enthauptet. Ein Rückblick von Matthias Blazek.

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Scharfrichter: Christian Schwarz.

Quelle: Repro: Dietrich Alsdorf

Göttingen. Die schreckliche Hinrichtung des Vater- und Schwestermörders Andreas Christoph Beinhorn aus Grone lag damals 31 Jahre zurück: Sie war am 10. Oktober 1828 am gleichen Ort vollstreckt worden. Da die Exekution an der Giftmischerin Lotze auf öffentlichem Platz vollzogen wurde, war, wie üblich, der Andrang des schaulustigen Publikums außerordentlich groß. Zur Abschreckung mussten zudem alle Dienstboten aus Göttingen und dem Umland der Hinrichtung beiwohnen. Dennoch nahmen viele Zeitungen davon gar nicht erst Notiz.

Der Kurier für Niederbayern – Tagblatt aus Landshut berichtete am 26. Januar 1859: „Göttingen, 20. Jan. Heute Morgen wurde die unverehelichte Friederike Lotze aus Dankelshausen, Amts Münden, welche in der Schwurgerichtssitzung vom September wegen des am Bäckermeister Sievert zu Münden, ihrem derzeitigen Dienstherrn, verübten Giftmordes zur Todesstrafe mit Schärfung durch Herausschleifen auf der Kuhhaut zum Richtplatz verurtheilt war, durch den Nachrichter Schwarz mittelst einen Hiebes enthauptet. Die Schärfung hatte der König im Wege der Gnade beseitigt.“ Friederike Lotze wurde also vermutlich zu Fuß zum Hochgericht geführt, indem ihr Prediger und Schulkinder betend und singend das Geleit gaben.

Das Lied „O wie dunkel seid ihr Mauern“ wurde der Lotzeschen Mordgeschichte zugeschrieben, wie das Bremer Sonntagsblatt am 19. Februar 1860 berichtete. Oberstaatsanwalt Woytasch aus Marienwerder, vorher Halle, der der Hinrichtung beiwohnte, schrieb in einer persönlichen Mitteilung an den Berliner Theologieprofessor Hermann Leberecht Strack im August 1892: „Ich war Schüler des berühmten Prof. Herrmann in Göttingen. Auf seine Veranlassung wohnte ich Anfangs Januar 1859 der öffentlichen Hinrichtung einer Giftmischerin bei Göttingen bei. Dieselbe erfolgte mittels Schwertes.“ Woytasch hatte mitangesehen, wie das Volk den Militärring durchbrach, das Blut auffing und weiße Tücher darin eintauchte. „Auf meine entsetzte Frage wurde mir geantwortet, daß dieses Blut zur Heilung der Fallsucht [Epilepsie] verwendet werde.“

Bluttrinken war abergläubische Praxis

Das Blut spielte im Aberglauben und Glauben der Menschheit eine Rolle, Bluttrinken war eine abergläubische Praxis. Über die Hinrichtung des Malers Louis Krage in Braunschweig am 27. März 1874 hieß es in der Zeitung Bohemia: „Bei der Hinrichtung des Krage sahen wir einen Burschen, welcher diese Operation vorgenommen hatte, mit blutbeflektem Gesicht auf dem Tummelplatz umherlaufen, da der Aberglaube weiter verlangt, daß dem Genusse des Blutes ein rasches Laufen folgen müsse. Bei einer anderen Gelegenheit fand sogar der Cannibale – anders können wir den Bluttrinker nicht bezeichnen – seinen Tod dadurch, daß er, von einem Verwandten an das Pferd gebunden, einen Dauerlauf nach seinem Dorf machen mußte, wo er kurz nachher an der Lungenentzündung starb.“

Henker verkauften am 29. Juli 1864 im Zellengefängnis Moabit massenhaft Taschentücher à zwei Taler an heilsuchende Epilepsiekranke. Hermann Leberecht Strack veröffentlichte im Jahre 1900 Woytaschs Ausführungen. Der nächste verurteilte Mörder wurde in Göttingen schon am 7. November 1860, allerdings, wie die Hannoversche Zeitung vom 8. November 1860 schreibt, im „innern Hofe des (...) Obergerichtsgebäudes“ mit dem Fallbeil geköpft. Hier fungierten zwei Gefängnisangestellte und ein Tagelöhner als Strafvollstrecker.

Ab 1859 diente die Anatomie (anatomisches Institut) in Göttingen unregelmäßig, ab 1861 regelmäßig, als Zielort der in der Zuchthausanstalt vor Celle Verstorbenen. Ein neues Gesetz über die Todesstrafe kam zustande, welches an Stelle des Schwertes das Fallbeil einführte und die bislang schon im Gnadenwege erlassene Schärfung durch Hinschleppen des Delinquenten auf einer Kuhhaut beseitigte. Die hannoversche zweite Kammer hatte sich am 14. Februar 1859 für die Vollstreckung der Todesstrafe durch das Fallschwert ausgesprochen. Lediglich die protestantischen Geistlichen erklärten sich für die Beibehaltung der bisherigen Hinrichtungsart durch das Schwert des Scharfrichters. Auch hatte die Kammer beschlossen, der Regierung die Beschränkung der Öffentlichkeit bei Hinrichtungen zu empfehlen.

Fallschwert in Gebrauch

Schließlich kam durch das Gesetz vom 31. Dezember 1859, die Todesstrafe betreffend (ausgegeben zu Hannover, den 4. Januar 1860), das Fallschwert in der Provinz Hannover in Gebrauch. Fünf Jahre später endete in Deutschland die Ära der öffentlichen Hinrichtungen. Die letzte öffentliche Hinrichtung im Königreich Hannover wurde bereits wenige Monate nach dem Akt auf dem Leineberg, am 12. Juli 1859 auf dem Richtplatz im Belmer Sundern bei Osnabrück, vollzogen.

Die zweite Hauptperson der Göttinger Hinrichtung vom 20. Januar 1859 hieß Christian Schwarz. Schwarz war der letzte in Hannover ansässige Scharfrichter, er lebt von 1793 bis 1867. Für Preußen war er nicht mehr tätig. An seine Stelle traten später auswärtige Herren und die Guillotine.

Christian Schwarz aus Groß Rhüden (jetzt Landkreis Goslar) übte einen „unehrlichen“ Beruf aus. Er hatte seinen Lebensmittelpunkt und seinen Arbeitsplatz in Hannover ab dem Jahr 1844. Schwarz, der von hünenhafter Gestalt und gegen 1,95 Meter groß gewesen sein soll, wurde am 18. Mai 1793 in Seesen geboren und auf den Namen Johann Christian Schwarz getauft, wo sein Vater Georg Thomas Schwarz (auch Schwarze), verehelicht mit Eleonore Seifert, das Nachrichteramt innehatte. Väterlicherseits vermutlich Tiroler Herkunft.

15 Vorschriften für Enthauptung

Die Instruktionsregeln für die Scharfrichter zum Ausüben der Enthauptung umfassten 1845 noch 15 Vorschriften, zum Beispiel für die Fesselung, die Art und Maße des Stuhls, selbst wie der Scharfrichter die Füße zu stellen und wie er den Hieb auszuführen hatte. Das Richtschwert hatte vier Fuß lang und vier Zoll breit zu sein und musste ein Gewicht von fünf Pfund haben.

Christian Schwarz hatte zuvor für die Hansestadt Bremen seit 1827 Hinrichtungen vollstreckt. Er wurde Halbmeister in Hagen und Bremervörde, dann Scharfrichter in Hannover und sollte mit Übergang zur Guillotine 1859 in den Ruhestand versetzt werden. Schwarz, damals 67 Jahre alt, protestierte und richtete schon im Januar 1859 einen seiner ersten zahlreichen Protestbriefe an das hannoversche Justizministerium. Darunter setzte er ein Kreuz für „Scharfrichter Schwarz, welcher des Schreibens unerfahren“. Schwarz erinnerte die Behörde in seinem ersten Schreiben daran, dass er seit seiner Bestellung vor 32 Jahren 38 Hinrichtungen vorgenommen habe, „und vor wenigen Tagen lieferte ich den Beweis, durch eine Hinrichtung in Göttingen, wie ich zu Führung meines Schwerdtes noch fähig bin“. In einem anderen Brief sprach er dann widersprüchlich von 41 und in einem weiteren von 34 vollzogenen Hinrichtungen.

Einige von Schwarz’ Amtshandlungen und deren Umstände sind überliefert. Als Christian Schwarz, damals noch Halbmeister in Bremervörde, 1830 in Rotenburg den wegen Raubmordes verurteilten Diedrich Mangels hin­richten sollte, übte er am Abend vorher seine Treffsicherheit an einer Steckrübe, die er an einem Bindfaden aufhängte und von der er dann dünne Scheiben abschlug.

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Baum soll entlastet werden

Einsatz mit Säge: Die sogenannte Gerichtslinde am Göttinger Stadtfriedhof ist jetzt geschnitten worden. Dabei seien fachmännisch besonders dicke und seit dem letzten Schnitt nachgewachsene Äste, die senkrecht aus alten und sehr starken Ästen herausgewachsen seien, entfernt worden, teilte die Stadtverwaltung mit. Der Schnitt sei notwendig gewesen, um diese alten Äste zu entlasten und den Baum zu sichern.

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