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Ein Jahr und acht Monate als „gerechtes Urteil“

Urteil im Missbrauchsprozess Ein Jahr und acht Monate als „gerechtes Urteil“

Täter und Opfer waren sich seit der Schulzeit bekannt. Später waren sie befreundet, bis sich der 23-Jährige eines Nachts ins Bett seiner schlafenden und betrunkenen Freundin legte und versuchte, in sie einzudringen. Das Göttinger Landgericht verurteilte den Mann zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten.

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Quelle: dpa

Göttingen. Die Staatsanwaltschaft hatte dem Physikstudenten sexuellen Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person vorgeworfen. Wie in den meisten Sexualstrafverfahren stand auch hier Aussage gegen Aussage. „Er hat mich missbraucht“ gegen „Wir hatten einvernehmlichen Sex.“ Augenzeugen gab es nicht und auch keine Tatbeweise. In den vergangenen Wochen sei es daher Aufgabe des Gerichts gewesen, die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu überprüfen, erklärte der Vorsitzende Richter Tobias Jakubetz in der Urteilsbegründung. Und dabei sei man schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass es in diesem Fall einen Missbrauch und keinen Sex gegeben habe.

„Gerechtes Urteil“ gefordert

In den Plädoyers hatten sowohl der Verteidiger als auch der Nebenklagevertreter ein „gerechtes Urteil“ gefordert – und damit etwas sehr Gegenteiliges gemeint. Und Jakubetz räumte ein: „Man hätte diesen Fall auch möglicherweise ganz anders entscheiden, einige Indizien anders interpretieren können.“ Es sei ein schwieriges Verfahren gewesen, sagte der Vorsitzende der Kammer. Man habe sich die Entscheidung keineswegs einfach gemacht.

Eine der Schwierigkeiten habe darin bestanden, zu verstehen, in welchem Verhältnis Täter und Opfer zueinander gestanden haben. Die beiden besuchten sich, machten sich Geschenke, übernachteten gemeinsam in einem Zimmer. Auch die Chatverläufe seien durchaus missverständlich gewesen, räumte Jakubetz ein.

Annäherungsversuche abgewehrt

Aber während der Physikstudent sich Hoffnungen auf mehr machte, lebte seine Schulfreundin in einer Beziehung. Auch während des letzten Besuchs im Dezember 2015 in Göttingen gab es immer wieder Annäherungsversuche, die höflich zurückgewiesen wurden. Streit gab es nicht. Man trank zusammen, traf sich mit Freunden, ging auf eine große Fachschaftsparty, feierte und tanzte. Als die beiden schließlich gegen 4.30 Uhr morgens in die Studenten-WG zurückkamen, hatte er nach Annahme des Gerichts etwa 2,2, sie über 1,4 Promille im Blut.

Was dann kam, schilderte das Opfer so: Nach einem kurzen Gespräch sei sie eingeschlafen und irgendwann von dem Gefühl aufgewacht, etwas in sich zu spüren. Sie schubste den Mann von sich. Doch statt ihn aus der Wohnung zu jagen, ließ sie ihn in ihrem Bett neben sich liegen. Erst am nächsten Morgen bat sie ihren Besucher dann zu gehen, rief ihren Freund an und erzählte von der vergangnen Nacht. Einen Tag später ging sie zur Untersuchung ins Uniklinikum und zeigte den Missbrauch bei der Göttinger Polizei an.

Schilderungen des Opfers glaubhaft

Das Gericht habe diese Aussage einer ausführlichen Analyse unterzogen. Warum hat sie ihn nicht aus dem Bett geschmissen? Hätte es Gründe für eine falsche Beschuldigung gegeben? Wie schwer wiegen die Widersprüche in ihren Aussagen? All dieses Frage habe man sich gestellt, so Jakubetz. Im Ergebnis erschien die Schilderung des Opfers glaubhaft. Einige Aussagen des jungen Mannes hingegen seien im Laufe des Verfahrens zumindest teilweise widerlegt worden.

Wäre man einer seit 2016 geltenden Rechtssprechung gefolgt, hätte die Strafe noch deutlich höher ausfallen können. Darauf verzichtete das Gericht. Es verhängte Bewährungsstrafe und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Markus Scharf

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