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60 Jahre Sterntheater: Das älteste erhaltene Kino Göttingens

Ein Rückblick 60 Jahre Sterntheater: Das älteste erhaltene Kino Göttingens

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Der Filmvorführer ist der wichtigste Mann im Kino: Lars Henze bei der Arbeit.

Quelle: Hinzmann

Aus der Dunkelheit bricht ein erstes Flackern auf die Leinwand. In der umgebauten Reithalle der ehemaligen Wörthkaserne in der Sternstraße läuft mit „Schwarze Narzisse“ am Sonntag, 4. September 1949, der erste Film im Sterntheater über die Leinwand. Auf 941 eng aneinander gestellten Holz-Klappstühlen konnten Besucher die neuesten Hollywood-Filme verfolgen.
Während andere Göttinger Kinos der ersten Stunde wie das Capitol, Eden oder Central irgendwann untergingen, blieb das Sterntheater bis heute erhalten. Die Sitzplatzzahl im Hauptsaal wurde mittlerweile nahezu halbiert, Holzstühle gegen Polstersessel ausgetauscht. An den Wänden, der Einrichtung – überall finden sich heute kleine Spuren, die von der Geschichte des Hauses erzählen.
Peter Heitmann und Helga Kruse können ebenfalls einiges berichten, haben sie doch das Sterntheater über Jahrzehnte begleitet und verschiedenste Besitzer und Konzepte kennen gelernt. „Wir gehören hier ja nun mehr oder weniger zum Inventar“ sagt Kruse und lacht. Seit 14 Jahren verkauft sie im Sterntheater die Eintrittskarten, Popcorn und Getränke.
Ihr Vater war Tonfilmtechniker, so dass sie auch als kleines Mädchen schon oft im Haus war. „Das hatte damals schon alles Glamour. Das Kino hatte etwas von einem großen Hotel, mit eigenem Portier in roter Uniform und weitläufigem Foyer. Es wurde Dinnermusik gespielt, die Mäntel an einer Garderobe abgegeben“, so Kruse. „Damals hat man sich noch besonders angezogen, wenn man ins Kino ging. Da hätte sich auch niemand getraut, im Saal zu rascheln.“ Wöchentlich, seit 43 Jahren, zeigt der Filmvorführer Heitmann die aktuellen Filme. In den Jahren hat er sämtliche technische Modernisierungen miterleben können: „Damals war das Filmvorführen noch eine richtige Kunst. Man hatte 600 Meter lange Filmspulen, das entsprach einer Filmlänge von etwa 22 Minuten. Diese musste man dann kurz vor dem Ende der Spule mit der nächsten Rolle überblenden. Sonst wurde die Leinwand weiß und der Zuschauer wäre aus dem Film gerissen worden.“ Oft sei das aber nicht passiert.
Um einem Zuschauerrückgang durch die Einführung des Fernsehens vorzubeugen, wurde auch das Sterntheater im Juli 1955 auf das Cinemascope-Format umgerüstet. Die Leinwand wurde von 28 auf 84 Quadratmeter vergrößert, und so konnte das Sterntheater sich nicht nur endgültig in der Göttinger Kinolandschaft etablieren, sondern wurde auch zum größten Cinemascope-Theater Niedersachsens. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1957 feierte das Sternchen, ein zusätzlich angebauter Kinosaal mit damals 408 Plätzen, seine Eröffnung. Die Göttinger Kino-Größe Kurt Krause, der seit zwei Jahren die Leitung inne hatte, ließ zu diesem Anlaß „Krieg und Frieden“ mit Audrey Hebpurn zeigen.
Vorlesungen im Kinosaal
Die räumliche Vergrößerung kam auch der Georgia Augusta im Oktober 1960 zugute: Wegen akutem Platzmangel wurden die Kino- zu Hörsälen umfunktioniert. „Wir haben dann das Putzlicht angeschaltet, damit die Studenten auch anständig mitschreiben konnten“, sagt Heitmann und lacht. Nachdem Kurt Krause in den Ruhestand ging, wechselte dass Sterntheater noch einige Male seine Betreiber und kam im Herbst 2003 unter die Obhut der Cinemaxx AG. Fortan gab es eine klare Rollentrennung: Die Blockbuster liefen im Cinemaxx, das Sterntheater wurde zum Filmkunstkino. Wegen zu hohem administrativen Aufwand gab das Cinemaxx jedoch Anfang dieses Jahres die Leitung an die jetzigen Betreiber, die Vereinigte Kino-Betriebe GmbH, ab.
Peter Heitmann ist froh, dass im Laufe der Jahre das alte Kinoflair geblieben ist. „Wir sitzen ja nun immerhin im ältesten noch erhaltenen Kino in Göttingen. Das merkt man auch, und das sollte auch so bleiben.“ Neumodische Kinos seien nichts für ihn, mit den langen Gängen wie auf einem Bahnhof. „Massenabfertigung hat für mich nichts mehr mit Kinoerlebnis zu tun“, so Heitmann.
Aber auch jenseits der Leinwand erlebten Kruse und Heitmann einiges, wie Promibesuche von Entertainer und Schauspieler Peter Frankenfeld („Natürlich die Autofahrer“) oder vom Schlagersänger Gerhard Wendland („Tanze mit mir in den Morgen“). Auf der Bühne wurden Konzerte und Modenschauen gezeigt.
Dazu gesellen sich sogar übersinnliche Ereignisse in den Räumen des Sterntheaters: „Wir haben einen Kinogeist“, so Kruse, „und ich meine nicht so ein wenig Knartschen und Quietschen, wie es in einem alten Gemäuer mal vorkommt.“ So sei es schon passiert, dass nach der Aufführung ein bereits gereinigter Rang plötzlich wieder mit Popcorn verwüstet war, obwohl die Kollegen den Raum zwischendurch nicht verlassen hatten. „Das ist schon eigenartig. Aber es ist kein böser Geist, der macht halt nur ein wenig Schabernack.“
Das vom Schauspieler Marek Erhardt gelesene Hörbuch „Hollywood an der Leine. Die Geschichte der Filmstadt Göttingen“ ist im Online-Tageblattshop unter http://shop.gt-extra.de/ erhältlich.

Von Anna Sönnichsen

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